Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Baumschule

Nachlese zur Exkursion „Gartenbau in Zeiten des Klimawandels“

Der Klimawandel ist das beherrschende Thema unserer Zeit und zwingt Landwirtschaft wie Gartenbau zu neuen Denkansetzen, Handlungsweisen und Techniken.

Wie das HLNUG veröffentlichte, wurden in Hessen in den Sommern 2015 und 2018 neue Hitzerekorde gemessen, verbunden mit einer überdurchschnittlichen Trockenheit. Die Klimaerwärmung lässt die Obstbäume, auf lange Sicht gesehen, jährlich etwas früher blühen (Studie: 1961 -2016).

Welche Erkenntnisse und Empfehlungen hat die Forschung zu den sich wandelnden Produktionsbedingungen im Gartenbau? Wie müssen Betriebe arbeiten, damit sie unter den sich ändernden Bedingungen wirtschaftlich gut dastehen?

Auf der Suche nach Antworten machten sich am 25. und 26. September 20 Experten aus den verschiedenen gartenbaulichen Fachgebieten des LLH auf eine Reise in die Schweiz und nach Süddeutschland – natürlich klimafreundlich mit dem Zug.

Mehr Schädlinge, mehr Nützlinge

Erste Station war das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) im schweizerischen Frick. Es wurden u.a. Studien zur Phänologie von Insekten, Phänologie-Modelle für Obstblüte- und Schädlinge sowie saisonale Schädlingsprognosen im Obstbau unter heutigen und zukünftigen Klimabedingungen vorgestellt und diskutiert. So ist laut Dr. Sybille Stöckli davon auszugehen, dass die wärmer werdenden Winter dazu führen, dass zukünftig mehr Schadorganismen, aber auch mehr Nützlinge, die kalte Jahreszeit in der Schweiz überleben werden. Auch wird die Anzahl der Vermehrungszyklen der Organismen zunehmen, sodass gleichzeitig größere Populationen zu erwarten sind. Zudem muss man künftig mit neu auftretenden Schadorganismen (derzeit rund 80 – 90 Arten) rechnen. Sich hierzulande bereits etablierende “neue“ Schädlinge sind bspw. die Kirschessigfliege oder die Marmorierte Baumwanze.

Ziele des FiBL sind

  • der Aufbau von effizienten Bekämpfungsstrategien,
  • regionalspezifische Prognosen für den Obst- und Gartenbau zu erarbeiten und
  • die jeweiligen Behandlungszeiträume in der Praxis entsprechend anzupassen.

Das FiBL arbeitet aktuell mit unterschiedlichen Partnern an einer nachhaltigen Pflanzenschutzstrategie.

Ein weiteres Projekt des FiBL ist eine Steigerung der Biodiversität in der Landwirtschaft, wobei Schweizer Landwirte über ein Punktesystem für Naturschutzleistungen eine Abgeltung erfahren können und sich somit für sie ein neuer Einkommenszweig eröffnet. Informationen zu diesem Projekt sind unter der Website www.agri-biodiv.ch zu finden.

Ein Ökosystem im Ökosystem

Zweite Station war das Thurgauer Land- und hauswirtschaftliche Bildungs- und Beratungszentrum Arenenberg. Hier wurden verschiedene Erdbeer- Heidelbeer- und Apfelsorten mit Blick auf Klimaanpassung, einer zweiten Blüte (Remontierer) und den Nützlingseinsatz vorgestellt und diskutiert. So besuchten die Teilnehmenden u.a. eine vollständig eingenetzte Apfelsorten-Parzelle in Sommeri. Darin werden Nützlinge ausgesetzt bzw. mittels spezieller Blühstreifen und Heckenpflanzungen (z. B. Haselnuss, Heckenkirsche, Hartriegel, Wolliger Schneeball, Brombeere und Holunder) sowie durch die Anbringung von Insektenquartieren und angepasste Bewirtschaftungsmaßnahmen gezielt gefördert. Ziel ist der Aufbau eines weitgehend selbstregulierenden Systems für eine umweltschonende, pflanzenschutzextensive und rückstandsfreie Apfelproduktion.

Prävention reduziert den Pflanzenschutzmitteleinsatz

Am nächsten Morgen folgte die Besichtigung eines 40.000 m² großen Gemüsegewächshauses am Bodensee in Mühlingen, das zum Betrieb „Bio-Gemüse Wagner“ gehört. In dem sehr effizient arbeitenden Hochleistungsgewächshaus wird Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. So wird zur Beheizung der Kulturen die Abwärme einer Biogasanlage verwendet. Der vorbeugende Pflanzenschutz erfolgt durch regelmäßige Bestandskontrollen durch die Mitarbeitenden, ideale Fruchtfolgen, strenge Hygienemaßnahmen, eine optimale Klimaregulation sowie präventiven Nützlingseinsatz. Die Bewirtschaftung des gesamten Betriebes erfolgt nach den Richtlinien von Bioland und Naturland. Ein Großteil der Produktion (Schlangengurken, Paprika, Tomaten) geht an die REWE-Supermärkte in der Region.

Ohne Torf geht es (noch) nicht

Die letzte Station führte uns auf deutscher Seite des Bodensees zum größten Topfpflanzenproduktionsbetrieb, zum „Gartenbau Friedrich“ in Friedrichshafen. Der Betrieb wurde bereits 1933 gegründet und arbeitet heute auf 12 ha. Ursprünglich handelte es sich um einen reinen Erica gracilis Betrieb, wobei mittlerweile auch andere Zierpflanzen angebaut werden. Für die Produktion typischer Moorbeetpflanzen kann auf Torf nicht verzichtet werden, so dass lediglich Minderungsstrategien in Form des 20-prozentigen Einsatzes von gedämpften Betriebskompost möglich sind.

Für die Bewässerung hat der Betrieb u.a. 8 Regenwasser-Auffangbecken mit insgesamt 3.100 m³ Fassungsvermögen. In der Regel reicht dieser Wasservorrat von Oktober bis April. Im Sommer muss zunehmend auf den hauseigenen Betriebsbrunnen zurückgegriffen werden. Außerdem hat der Betrieb eine fahrende Gießwasser- und Düngeanlage mit integriertem Transport- und Rückschnittsystem entwickelt. Die Umweltauflagen hinsichtlich der Nährstoffbelastung der Ablaufwasser konnten über eine weitgehende Umstellung auf Depotdünger umgesetzt werden.

Die Beheizung der Gewächshäuser erfolgt hauptsächlich durch Hackschnitzel-Unterschub-Holzfeuerung.

Innerhalb der Gewächshäuser ist für den arbeitsintensiven innerbetrieblichen Transport eine eigens entwickelte Transportförderanlage mit einer Gesamtlänge von 4,5 km verbaut, die gleichzeitig bei Vollbelegung als zweite Kulturfläche genutzt werden kann und dann die heizbare Gewächshausfläche von 1,6 ha auf 3,5 ha erweitert.

Auffällig war in einem derartigen Zierpflanzengroßbetrieb auch der weitreichende Einsatz von Kunststoffprodukten, insbesondere von Gewebefolien und Töpfen, und die Problematik, den Kunststoffeinsatz zu reduzieren. Neben diesen vielen Umweltfragen wurde aber bei „Gartenbau Friedrich“ auch deutlich, wie sehr spezialisierte Gartenbaubetriebe mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben.

Das vielfältige und breitgefächerte Programm der Gartenbauexkursion eröffnete allen teilnehmenden LLH-Fachleuten ein Blick über den jeweiligen Tellerrand.


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