Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Obstbau

Im Wandel: Süßkirschenanbau in der Region Witzenhausen

Die Stadt Witzenhausen und die umliegenden Dörfer können auf eine sehr lange Tradition des Süßkirschenanbaus zurückblicken. Seit Jahrhunderten prägen Süßkirschenbäume an den Hängen des Werratales die Region. Weit über einhunderttausend großkronige Süßkirschenbäume verwandeln jährlich im Frühjahr das Land in ein weißes Blütenmehr.

Obstbaumanbau war Pflicht für Bürger

Blühende Süßkirschen
Prägt seit jeher die Region: die Süßkirschenblüte
Neben dem Weinanbau erfuhr die Süßkirsche schon sehr früh große wirtschaftliche Bedeutung. Um etwa 1291 sollen sich die Mitglieder des damaligen Wilhelmitenordens intensiv mit dem Süßkirschenanbau befasst haben.

Im 18.Jahrhundert gab es in Witzenhausen bereits einen florierenden Handel mit Süßkirschen. In vielen Hausgärten, an Hängen, Straßenrändern und zwischen den Weinbergen standen Kirschbäume. Die Stadt- und Dorfbewohner wurden verpflichtet, Obstbäume zu pflanzen. Dem, der nicht mindestens fünf Obstbäume anpflanzte, konnten die Bürgerrechte entzogen werden.

Reife Süßkirschen an einem Ast
Witzenhäuser Kirschen erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit
Im 20. Jahrhundert verlagerte sich der Kirschenanbau immer stärker in kleinere landwirtschaftliche Betriebe. Es wurde schon frühzeitig den Marktwünschen entsprechend ein Kernsortiment mit Süßkirschensorten eingeführt.

Witzenhäuser Kirschen wurden sehr schnell in ganz Deutschland bekannt und beliebt, und der Bedarf nach Witzenhäuser Kirschen stieg schnell an. Großkronige Baumformen dominierten bis in die 90-er Jahre des letzten Jahrhunderts das Bild des Süßkirschenanbaues in der Region. Die Anbauflächen vergrößerten sich. Mit Familienarbeitskräften konnte oftmals die Kirschenernte nicht mehr bewältigt werden; Erntehelfer mussten unterstützen. Die Bewirtschaftungskosten stiegen. Es musste sich etwas tun, um den Kirschenanbau in Witzenhausen weiterhin wirtschaftlich betreiben zu können.

Kleinkronige, kompakte Bäume als Alternative

Mit der Gründung eines Süßkirschenversuchsbetriebes im Witzenhäuser Ortsteil Wendershausen und einer sehr erfolgreichen Testung von Gi-Sel-A Wurzelsorten konnten in den 1990er Jahren die ersten kleinkronigen Süßkirschbäume gepflanzt werden. Sie stellten eine Lösung für die rückläufige Entwicklung des Kirschenanbaues dar.

Süßkirschenanlage mit kleinkronigem Baumbestand
Kleinkronige Sorten lassen sich einfacher pflegen und bewirtschaften
Die Erwartungshaltung in die neuen Gi-Sel-A Baumformen war groß. Schnell entstanden die ersten Anlagen mit kleinkronigen Kirschbäumen und für den Süßkirschenanbau entwickelte sich eine neue Perspektive. Heute wachsen in unserem Anbaugebiet auf über 160 ha Anbaufläche Süßkirschen auf kleinkronigen Baumformen.

Altanlagen auf Hochstämmen sind rückläufig. Um jedoch den prägenden Charakter des Landschaftsbildes zu erhalten, werden mit verschiedenen Partnern und der deutschen Genbank Obst, Süßkirschensorten mit soziokulturellem, lokalem oder historischen Bezug als Hochstämme an verschiedenen Orten der Region gepflanzt. Diese Sammlung soll auch zur Erhaltung der genetischen Ressourcen bei Kirschen dienen.

Kirschenanbau im (Klima)Wandel

Die Prüfung verschiedener Gi-Sel-A Wurzelsorten im Versuchsbetrieb Wendershausen läuft weiter. Aktuell werden auch Fragen zur Weiterentwicklung des Kirschenanbaues im sich abzeichnenden Klimawandel bearbeitet. Mit welchen Anbauformen können weiterhin Kirschen bei zunehmender Sommertrockenheit erfolgreich angebaut werden? Wie können wir die biologische Vielfalt in Kirschenplantagen fördern? Wie gehen wir mit der Zunahme an Krankheiten und neuen Schaderregern um?

Diese und weitere Fragen beschäftigen derzeit die Kirschenanbauer.
Besonders problematisch ist die Bekämpfung der aus Asien stammenden Kirschessigfliege. Alljährlich verursacht sie große wirtschaftliche Schäden im Kirschenanbau. Ebenso ist eine zunehmende Ausbreitung der Kirschfruchtfliege festzustellen.
Durch Veränderungen in der Kulturführung soll der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln stetig reduziert werden.


Die Nachfrage nach Witzenhäuser Kirschen ist groß. Die Vermarktung der Kirschen erfolgt auf verschiedenen Wegen. Neben Straßenverkauf an ausgewiesenen Straßenständen werden die Kirschen auch über Händler und der Obstabsatzgenossenschaft vermarktet.
Neben der Frischvermarktung werden Verarbeitungsprodukte wie Säfte, Marmeladen oder Brände angeboten.


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