Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Ökologischer Pflanzenbau

LSV Öko-Wintergerste 2018: Trockenheit verursachte enttäuschende Erträge

Viele hessische Öko-Praktiker haben in jüngerer Zeit mit dem Anbau von Öko-Wintergerste durchaus positive Erfahrungen gemacht, so dass sie in immer mehr Betrieben einen festen und günstigen Platz in der Fruchtfolge einnimmt. Die Wintergerste hat aus pflanzenbaulicher Sicht im Ökolandbau viele Vorzüge. Aufgrund ihrer zeitigen Saat und der vergleichsweise frühen Ernte lässt sich das punktuell sehr hohe Arbeitsaufkommen beim Anbau von Druschfrüchten entzerren. Das frühzeitige Räumen der Ackerfläche ermöglicht darüber hinaus eine intensive Stoppelbearbeitung und damit auch Regulierung von ausdauernden Wurzelunkräutern. Auch für eine rechtzeitige Aussaat von Kleegras und Zwischenfrüchten bietet der Wintergerstenanbau Vorteile.

Der Öko-Landessortenversuch Wintergerste rotiert in Alsfeld-Liederbach auf den Betriebsflächen des seit 1989 biologisch-dynamisch bewirtschafteten Betriebs Kasper und steht stets im ersten Jahr nach zweijährigem Feldfutterbau. Aufgrund der integrierten Viehhaltung (0,4 GV/ha) ist auf den Versuchsflächen die Grundnährstoffversorgung mit Phosphor, Kalium und Magnesium auf den meisten Schlägen im optimalen Bereich (Versorgungsstufe C). Dr. Thorsten Haase vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen fasst die Ergebnisse des hessischen Öko-Landessortenversuches zu Wintergerste (2014-2018) zusammen.

Bei der Sortenwahl sind auswinterungsfeste, blattgesunde und langstrohige Sorten mit zügiger Frühjahrsentwicklung (gute Unkrautunterdrückung) zu bevorzugen. Standfestigkeit und eine geringe Neigung zu Halm- und Ährenknicken sind weitere wichtige Auswahlkriterien. In den Öko-Landessortenversuchen zu Wintergerste werden vorwiegend mehrzeilige Wintergersten geprüft. Zweizeilige Sorten spielten in der Praxis des Ökolandbaus lange eine untergeordnete Rolle, nehmen aber im Anbauumfang zu.

Die mehrzeilige Sorte Lomerit wird in Alsfeld-Liederbach bereits seit 2002 durchgängig (Ausnahme: 2003) geprüft und dient als Referenz zur Studie von Ertragsniveau und -stabilität aber auch der langfristigen Ertragsentwicklung auf dem Versuchsstandort. Der durchschnittliche Kornertrag dieser Sorte aus 15 Prüfjahren (2002-2018, ohne 2003 bzw. 2012:  Auswinterung) liegt bei 56 dt/ha, der maximal erreichte Ertrag lag bei 82 dt/ha (2011), der geringste Ertrag bei 36 dt/ha (2018). Derartige Zeitreihen belegen den enormen Einfluss des Anbaujahres auf den Ertrag unter den Bedingungen des Ökologischen Landbaus.

Die mittleren Kornerträge (Bezugsbasis) der Öko-Wintergerste in Alsfeld-Liederbach waren 2018 mit durchschnittlich rund 36 dt/ha auf einem weit unterdurchschnittlichen Niveau. Als Bezugsbasis dienten die in den zurückliegenden fünf Versuchsjahren (2014-2018) geprüften mehrzeiligen Sorten Semper, Highlight, Lomerit, Titus und die zweizeilige California. Vergleicht man die aus fünf Jahren gemittelten jeweiligen Relativerträge dieser fünf Sorten untereinander, so schneidet die zweizeilige Sorte California am besten (104 %), Semper am schlechtesten (98 %) ab. In der Folge wird die Ertragsleistung für die bereits mindestens drei Jahre lang geprüften Sorten und stets im Verhältnis zum Ertrag der Bezugsbasis bewertet und hinsichtlich ihrer Ausprägung der wichtigsten agronomischen Eigenschaften.

Die Sorten im Kurzportrait

Die Erträge von Lomerit bewegen sich dreijährig (2016-2018) knapp unter (99%) der Bezugsbasis. Zu beachten ist ihre Anfälligkeit für Lager und Halmknicken sowie für Netzflecken und Rhynchosporium. Positiv hervorzuheben sind ihre Winterfestigkeit und die zügige Jugendentwicklung. Lomerit kann für den Anbau noch immer in die engere Wahl genommen werden, jedoch unter den genannten Vorbehalten.

Sorte Highlight hat im Schnitt der letzten drei Jahre knapp unter Durchschnitt gedroschen (98 %) und kommt dennoch für den Anbau nach wie vor in Frage. Sie fällt durch ihre ausgeprägte Langstrohigkeit auf. Die Anfälligkeit für Pilzkrankheiten ist bei Highlight ausgewogen.

Sorte Semper ist ebenfalls langjährig geprüft und Die Sorte besitzt eine gute Winterfestigkeit, ist halmstabil, damit standfest und weitestgehend blattgesund. Semper kann für den Anbau empfohlen werden.

Titus ist langstrohig, standfest und blattgesund, neigt jedoch zum Ährenknicken. Im Vergleich mit der Bezugsbasis lieferte 2018 die höchsten Kornerträge. Die Sorte ist winterfest, langstrohig, frohwüchsig und blattgesund. Die Halmstabilität ist weitestgehend gut, nur die Neigung zum Ährenknicken ist zu beachten. Titus kann für den Anbau empfohlen werden.

Quadriga gilt als ertragsstark und konnte dies in den vergangenen vier Prüfjahren auch belegen. Die Sorte weist eine ausgewogene Blattgesundheit auf und ist winterfest, langstrohig und trotzdem halmstabil. Aufgrund der erfreulichen Ertragsstabilität und der positiven agronomischen Eigenschaften ist sie auf jeden Fall für den Anbau zu empfehlen.

Die langstrohige, winterharte und blattgesunde Sorte Kaylin blieb im Kornertrag leider deutlich (96 %) unter dem dreijährigen Durchschnitt der Bezugsbasis. Positiv zu bewerten sind ihre Halmstabilität, gute Bodendeckung und Blattgesundheit.

Zweijährig geprüft scheint KWS Infinity als zweite zweizeilige Sorte im Prüfsortiment mit altbekannten Sorten wie Highlight und Semper mithalten zu können. Die Sorte besitzt laut Landwirtschaftskammer Niedersachsen eine auffällig gute Bodendeckung in der Jugendentwicklung, was ein gutes Unkrautunterdrückungsvermögen erwarten lasse. KWS Infinity ist relativ kurz. Bis auf eine mittlere Mehltauanfälligkeit ist sie blattgesund. Sorte Joker hat nun ebenfalls zwei Prüfjahre absolviert. Sie ist mittelang, bei den relevanten agronomischen Eigenschaften Lagerneigung, Ährenknicken und Blattgesundheit bewegt sie sich im Mittelfeld.

2018 wurden mehrere neue Sorten in das Prüfsortiment aufgenommen. Toreroo ist eine Hybridsorte. Der mit der Hybridzüchtung einhergehende Heterosiseffekt lässt ein hohes Ertragspotenzial erwarten.  Die Sorte ist laut Bundessortenamt langwüchsig und halmstabil, erfreulich blattgesund. Hedwig ist ebenfalls neu im Sortiment, lang und halmstabil bei mittlerer bis guter Blattgesundheit, neigt jedoch zum Halmknicken. Hedwig besitzt eine zusätzliche Resistenz gegenüber dem Gelbmosaikvirustyp 2 (BaYMV-2). Ihr Kornertrag im Jahr 2018 macht neugierig auf das kommende Versuchsjahr. Lucienne ist halmstabil und blattgesund. KWS Higgins ist langstrohig bei guter Halmstabilität und Blattgesundheit. Einziger Nachteil: die Anfälligkeit für Zwergrost.  Cayu ist eine neu zugelassene Öko-Züchtung und hat unlängst die Öko-Wertprüfung absolviert. Sie ist langstrohig, hat eine ausgewogene Blattgesundheit und Halmstabilität und wenig anfällig für die Streifenkrankheit.

Was beim Anbau zu berücksichtigen ist:

Die Grundbodenbearbeitung und Saatbettbereitung zur Wintergerste sollte besonders sorgfältig durchgeführt werden. Gerade auf Fehler in der Bodenbearbeitung reagiert sie empfindlich. Für eine gute Vorwinter-Entwicklung sollte die Gerste ab Ende September mit rund 350 Körner/m2 ausgesät werden. Herrschen in dieser Zeit witterungsbedingt ungünstige Bestellbedingungen, kann die Aussaat auch noch bis in die erste Oktoberdekade verschoben werden. Ein „Reinschmieren“ ist unbedingt zu vermeiden. Wintergerste sollte nicht als abtragende Frucht in die Fruchtfolge gestellt werden. Ideale Vorfrüchte sind Körnerleguminosen oder Kartoffeln. Durch die zeitige Saat vermag Wintergerste den Reststickstoff dieser Vorfrüchte im Herbst noch gut zu konservieren. Gerste hat zu Vegetationsbeginn einen frühen Stickstoffbedarf. Stehen organische Dünger im Betrieb zur Verfügung, ist eine Gülle-Düngung im zeitigen Frühjahr anzuraten.

Die frühe Saat wird in den meisten Fällen mindestens einen Striegelgang (ab 3-Blatt-Stadium) erfordern. Auch Blindstriegeln ist dann zu empfehlen, wenn vor Auflaufen der Gerste das Unkraut gerade im sogenannten Fädchenstadium auftritt. Diese Einsätze sollten sehr sorgfältig durchgeführt werden, schon allein deswegen, weil der Striegeleinsatz im folgenden Frühjahr keineswegs immer Erfolg verspricht, da die meisten Unkrautarten dann meist schon ihre striegelempfindlichen Stadien überwunden haben. Der Striegel oder auch eine Sternrollhacke können aber im Frühjahr eine vorteilhafte, weil den Boden belüftende Wirkung haben. Der Einsatz sollte bei verkrusteten Böden zu Vegetationsbeginn in Betracht gezogen werden (verändert nach M. Mücke, Landwirtschaftskammer Niedersachsen).

Wer Bedarf an Öko-Saatgut hat, kann sich im Internet auf der Seite www.organicxseeds.com über verfügbare Sorten und deren Anbieter informieren.

Öko-Wintergerste: Kornertrag [dt/ha bei 86% TS] im Landessortenversuch Alsfeld-Liederbach 2014-2018 relativ zum Mittel der Bezugsbasis [%]
Sortentyp Züchter/Vertrieb Zulassung 2014 2015 2016 2017 2018 2014-18 2015-18 2016-18
Lomerit (BB) mz KWS Lochow 2001 103 95 95 101 100 99 98 99
Highlight (BB) mz DSV 2007 100 107 92 106 97 100 101 98
Semper (BB) mz KWS Lochow 2009 99 96 102 96 97 98 98 98
Titus (BB) mz Eckendorf / Saaten-Union 2012 98 104 101 87 104 99 99 97
California (BB) zz Limagrain 2012 100 99 109 110 101 104 105 107
Quadriga mz Secobra 2014 108 100 113 103 106 105
Kaylin mz IG Pflanzenzucht 2015 85 97 105 96
KWS Infinity zz KWS Lochow 2015 95 108
Joker mz Eckendorf / Saaten-Union 2015 102 96
Toreroo (Hybride) mz Syngenta 2017 97
Hedwig mz Eckendorf / DSV 2017 111
Lucienne mz Eckendorf / Saaten-Union 2017 96
KWS Higgins mz KWS Lochow 2017 103
Cayu mz Dottenfelder Bio-Saat 2018 109
Bezugsbasis BB [dt/ha] 46,0 59,1 50,9 69,9 35,8
Bezugsbasis: Lomerit, Highlight, Semper, Titus, California
mz = mehrzeilig
zz = zweizeilig

 

Öko-Wintergerste: Hektolitergewicht [kg/hl] im Landessortenversuch Alsfeld-Liederbach 2014-2018 relativ zum Mittel der Bezugsbasis [%]
Sortentyp Züchter/Vertrieb Zulassung 2014 2015 2016 2017 2018 2014-18 2015-18 2016-18
Lomerit (BB) mz KWS Lochow 2001 102 102 101 102 102 102 102 102
Highlight (BB) mz DSV 2007 96 96 96 96 95 96 96 96
Semper (BB) mz KWS Lochow 2009 101 100 100 101 100 100 100 100
Titus (BB) mz Eckendorf / Saaten-Union 2012 102 101 103 101 102 102 102 102
California (BB) zz Limagrain 2012 99 101 100 101 101 100 100 100
Quadriga mz Secobra 2014 102 100 100 98 100 99
Kaylin mz IG Pflanzenzucht 2015 98 97 97 98
KWS Infinity zz KWS Lochow 2015 99 99
Joker mz Eckendorf / Saaten-Union 2015 98 98
Toreroo (Hybride) mz Syngenta 2017 100
Hedwig mz Eckendorf / DSV 2017 93
Lucienne mz Eckendorf / Saaten-Union 2017 100
KWS Higgins mz KWS Lochow 2017 100
Cayu mz Dottenfelder Bio-Saat 2018 100
Bezugsbasis BB [kg/hl] 64,4 72,5 64,7 70,6 70,7
Bezugsbasis: Lomerit, Highlight, Semper, Titus, California
mz = mehrzeilig
zz = zweizeilig

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