Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Rinder

Grassilage 2020 – trocken und hohe Zuckergehalte

Für die genaue Kalkulation tierwohl-, leistungsorientierter und kostengünstiger Futterrationen sind Kenntnisse zum Futterwert der zur Verfügung stehenden Grobfutter unabdingbar. Die Ergebnisse der Grassilageuntersuchungen 2020 des Landesbetrieb Hessisches Landeslabor, LHL Kassel-Harleshausen, liegen vor und werden hier interpretiert.

Höhere Trockenmasse-Gehalte

Die Ergebnisse zum erweiterten Futterwert der jeweiligen Schnitte sind in Tabelle 1 dargestellt. Gegenüber den Vorjahren weisen die Silagen in diesem Jahr tendenziell wieder höhere Trockenmassegehalte (TM) auf, die beim 1. Schnitt (Ø 43,3 %) als auch beim 2. Schnitt (Ø 41,8 %) den Optimalbereich von 30 bis 40 % überschreiten. Der Rohaschegehalt ist mit knapp 9 % beim 1. Schnitt deutlich unter den letzten Erntejahren, was auch für den 2. Schnitt mit 9,5 % zutrifft. Nur etwa 4 % der Proben „1. Schnitt“ liegen im Aschegehalt über 12 %/kg TM, was auf erheblichen Schmutzeintrag schließen lässt. Der Rohproteingehalt beim 1. Schnitt liegt mit 15,5 % etwas unter Vorjahresniveau, der 2. Schnitt erreicht hier nur 14,8 %. Die Energiegehalte erreichen mit Ø 6,6 (1. Schnitt) und Ø 6,1 MJ NEL/kg TM (2. Schnitt) den Zielbereich. Knapp 16 % der Silagen 1. Schnitt liegen im Energiegehalt bei Ø 7,1 MJ NEL/kg TM, beim 2. Schnitt erreichen nur etwa 10 % Energiegehalte von Ø 6,7 MJ NEL/kg TM. Zur besseren Orientierung sind die „Zielwerte“ mit dargestellt, die allerdings je nach Anteil des Futtermittels in der Ration betriebsindividuell zu interpretieren sind.

Tabelle 1: Ergebnisse der Grassilageuntersuchungen in Hessen 2020, Futterwert

Mittelwerte in der Trockenmasse
TM
(%)
Rohasche (%) Rohprotein
(%)
Rohfaser
(%)
nXP
(g)
RNB
(g)
Gasbildung NEL (MJ/kg)
 1. Schnitt
2020 (n=266) 43,3 8,9 15,5 23,3 143 1,4 55,7 6,6
2019 39,3 10,8 17,0 24,6 142 3,7 55,8 6,4
30-40 < 9 < 17 22-25 > 135 < 6 > 6,2
 2. Schnitt
2020 (n=121) 41,8 9,5 14,8 26,9 134 1,7 50,5 6,1
2019 38,9 10,4 16,4 26,2 136 3,6 49,0 6,1

Etwa ein Zehntel der Silagen des 1. Schnitts weisen Rohproteingehalte von über 18 % je kg TM auf, 15 % der Silagen weisen einen Rohproteingehalt von weniger als 13 % auf. Die ruminale Stickstoffbilanz (RNB) liegt bei 26 % der Silagen unter einem Gramm je kg TM (Æ -2,0 g RNB/kg TM), beim 2. Schnitt trifft dies für ein Drittel der Silagen zu! Hier ist betriebsindividuell zu entscheiden, wie eine ausreichende mikrobielle Proteinsynthese, vor allem bei maisbetonten Rationen, sichergestellt werden kann. In der Regel bietet sich in diesen Fällen der „moderate“ Einsatz von Futterharnstoff (50 – 80 g/Tier/Tag) auch aus Kostengründen an. Mit 50 Gramm Aufwandmenge an Futterharnstoff werden etwa 1000 g Rapsextraktionsschrot stickstoffmäßig in der Ration ersetzt.

Allerdings ist Futterharnstoff immer in eine Kraftfutter-Vormischung einzubringen, ansonsten ist eine gleichmäßige Verteilung in Mischrationen nicht gewährleistet und in der Folge Fütterungsschäden nicht ausgeschlossen! Beim Einsatz von Zusatzstoffen muss ein „vereinfachtes“ HACCP-Konzept durchgeführt werden, um damit die Anforderungen des Anhang 2 der Futtermittelhygiene-Verordnung einzuhalten, da der Betrieb in diesem Fall nicht mehr Primärproduzent ist. Hierzu kann das „Merkblatt für den Einsatz von Futtermittel-Zusatzstoffen im landwirtschaftlichen Betrieb – Teil 2: Harnstoff und seine Derivate“ genutzt werden.

NDF-Gehalte im Grenzbereich

Ein Parameter für die Ver­daulichkeit von Silagen ist deren Gehalt an Rohfaser, der von dem Anteil der einzelnen Gerüstsubstanzen abhängig ist. Hierzu zählen die „Neutrale Detergentienfaser“ (NDF), die „Saure Detergentienfaser“ (ADF), die etwa mit der Rohfaser vergleichbar ist, und das „Saure Detergentien Lignin“ (ADL). Die Zusammensetzung bzw. der Anteil der Gerüstsubstanzen in der Silage ist wiederum vom Alter der Pflanzen abhängig, je älter die Pflanzen sind, desto mehr verholzen sie und umso höher ist der Ligningehalt. Je älter also der Grasaufwuchs, umso höher ist der Gehalt an ADF, NDF und ADL (in saurer Detergentienlösung unlösbares Lignin).

Die NDF-Gehalte bewegen sich in diesem Jahr bei den einzelnen Schnitten am oberen Limit von max. 48 %. Insbesondere der 2. Schnitt liegt mit 52,3 %/kg TM deutlich über dem Zielbereich, was sich dann im niedrigen Energiegehalt von nur 6,1 MJ NEL/kg TM niederschlägt.

Mineralstoffe und Spurenelemente beachten

Die Mineralstoffgehalte liegen im Normalbereich, die Kationen-Anionen-Bilanz (DCAB), in Abhängigkeit vom Kaliumgehalt zu sehen, beträgt je nach Schnitt 330 – 398 meq/kg TM. Die DCAB dient der Einschätzung hinsichtlich der Gefahr von Milchfieber bei Verfütterung dieser Grassilagen an Transitkühe. Die Zielsetzung, Kaliumgehalte in der Grassilage unter 2,5 % je kg TM anzustreben, wird in diesem Jahr nur knapp erreicht. Die Gesamtration sollte einen Kaliumgehalt von 1,5 % in der TM nicht überschreiten. Die Gehalte an Mineralstoffen zeigen ein über die Jahre stabiles Niveau.

Tabelle 2: Ergebnisse der Grassilageuntersuchungen in Hessen 2020, erweiterter Futterwert

Mittelwerte in der Trockenmasse
ADFom
(%)
NDFom
(%)
ADL
(%)
NFC
(%)
Zucker
(%)
Struktur-wert pH-Wert Calcium
(g)
Phosphor
(g)
Kalium
(g)
DCAB (meq)
 1. Schnitt
Werte 2020 27,3 46,2 5,6 27,2 10,4 2,6 4,9 5,7 2,9 24,8 398
Werte 2019 28,5 47,2 4,6 23,3 5,6 2,8 4,7 5,7 3,3 27,8 433
25-30 40-48 < 4,5 5-7 3-4 < 30
 2. Schnitt
Werte 2020 30,7 52,3 5,2 21,9 6,2 3,1 4,7 5,8 3,0 24,2 330
Werte 2019 29,8 50,7 4,4 20,8 4,8 3,0 4,8 6,6 3,1 24,2 333

Bei Phosphor ist zu beachten, dass dieser eine zentrale Bedeutung für den Pansenstoffwechsel, zentral die Rohfaserverdauung und die mikrobielle Proteinsynthese hat. Bei einem Mangel kann es zu einer Energie- und Proteinunterversorgung in der Folge ver-minderter Futteraufnahme kommen. Neben der Phosphorzufuhr über die Speichelproduktion ist die Ausnutzung des in den Pflanzen enthaltenen Phytat-Phosphors ebenfalls von der Futteraufnahme abhängig. Eine zu schnelle Pansenpassage des Futters führt zu einer ver-minderten Freisetzung. Da auch die Phosphorgehalte in den Kraft- und Mineralfuttermittel restriktiv eingestellt sind, ist bei der Rationskalkulation auf eine bedarfsgerechte Versorgung zu achten.

Tabelle 2a: Weitere Gehalte an Mineralstoffen in Grassilagen 2020 (jeweils g/kg TM)

Magnesium Natrium Schwefel Chlorid
1. Schnitt 1,7 1,0 2,0 5,1
2. Schnitt 2,0 1,4 2,4 6,7

Der Bedarf bei Milchkühen an Schwefel wird mit minimal 2,0 g und maximal 3,5 – 4,0 g je kg Futter-TM bzw. 0,6 g je kg Milch angegeben. Eine bedarfsdeckende Schwefelversorgung sichert die bakterielle Synthese von schwefelhaltigen Aminosäuren (Methionin, Cystin) und Biotin (Klauengesundheit)

Bei knapp 12 % der Silagen liegen die Schwefel-Gehalte bei ≤ 1,5 g/kg TM, was insbesondere bei einer maisbetonten Fütterung zu einer nicht ausreichenden Bedarfsdeckung führen kann. Hier sollten die Ration diesbezüglich überprüft werden.

Tabelle 2b: Spurenelementgehalte in Grassilagen 2020 (jeweils in mg/kg TM)

Kupfer Mangan Zink Eisen
1. Schnitt 7,3 106 31,2 447
2. Schnitt 7,9 124 34,2 528

Die Eisengehalte differieren sehr stark. Einzelne Silagen weisen in der Spitze bis zu 2600 mg/kg TM auf. Hier sind u.U. Antagonismen mit anderen Spurenelementen wie Kupfer, Zink, Vitamin E und Carotin nicht auszuschließen und sollten in der Rationsgestaltung berücksichtigt werden.

Energiegehalte differieren stark

Abb 1.: Energiegehalt in Grassilagen
Abb 1.: Energiegehalt in Grassilagen

Die Schere zwischen den 25 % besseren und weniger guten Silagen, bezogen auf den Energiegehalt geht unabhängig vom jeweiligen Schnitt tendentiell immer weiter auseinander (Tabelle 3). Die Qualitätsunterschiede treten besonders im Proteingehalt sowie den Anteilen an Rohfaser und Gerüstsubstanzen wie ADF und NDF zu Tage.

Dies wird auch aus Abb. 1 deutlich, wo der Zusammenhang zwischen NDF- und Energiegehalt der Silagen dargestellt ist. Die Differenz im Energiegehalt, sowohl beim 1. als auch 2. Schnitt, beträgt knapp 0,8 bis 1,0 MJ NEL/kg TM, was bei einer reinen Grassilageration etwa 14 MJ NEL je Kuh und Tag ausmacht.

Auf die mögliche Milcherzeugung der Ration bezogen müssen für die Differenz von 4,3 kg Milch etwa 2,0 kg Kraftfutter zusätzlich aufgewendet werden. Dies bedeutet einen finanziellen Mehraufwand von 200 € pro Kuh und Jahr, bei 100 Kühen immerhin 20.000 €!

Tabelle 3: Ergebnisse der Grassilageuntersuchungen in Hessen 2020

Mittelwerte in der Trockenmasse
 Energie TM (%) Roh-asche (%) Roh-protein (%) Roh-faser (%) ADFom (%) NDFom (%) NFC
(%)
Zucker (%) nXP (g) RNB (g) Gas- bildung NEL (MJ/kg) Struktur- wert
1. Schnitt
 25 % + 44,6 8,5 16,5 20,4 24,4 41,7 30,8 15,5 151 1,6 59,2 7,1 2,3
 25 % – 43,9 9,1 14,1 27,0 31,1 51,9 23,4 9,1 132 0,9 51,5 6,1 3,1
22-25 25-30 40-48 > 6,2
2. Schnitt
 25 % + 41,3 9,1 16,3 24,1 27,7 48,0 24,9 8,0 142 2,7 53,4 6,5 2,7
 25 % – 43,1 10,0 13,2 28,6 32,7 55,0 20,5 5,8 125 0,6 47,8 5,7 3,3
22-25 25-30 40-48 > 6,0

Restzuckergehalte beachten

Abb 2.: Zuckergehalte in Grassilagengehalt
Abb 2.: Zuckergehalte in Grassilagen

Das Einschätzen der möglichen Lagerstabilität der Silagen ergibt sich aus der Kombination von TM-Gehalt und pH-Wert. Durch das Anwelken werden die wasserlöslichen Kohlenhydrate wie Zucker besser für die Milchsäurebakterien verfügbar. Milchsäurebakterien, die diese Zuckerstoffe in Milchsäure umsetzen, können sich entsprechend gut vermehren und stellen somit die not­wendige Konkurrenz zu den Gärschäd­lingen, z.B. den Buttersäurebakterien, dar. Im Gegensatz dazu führt ein zu geringer Besatz an Milchsäurebakterien auf dem Gärsubstrat zu höheren Restzuckergehalten, verbunden mit einer suboptimalen Vergärung. Der „optimale“ Restzuckergehalt in einer gut vergorenen Grassilage liegt zwischen 30 – 60 Gramm/kg TM.

Abb. 2 zeigt die Zuckergehalte im 1. Schnitt 2020 in Abhängigkeit vom TM-Gehalt. Nur wenige Silagen weisen Restzuckergehalte von unter 3 % auf. Gründe hierfür können ein zu später Schnittzeitpunkt, Auswaschungsverluste, kein sofortiges Schließen des Silos oder auch Fehlgärungen sein.

Dies ist unproblematisch, solange der pH-Wert dieser Silagen in Ordnung ist, ansonsten droht ein „Umkippen“.

Abb 3.: Zusammenhang von Trockenmassegehalt und pH-Wert in der Grassilage
Abb 3.: Zusammenhang von Trockenmassegehalt und pH-Wert in der Grassilage

Zu beachten ist in diesem Jahr der erhöhte Gehalt an Zucker der Silagen. Knapp 50 % der Silagen des 1. Schnittes und etwa 11 % des 2. Schnittes weisen Restzuckergehalte von mehr als 10 % i.d.TM (Ø 13,6 bzw. 13,1 %) auf. In der Regel handel es sich hierbei auch um Silagen mit einem erhöhten TM-Gehalt (46,5 bzw. 48,4%).

Zieht man den pH-Wert (5,0 bzw. 5,2) mit hinzu, besteht bei Öffnen des Silos und nicht angepasster Entnahme/Vorschub eine große Gefahr hinsichtlich Nacherwärmung.

Dies wird in Abb. 3 deutlich. Nur ein geringer Anteil der Silagen liegt im optimalen Bereich hinsichtlich TM-Gehalt und entsprechendem pH-Wert.

Zudem müssen die zum Teil hohen Zuckergehalte in den Rationen hinsichtlich ihres Anteils an leicht löslichen, pansenverfügbaren Kohlenhydraten berücksichtigt werden, um einer Acidose vorzubeugen.

Nacherwärmung entgegenwirken

Abb 4.: Lagerstabilität der Grassilagen
Abb 4.: Lagerstabilität der Grassilagen 1. und 2. Schnitt 2020

In Folge nacherwärmter Silagen können Säuren zur Stabilisierung der vorgelegten Teil- oder Total-Mischrationen beitragen. Hierbei gibt es allerdings einige Punkte zu beachten.

Beim Einsatz im Futtermischwagen ist auf ein homogenes Einmischen bei Aufwandmengen von knapp 3 Liter je Tonne Futtermischung zu achten. Säuren wie z.B. Propionsäure (99,5 % Propionsäure) wirken nur, wenn eine vollständige Benetzung des Futtermittels gewährleistet ist. Beim Einsatz abgeschwächter, weniger korrosiver Produkte wie z.B. Lupro Grain (92 % Propionsäure) oder Luprosil NC (53,5 % Propionsäure) ist die Aufwandmenge mit 3,5 bzw. 6,0 Liter je Tonne gemischtes Futter entsprechend höher.

Abb. 4 soll einen Überblick zur Lagerstabilität der Silagen auf der Basis von TM-Gehalt und pH-Wert zeigen. Nur etwa 50 % der 1. und 2. Schnitte werden als ausgezeichnet bzw. sehr gut eingestuft.

Unter „normalen“ Bedingungen kann auch mit Kaliumsorbat, dem Salz der Sorbinsäure (E202), stabilisierend in Mischrationen gearbeitet werden, bei gegenüber dem Säureeinsatz deutlich geringeren Kosten. Die Aufwandmenge des granulierten Produktes beträgt 300 – 500 g/Tonne Mischration, aufgelöst in 10 Liter Wasser. Allerdings ist die stabilisierende Wirkung bei schon erwärmten Futtermitteln eingeschränkt und gegenüber der Propionsäure geringer.

Fazit

Die Ergebnisse der Grobfutteranalysen 2020 bei Grassilagen zeigen sowohl beim 1. Schnitt als auch 2. Schnitt insgesamt sehr gute Qualitäten. Gegenüber den Vorjahren weisen diesjährige Silagen deutlich höhere Trockenmassegehalte auf. Beachtet werden müssen auch die zum Teil sehr hohen Zuckergehalte, vor allem beim 1. Schnitt. Eine Analyse der im Betrieb eingesetzten Grobfutter zur exakten Steuerung der Fütterung ist unverzichtbar. Hohe Restzuckergehalte in Verbindung mit ebenfalls erhöhten Trockenmassegehalten und hohen pH-Werten bergen die Gefahr einer möglichen Nacherwärmung. Abhilfe kann hier der Einsatz von Säuren oder Kaliumsorbat als stabilisierender Zusatz zu den Teil- oder Total-Mischrationen schaffen.


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