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Stall und Weide kombiniert

Mit Aufwuchsproben die Fütterung optimieren

Die Kurzrasenweide ist eine intensive Form der Weidnutzung, hier ist ein sehr gutes Management gefordert. Der zu beweidende Aufwuchs sollte durchschnittlich 5 bis 7 cm Wuchshöhe betragen. In einem Betrieb in der Rhön wurden im vergangenen Jahr Aufwuchs­proben zu fünf Zeitpunkten über das Weidejahr verteilt genommen und analysiert (im Bild Kurzrasenweide am 2. September 2021).

In den Mittelgebirgslagen Hessens und bei vielen ökologisch wirtschaftenden Betrieben mit Weideflächen direkt am Hof wird eine Kombination aus Weide- und Stallhaltung praktiziert. Im vergangenen Jahr, das über den Sommer im Gegensatz zu diesem niederschlagsreich war, hat Jonas Carle vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen Untersuchungen in einem Betrieb in der Rhön durchgeführt. Er erläutert die Ergebnisse im Folgenden.

Bei der kombinierten Stall-Weidehaltung weiden die Kühe stundenweise. Ein Großteil der Ration wird über die Stallfütterung abgedeckt. Je nach betrieblichen Gegebenheiten und bei sommerlichen Temperaturen kann die Nachtweide eine gute Möglichkeit sein, die Futteraufnahme auf der Weide zu sichern. Die Stallration wird dann am Morgen angemischt und vorgelegt. Die Trockenmasseaufnahme wird bei diesem System durch das Weidefutter und die Stallration abgedeckt. Je nach Weidebesatz (GV/ha) gilt dies bei der Rationsplanung zu beachten.

Proben bei einem Betrieb in der Rhön gezogen

Im Hinblick auf höhere Leistungen wirft dieses System für Betriebsleiter und Fütterungsberater häufig Fragen auf, da weder die gefressene Menge an Frisch-/Trockenmasse auf der Weide, noch deren Inhaltsstoffe vorliegen und nur annähernd geschätzt werden können. Um dies näher bestimmen zu können wurden auf einem Weidebetrieb in der Rhön über das Jahr 2021 verteilt, insgesamt fünf Aufwuchsproben seiner Kurzrasenweide genommen.

Tabelle 1: Analyse- Ergebnisse der Aufwuchsproben

Datum RP
(%T)
RF
(%T)
oADF
(%T)
oNDF
(%T)
ZU
(%T)
NFE NEL
(MJ/kg T)
nXP RNB
% iTM % iTM % iTM % i TM % iTM % iTM MJ/kgTM g/kgTM g/kgTM
10.05.21 22,55 14,95 18,2 36,9 13,05 48,6 7,38 165 9,72
17.05.21 23,9 18,4 21,05 41,6 8,75 44,7 7,21 165 11,8
28.06.21 22,05 23,15 26,35 45,45 7,37 42,1 6,58 153 10,9
02.09.21 19,5 20,8 25,4 44,6 10,4 47 6,52 148 7,52
21.10.21 18,2 20,2 24,5 44,7 13,4 46,4 6,67 148 5,5

Täglich neun Stunden Weidegang im Betrieb Kapelle

Der konventionell geführte Milchviehbetrieb Kapelle befindet sich im Landkreis Fulda auf etwa 330 m ü. NN. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 8 Grad Celsius bei einer Niederschlagsmenge von 750 mm. Die Bodenart ist Lehm und sandiger Lehm, bei Bodenpunkten von 35 bis 65. Der Betrieb bewirtschaftet mit 1,6 AK eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 72,4 ha, davon 33 ha Grünland (10 ha Weideflächen, 20 ha Mähwiesen und 3 ha extensives Grünland zur Heuwerbung), der Rest ist Ackerland. Es werden rund 50 Milchkühe der Rasse Fleckvieh und 25 weibliche Tiere zur Nachzucht gehalten. Die Milchkühe weiden täglich neun Stunden auf den hofnahen Flächen in der Zeit von Ende März bis Ende Oktober. Bei der Stallfütterung beträgt das Verhältnis der zugefütterten Silagen im Sommer 30 Prozent Gras- und 70 Prozent Maissilage. Im Winter 60 Prozent Gras- und 40 Prozent Maissilage. Hinzu kommen Rapsextraktionsschrot, Zuckerschnitzel mit Getreide im Mischwagen und eine mi­n­eralisierte Getreidemischung mit einem Futteranschieberoboter, der auch Futter verteilt. In der Vergangenheit gab es nach Leistung ein 18/4er Milchleistungsfutter am Transponder zugeteilt. Die Leistung der Milchviehherde lag 2021 bei 8 730 kg Milch mit 4,04 Prozent Fett und 3,52 Prozent Eiweiß. Jüngst hat der Betrieb die Fütterung auf eine Totalmischration umgestellt. Diesen Schritt bereut der Betriebsleiter nicht, besonders im Hinblick auf die halbtägige Weidehaltung und damit verbundenen hohen pH-Wert-Schwankungen bei nur halbtägigem Zugang an die Kraftfutterstation. Zugleich kommt nach der Abendmelkzeit mehr Ruhe in den Stall, da „nachzuholende“ Transponderversuche wegfallen.

Hohe Futterqualität und geringe Weideverluste sind das Ziel

Die Kurzrasenweide ist eine intensive Form der Weidenutzung. Ziel sind hohe Futterqualitäten und geringe Weideverluste. Die optimale Besatzdichte wird bestimmt durch den täglichen Graszuwachs auf der Weide und variiert damit jahreszeitabhängig. Der zu beweidende Aufwuchs sollte durchschnittlich 5 bis 7 cm Wuchshöhe betragen. Gemessen wird die Aufwuchshöhe zum Beispiel mit einem Deckel und Meterstock an mehreren Stellen der Weide inklusive Geilstellen. Eine starke Überweidung, wie auch eine zu geringe Besatzdichte sind in diesem System zu vermeiden. Ziel ist es, die Tiere mit qualitativ hochwertigem Grundfutter von der Weide zu versorgen.

Aufwuchsproben der Kurzrasenweide im Jahr 2021

Die Rationsberechnung kann in Weidebetrieben mit Stallfütterung oft nur ungenau erfolgen beziehungsweise basiert auf vielen Unbekannten. Auch wenn die Literatur Anhaltswerte bereitstellt, zeigen sich in der Praxis deutliche Abweichungen, das birgt Risiken für die Tiergesundheit. Für die Rationsberechnung auf dem Betrieb Kapelle wurden in der Vergangenheit die DLG-Futterwerte für das Weidefutter herangezogen. 2021 nahm der Fütterungsberater erstmals regelmäßige Aufwuchsproben von der Kurzrasenweide. Die Beprobung fand im Zeitraum von Mai bis Oktober statt, um die gesamte Weidesaison abzubilden. Das hessische Landeslabor in Kassel (LHL) untersuchte die Proben auf den Futterwert, ähnlich wie bei einer Silageuntersuchung. Die Ergebnisse sind im Folgenden aufgezeigt: Im zeitigem Frühjahr weisen die Grünlandbestände einen niedrigen Rohfaser- und NDF-Gehalt in Kombination mit hohen Zucker- und Energiegehalten auf.

Grafik 1: Gehalt an Rohprotein (RP), Rohfaser (RF), Zucker (ZU) und Energie (NEL) des Aufwuchses im Jahresverlauf 2021 in einem Praxisbetrieb: Bei gutem Management ließen sich 2021 Energiegehalte von > 6,5 MJ NEL/kg TM erreichen. Da Zucker und Rohfasergehalte im Laufe der Vegatation starken Schwankungen unterliegen, sollte dies bei der Rationsgestaltung unbedingt berücksichtigt werden.

Die höchsten Rohfasergehalte zeigen sich trotz guten Managements und niedrigen Wuchshöhen (=junges Futter) in den Sommermonaten. Dennoch erreichte die Kurzrasenweide auch hier, am 28. Juni 2021 noch einen Energiegehalt von mehr als 6,5 MJ NEL/kg TM und ein Rohproteingehalt von 22 Prozent in der Trockenmasse. Im weiteren Verlauf der Vegetation sank der Rohfasergehalt wieder, wobei er im Vergleich September/ Oktober auf ähnlichem Niveau stagnierte. Auch bei der letzten Beprobung am 21. Oktober 2021 konnten noch Werte von 18,2 Prozent Rohprotein und 6,67 MJ NEL erzielt werden. Das spiegelte sich im Herbst in einer zufriedenstellenden Milchleistung und Milchinhaltsstoffe wider. Grafik 1 zeigt, dass sich bei einem guten Management (angepasster Viehbesatz je ha) durchgehend Energiegehalte von über 6,5 MJ NEL/kg TM erreichen lassen. Ähnliches ist im Hinblick auf den Rohproteingehalt zu beobachten, der mit dem Voranschreiten der Vegetation zwar fällt, aber sich auch im Oktober 2021 noch auf einem Niveau von 18,2 Prozent/kg TM befand. Lediglich bei den Zucker- und Rohfasergehalten sind stärkere jahreszeitliche Schwankungen zu beobachten, was es beim Zusammenstellen einer Ration unbedingt zu bedenken gilt.

Milchkontrolldaten im Zeitraum des Weidegangs

Mit Blick auf die MLP-Daten (Tabelle 2) lässt sich ein Abfall der Fettwerte zu Beginn der Weidesaison erkennen und bedingt mit dem niedrigen Rohfasergehalt des Weideaufwuchses in dieser Zeit erklären. Im Juni 2021 kam es mit höherem Angebot an Rohfaser (siehe auch Aufwüchse des zweiten Schnittes) zu einem Anstieg der Milchfettwerte, die in den Monaten Juli August wieder gefallen sind. Zu diesen Ergebnissen bleibt allerdings zu ergänzen, dass sich weder Milchleistung, noch Inhaltsstoffe zu 100 Prozent auf die Weide und das dortige Futterangebot zurückführen lassen, da zum einen die Stallfütterung, zum anderen gerade die äußeren Faktoren (Witterung/Hitzestress) einen erheblichen Beitrag dazu leisten.

Tabelle 2: Daten der Milchleistungsprüfung 2021 des Betriebes Kapelle

Datum Anz. Kühe MT. kg Milch Fett % Eiweiß % Harnstoff
09.03.21 53 151 30,5 4,34 3,57 147
08.04.21 52 177 29,6 4,1 3,49 136
04.05.21 52 182 31,2 3,83 3,48 224
04.06.21 51 197 30,2 3,94 3,43 185
02.07.21 52 202 29,3 3,77 3,46 185
18.08.21 53 198 25,6 3,8 3,49 162
11.10.21 51 157 24,9 4,15 3,67 217
31.10.21 50 173 25,6 4,2 3,78 178

Management der Weideflächen im Betrieb Kapelle

Die im zeitigen Frühjahr beweidete Fläche der Kurzrasenweide im Betrieb Kapelle wurde zum zweiten Schnitt mitgemäht und konnte nach kurzer Zeit bereits wieder zur Beweidung genutzt werden (Foto vom 28. Juni 2021)
Auch im Oktober gingen die Tiere noch auf die Weide (Foto vom 28. Oktober 2021)

Das System der Kurzrasenweide eignet sich durchaus für intensiv wirtschaftende Milchviehbetriebe mit ausreichend arrondierter Fläche. Gerade im Hinblick auf die zukünftige Haltungsstufe 4 kann es Mittel der Wahl sein.

Bei gutem Management lassen sich Energiegehalte von über 6,5 MJ NEL/ kg TM erreichen. Da Zucker und Rohfasergehalte im Laufe der Vegetation starken Schwankungen unterliegen, sollte dies bei der Rationsgestaltung unbedingt berücksichtigt werden (Grafik 1).

Voraussetzung für ein Gelingen der Kurzrasenweide ist ein gutes Management. Zu Beginn der Weidesaison wird die Wuchskraft des Grases oft unterschätzt, wodurch es schnell zu überständigem Futter und Bildung von Geilstellen kommt. Hier empfiehlt es sich, die Parzellen kleiner zu halten, beziehungsweise den Viehbesatz zu erhöhen. Ein früher Auftrieb kurz nach Ergrünen der Fläche im März ist unumgänglich.

Grünlandflächen werden als Mähweide bewirtschaftet

Der Betrieb Kapelle bewirtschaftet seine arrondierten Grünlandflächen als Mähweide und ermöglicht damit einen beständig schmackhaften Aufwuchs für die Kühe. Dabei wurde die zu Beginn der Vegetation (März) beweidete Fläche A Ende Mai abgeschleppt und mineralisch nachgedüngt. Daraufhin wurde eine andere am Hof angrenzende Fläche B beweidet, die bereits beim ersten Schnitt mitgemäht wurde. Fläche A wurde dann zum zweiten Schnitt mitsiliert und konnte bereits nach wenigen Tagen nach der Ernte wieder beweidet werden (Bild links oben). Zu erwähnen bleibt an dieser Stelle allerdings, dass es sich 2021 um einen sehr wüchsigen, niederschlagsreichen Sommer handelte, was einen schnellen Austrieb des Grases nach dem zweiten Schnitt wieder ermöglichte. Fazit: In Betrieben mit einer Kombination aus Weide- und Stallhaltung, kann es je nach Intensität der Weidehaltung ratsam sein, den Aufwuchs in regelmäßigen Abständen zu beproben, um die Ration genauer anzupassen. Gerade wenn es um den Einsatz neuer Rationskomponenten geht, die auf Dauer ein erhöhtes Azidoserisiko mit sich bringen könnten, ist das eine sinnvolle Option. Die Aufwuchsproben können vom Betrieb selbst oder von einem der zuständigen LLH-Berater vor Ort auf den Flächen entnommen und mittels Spezialtüten an das zuständige Landeslabor in Kassel geschickt werden. Innerhalb weniger Tage erhält man hier eine Analyse aller Nährstoffe, ähnlich wie bei der Silageuntersuchung.