Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Rinder

Nachlese: Low Stress Stockmanship – Stressfreier Umgang mit Rindern

Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) organisierte Anfang November 2021 in Zusammenarbeit mit dem vom BMEL geförderten Projekt „Netzwerk Fokus Tierwohl“ ein Praxisseminar zum Erlernen der Low Stress Stockmanship-Methode (LSS-Methode).

Referent Ronald Rongen, LSSE und Jonas Carle, LLH-Beratungsteam Tierhaltung
v. l. n. r.: Referent Ronald Rongen, LSSE und Jonas Carle, LLH-Beratungsteam Tierhaltung

Referent Ronald Rongen, der auf über 35 Jahre Erfahrung in Veterinärmedizin, Genetik und Ethologie (Verhaltenswissenschaft) blicken kann, zeigte den Teilnehmern in einer gelungenen Kombination aus Theorie und Praxis, wie ein stressfreier Umgang die Arbeit zwischen Mensch und Tier erleichtern kann.

„Mach langsam, wir haben keine Zeit!“

Mit diesen Worten begann Rongen seinen Vortrag und stellte somit von Beginn an klar, dass eine ruhige Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier unabdingbar für eine stressfreie Zusammenarbeit ist. Dies setzt laut Rongen allerdings auch voraus, dass wir wissen, wie unsere Kühe funktionieren, bzw. wissen, was sie mögen und was sie eher meiden.

Der in den Niederlanden geborene Rongen ist auf einem Milchviehbetrieb aufgewachsen. Die Frage, warum manche Kühe so schwierig im Handling sind, führte ihn in die USA zu Cowboy Bud Williams, welcher als einer der Gründer der LSS-Methode angesehen wird.

Bud Williams war Autist. Er hatte die Fähigkeit, sich in Kühe hineinzuversetzen und mit dem Wissen um ihre Vorlieben und Abneigungen diese stressfrei zu treiben. Zurück auf seinem Betrieb hat Rongen die Methodik des LSS jahrelang erlernt und erprobt.

Rongen sieht seine „Berufskombination“ (Tierarzt, Verhaltensforscher und Genetiker) als ideal für das Verstehen von Kühen an. Genau wie Cowboy Williams schwört auch er auf Ruhe und Regelmaß beim Umgang mit Rindern. Kühe sind sehr sensible Tiere und reagieren demnach verstärkt auf unsichere Situationen. Laute Geräusche (speziell das Reiben von Metall auf Metall, lautes Sprechen etc.) sind unbedingt zu vermeiden.

Ist die LSS-Methode auf jedes Tier bzw. jede Herde anwendbar?

Laut Rongen ist dies möglich. Doch das Erlernen dieser Methode setze einen regelmäßigen Lernvorgang sowohl beim Landwirt als auch bei den Tieren voraus. Man dürfe nicht erwarten, dass eine Herde oder ein Einzeltier sofort auf diese Methode anspringe, ohne dass zuvor aktiv mit ihm geübt wurde.

Genau wie beim Menschen findet in der Jugendentwicklung die Prägung statt. Diese kann man sich zum Erlernen gewünschter Verhaltensmuster zu Nutze machen. Aber auch ungewollte Muster können trainiert werden. Daher ist es schwierig, Tieren die Methode beizubringen, die bereits in der Vergangenheit (vor allem in der Jugendentwicklung) „verzogen“ wurden.

Die fünf Regeln des LSS

  1. Rinder wollen sehen, wer oder was sie treibt.
  2. Rinder wollen dorthin gehen, wohin sie schauen.
  3. Bewegung erzeugt Bewegung; Tiere folgen einander.
  4. Tiere konzentrieren sich immer nur auf eine Sache. In Bewegung können sie nicht nach einem Fluchtweg suchen. Es ist wichtig, die Tiere beim Treiben stets in Bewegung zu halten!
  5. Rinder haben wenig Geduld.

Im Hinblick auf die fünf Regeln des LSS ist es zudem wichtig zu wissen, dass Rinder einen anderen Sicht- und Hörbereich als Menschen aufweisen:

  • Rinder können Töne im Bereich von 23-35 000 Hz. wahrnehmen, während sich der Hörbereich des Menschen zwischen 20-20 000 Hz. befindet. Demnach sind Rinder deutlich empfindlicher, gerade bei höheren und lauten Tönen.
  • Rinder sehen nahezu rundum. Ihr Sichtbereich beträgt 330 Grad von denen allerdings nur 30 Grad dreidimensional gesehen werden. Es gibt zwei tote Winkel in denen Rinder Personen oder Gegenstände nicht sehen können: direkt vor der Stirn und hinter der Kuh (vgl. Grafik graue Zonen).
  • Zudem dauert die Anpassung von Hell nach Dunkel laut Rongen ca. 5x länger beim Rind, als bei Menschen. Daher weigern sich Kühe oft in dunkle Räume zu gehen. Der gezielte Einsatz von Licht (im Anhänger, Melkstand etc.) kann hier Abhilfe schaffen und die Rinder stressfrei zum Laufen animieren. So muss kaum noch Druck auf die Rinder ausgeübt werden, was die Nerven von sowohl Kuh als auch Halter schont.

Rinder bevorzugen die „Linksorientierung“

Hintergrund der bevorzugten Linksorientierung ist, dass das linke Auge eines Rindes die rechte Gehirnhälfte ansteuert. Dort findet die Risikoanalyse statt. Damit Rinder das Risiko einer Situation wahrnehmen und analysieren können, müssen sie die Situation demnach mit dem linken Auge wahrnehmen. Hierzu drehen sie ihren Kopf in die dafür notwendige Position. Nach erfolgreicher Analyse folgt eine Reaktion, z.B. die Flucht. Daher bevorzugen es Rinder, in Linksrichtung zu laufen.

Rongen gab Anregungen, wie sich der Mensch diese Tatsache zu Nutze machen kann. Ein Beispiel ist das linksseitige Verladen. Kühe lassen sich einfacher und stressfreier treiben, wenn der Treibgang in Linksrichtung angelegt ist.

Das Zonenkonzept beherzigen

„Das Zonenkonzept“, Quelle: Ronald Rongen, LSSE
„Das Zonenkonzept“, Quelle: Ronald Rongen, LSSE

Eine weitere Grundvoraussetzung zum stressfreien Treiben ist die Verinnerlichung des Zonenkonzeptes eines Rindes.

Rongen betonte an dieser Stelle, dass diese Zonen tierindividuell sind und es sich nicht pauschal sagen lässt, in welchem Abstand zum Tier sich welche Zone befindet.

Gerade in Milchviehherden sind diese Zonen – durch den ständigen direkten Kontakt zu Menschen – enger am Tier als bei Mutterkühen.

Das Treiben nach LSS-Methode beruht auf einer aktiven Erhöhung und/oder Minderung des Drucks auf das Tier. Hier arbeitet man nicht mit Belohnungen, wie Kraftfuttergaben o.ä., sondern mit der aktiven Reduzierung des Drucks als Zeichen der Belohnung.

Der Treiber übt also durch gezieltes Herantreten an das Tier oder eine Herde so lange Druck aus, bis der gewünschte Effekt eintritt und sich das Tier/die Herde in die Zielrichtung bewegt. Anschließend nimmt er den Druck aktiv heraus und bewegt sich aus der Bewegungszone des Tieres/der Herde, in die neutrale Zone und belohnt das Tier oder die Herde mit dieser Druckminderung.

Doch funktioniert die Methode auch in der Praxis?

Diese Frage durften sich die Seminarteilnehmer im Praxisteil selbst beantworten. (Vielen Dank an dieser Stelle an die beiden Betriebe, die ihre Ställe und Herden hierfür zur Verfügung gestellt haben.)

Auf Grund des großen Interesses wird in naher Zukunft dieses Seminar wiederholt werden.

Weitere Infos zu Veranstaltungen erhalten Sie unter Netzwerk Fokus Tierwohl .

 


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