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Leistungen von der Weide

Alle zwei Jahre treffen sich deutschsprachige Berater, Wissenschaftler und Landwirte zur internationalen Weidetagung. Die diesjährige Tagung fand im Raum Kiel in Schleswig-Holstein statt. Neben der Vorstellung neuster Untersuchungsergebnisse wurden Weidebetriebe in der Region besichtigt. Eine Auswahl des Programms stellt Angela Mögel vom LLH Griesheim vor.

Sechzig Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche besteht aus natürlichen Dauergrünland. Wiederkäuer können das für den Menschen nicht nutzbare Pflanzeneiweiß zu hochwertigem und verdaulichem Eiweiß umbauen. Milch hat dabei die höchste Umwandlungseffizienz mit 45 %. Das Fleisch als Nebenprodukt der Milch beträgt noch 15 %. Schweine- und Geflügelfleisch weist eine Umwandlungseffizienz von 10 – 36 % auf, dies allerdings von Ackerflächen die größtenteils auch für die menschliche Nahrungsmittelproduktion genutzt werden könnten. Für die Weidehaltung sprechen neben diesen Aspekt noch weitere Vorzüge. Diese sind ökonomische (Arbeitszeitverwertung), futterbauliche (Energie- und Eiweißdichte des Aufwuchses) und gesamtbetriebliche (Weide als Teil der Fruchtfolge) Vorteile.

Intensive Umtriebsweide auf dem Lindhof

Weide
Tränkebecken an Weideparzelle

Die Frage der ökoeffizienten Weidemilcherzeugung beschäftigt den Öko-Versuchsbetrieb Lindhof der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel. Bis 2001 hielt dieser Betrieb 500 männliche Rinder zur Bullenmast. 2014 wurde ein Zwei-Raumstall mit Tiefstreu für Kühe gebaut und der Bullenmaststall angeschleppt mit einem Liegebereich für das weibliche Jungvieh. Die 2014 gekauften Jerseyjungrinderherde kalbten im folgendem Jahr. Das in 2016 gestartete Projekt hat zum Ziel die Milchleistung aus Weidefutter zu maximieren bei einem minimalen Konzentrateinsatz von nur 4 dt pro Kuh und Jahr. Das soll mit dem intensiven Umtriebsweidesystem nach Irischem Vorbild realisiert werden. Der Lindhof verfügt über 130 ha arrondierte landwirtschaftliche Nutzfläche. Die 95 Jerseykühe kalben im Block in den Monaten Februar und März. Als Weide wird das zweijährige Ackerkleegras (55 ha) genutzt, welches sich in der fünfgliedrigen Fruchtfolge befindet und mit der letzten Frucht (Hafer) als Untersaat angelegt wird. Der Abkalbeblock endet in der dritten Aprilwoche. Die frischmelkende Herde beweidet innerhalb von 1 bis 2 Tagen eins der 21 Paddocks im Dreiblattstadium der Gräser. Die Aufwuchshöhe liegt bei 10 bis 12 cm. Es erfolgt mindestens ein Silageschnitt in der Vegetationsphase auf diesen Flächen und eine 8 bis 9-malige Beweidung jeder Fläche pro Jahr. Geilstellen müssen ein- bis zweimal pro Jahr ausgemäht werden. An jedem Paddock befindet sich eine Tränke mit oberirdisch verlegten Wasserleitungen. Ein befestigter Triebweg an den sich die Paddocks rechts und links anschließen ist notwendig. 2017 erreichten das Kleegras ohne zusätzliche N-Düngung einen Ertrag von 122 dt Trockenmasse (TM) pro Hektar. Als Weiderest verblieben 34 dt Trockenmasse. Das durchschnittlich aufgenommene Weidefutter hatte eine Energiekonzentration von 7,1 MJ NEL/ kg TM. In der Laktationsspitze erfolgte eine Zufütterung von 2 bis 3 kg selbstgemischten Schrot aus Getreide und Ackerbohnen. Die Kühe werden in der Besamungsphase mit gesexten Sperma besamt. In der zweiten Hälfte des Besamungszeitraumes deckt ein Angusbulle die restlichen Kühe. Die Kreuzungstiere werden als Weidemastrinder auf dem Dauergrünland auf Kurzrasenweide gehalten. Die Trockenstehphase beginnt im Dezember. Nach einmonatiger Melkpause kalben die ersten Kühe Ende Januar. Ackerbaulich bietet das zweijährigen Kleegras mehrere Vorteile. Zum einen unterdrückt es Wurzelunkräuter, wie die Ackerkratzdistel. Die intensive Beweidung verdrängt Problemungräser wie die Gemeine Quecke. Zum anderen hinterlässt es ein Vielfaches an humusbildenden Substanzen als es selbst zehrt. Der aufgebaute Stickstoffvorrat wird von den Folgefrüchten genutzt. Mit diesem System ermolken die Jersey im Jahresabschluss 2016/17 5.905 kg ECM pro Kuh. Verglichen mit einer 700 kg schweren Holstein-Friesian-Kuh wären das 9.841 kg. Die Jerseys erreichten eine Grobfutterleistung von 4.026 kg. Die Gesamtfutterkosten lagen mit diesem System bei 14,3 ct/ kg ECM. Im konventionellen Betrieb mit Stallhaltung liegen diese in Schleswig-Holstein um 7 ct/ kg ECM höher. Mit dieser Fruchtfolge liegt der Einsatz an mineralischen Stickstoff pro Hektar Hauptfutterfläche bei 0 kg. Dieses System zeigt die Möglichkeit die Milchproduktion in die Fruchtfolge des Ackerbaus einzubinden. Zudem entfällt die gesamte Stallarbeit in der Vollweidesaison. Weitere Vorteile des Systems zeigen sich in dem geringeren Gülleanfall im Stall während der Weideperiode. Beim Stallneubau wurde außerdem auf ein Fahrsilo verzichtet, da die Kühe im Winter oder in Trockenphasen mit Silageballen gefüttert werden. Mit der Blockabkalbung beschränkt sich die Arbeit des Kälbertränkens auf die Abkalbezeit.

Hohe Einzeltierleistung und Weide auf dem Grünhof

Der konventionell wirtschaftende Weidebetrieb „Grünhof“ liegt 10 km südlich von Kiel mit sandigem Lehmböden und kompletter Drainage aller Flächen. Die 95 HF-Milchkühe melken 10.000 – 10.300 kg pro Kuh und Jahr bei durchschnittlich 3,64 % Fett und 3,3 % Eiweiß. Diese Leistung wird mit konsequenter Blockabkalbung von September bis Ende Januar und Vollweide von April bis September realisiert. Im Sommer befindet sich mit diesem System außer zu den Melkzeiten kein Tier im Stall. Die niedrige Zwischenkalbezeit von 380 Tagen ergibt sich aus dem konsequenten Fruchtbarkeitsmanagement. Nach dem 16. Juli werden keine Kühe mehr besamt. Die letzten 30 Kühe erhalten Fleischrindersperma. Alle ab Ende Dezember geborenen Kälber werden als Kreuzungskälber verkauft. „Ich kann die Uhr danach stellen, ab 23. Dezember beginnt der Kälberdurchfall“ so die Erfahrung von Betriebsleiter Riecken. Kühe ohne erfolgreiche Besamung zu diesem Zeitpunkt werden verkauft. Damit erfolgt eine indirekte Selektion auf Fruchtbarkeit. Für den Erfolg dieses Systems sprechen die Fruchtbarkeitskennzahlen, wie dem Besamungsindex von 1,4 bei den Kühen. Der Erstbesamungserfolg liegt bei 60 bis 70 Prozent. „Während der Kalbezeit haben wir innerhalb weniger Monate 115 Kalbungen von Kühen und Färsen. Das muss man berücksichtigen. Der Arbeits- und Platzaufwand ist in dieser Zeit vergleichbar mit dem eines 200-Kuhbetriebes.“ Dafür hat der Betrieb in den Sommermonaten eine Zeit ohne Kalbungen und Besamungen. Die Kühe starten im April mit 200 Melktagen in die Weidesaison. Bis zum ersten Schnitt erhalten sie zusätzlich die Winterration im Stall. Bis Mitte Juni wird Maissilage zu den Melkzeiten vorgelegt. Die 65 Hektar arrondierte Grünlandfläche teilt der Betriebsleiter in Koppeln ein. Diese sind durch drei Treibwege erreichbar. Nach jeder Melkzeit erhalten die Kühe neues Weidefutter. Die Aufwuchshöhe wird mit einem digitalen Aufwuchsmesser (Rising-Plate-Meter) gemessen und liegt bei Auftrieb bei 10 cm. Die Kühe fressen den Aufwuchs auf 6 cm ab und erhalten die nächste Parzelle nach der Melkzeit. Die Größe einer Parzelle liegt bei 1,4 ha und wird auf dreimal zugeteilt. Ein Tränkebecken befindet sich an jeder Parzelle. Der Vorteil bei diesem System ist die hohe Trockenmasseaufnahme und Energiedichte. Der Nachteil sind der hohe Management- (Aufwuchsmessung) und Pflegeaufwand (Nachmahd, Zaunbau, Nachsaat). Für die Zukunft möchte der Betriebsleiter einen neuen Stall für 130 Milchkühe bauen. Der Stall soll mit drei AMS und Vollweide inmitten der Weideflächen errichtet werden. Von der Weide und der Blockabkalbung ist der junge Betriebsleiter und Familienvater überzeugt. „Mit diesem System hat man nicht jeden Tag dieselben Tätigkeiten, wie Kälbertränken, Besamung und Milchfieberprophylaxe. Ab Juni kann man auch mal in den Urlaub fahren oder hat Zeit zum Bauen.“ In diesem Jahr hat die Trockenheit auch diesen Betrieb nicht verschont. Die Milchkühe erhielten Kraftfutter und Stroh, um die Silagevorräte bis in den Winter zu erhalten. Die Leistung ist von 10.300 kg auf 9.800 kg abgerutscht.

Tanninhaltige Futterpflanzen

 Im Vortragsteil der Tagung präsentierten die Versuchsansteller Projekte zu verschiedenen Fragestellungen. So untersuchte die Schweizer Hochschule für Agrarwirtschaft die Wirtschaftlichkeit der Teilweide mit Frischgrasfütterung im Vergleich zur Vollweide. Die landwirtschaftliche Forschungsanstalt in Österreich verglich die Milchflächenleistung in den Berggebieten zwischen Vollweide- und Silagefütterung. Das Versuchsgut Lindhof der Universität Kiel beschäftigt sich mit der Frage ob durch Einsaat von tanninhaltigen Futterpflanzen, wie Hornschotenklee, Esparsette, Zichorie und Wiesenkümmel der Methanausstoß von weidenden Kühen gesenkt werden kann.

Bei Fragen zu Inhalten dieser Tagung oder Interesse an Weidehaltung können Sie sich bei der Autorin melden (Tel.: 0171/ 86 28 766).