Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Schweine

Sauen: Nur wenige Tage fest zur Besamung

Der Gesetzgeber erlaubt bei abgesetzten Sauen künftig nur noch eine kurze Fixierung.
Im Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz haben zehn Betriebe Erfahrungen damit gesammelt.

Im Sommer 2020 hat der Gesetzgeber neue Vorschriften für die Haltung abgesetzter Sauen im Deckzentrum festgelegt. Wie die Tierschutznutztierhaltungsverordnung im Detail zu verstehen ist, regeln die Ausführungshinweise, die noch zu erstellen sind.

Zwei Punkte stehen aber fest: Die abgesetzten Sauen dürfen nur noch kurze Zeit im Kastenstand fixiert werden und müssen im Deckzentrum über ein großzügiges Platzangebot von 5 m² je Tier verfügen können. Beide Punkte stellen große Herausforderungen an die Betriebe.

Im Rahmen der Modell- und Demonstrationsbetriebe (MuD) Tierschutz haben daher insgesamt neun Praxisbetriebe und eine Landwirtschaftliche Lehranstalt Lösungswege erarbeitet und ausprobiert. Ein wichtiger Aspekt des von Oktober 2017 bis März 2020 laufenden Netzwerkes „Verbesserung und Anreicherung der Haltungsumgebung von tragenden Sauen“ war die deutlich kürzere Fixierung der Sauen im Deckzentrum. Damit dies funktioniert, gilt es einige Punkte zu beachten.

Stallbau und Management sollten abgestimmt sein

Beschäftigungsmaterial
Beschäftigungsmaterial; Foto: BLE

Soll eine Gruppenhaltung im Deckzentrum etabliert werden, müssen die baulichen Gegebenheiten die Sauen dazu animieren, diese anzunehmen. Sind Aktivitäts- und Laufbereich nicht optimal ausgestaltet, werden sie häufig nicht genutzt und die Sauen bleiben in den Besamungsständen. Lagen Sauen trotzdem im Laufbereich, konnten vermehrt Verletzungen an den Zitzen beobachtet werden, die durch Trittverletzungen anderer Sauen entstanden. Die gesetzlich vorgeschriebenen Gangbreiten von 1,6 m bei einreihiger und 2,0 m bei doppelreihiger Aufstallung erwiesen sich als zu gering, um es den Sauen zu ermöglichen, stressfrei aneinander vorbeizukommen. Zudem können vermehrt Trittverletzungen an den Zitzen auftreten, wenn einzelne Sauen in den engen Laufgängen liegen. „Wir haben bei doppelreihiger Aufstallung einen Abstand von 2,7 m zwischen den Besamungsständen. Wäre es baulich möglich, würde ich die Fläche vergrößern.“, so Jan-Hendrik Hohls. Der Landwirt aus Niedersachsen hat mit 320 Sauen im teilgeschlossenen System am Netzwerk teilgenommen. Er nutzt das Deckzentrum auch als Arena, bevor die Sauen zur Belegung fixiert werden. Nicht zu unterschätzen sind dabei die Kräfte, die bei Rangkämpfen auf die Stalleinrichtung einwirken. Bereits mehrmals mussten Reparaturen an den Besamungsständen vorgenommen werden.

Bei einer Unterteilung der Sauengruppe im Deckzentrum sollten die Tiere nach Kondition zusammengestallt werden. Dadurch wird vermieden, dass große Altsauen auf kleinere Sauen aufreiten und schwere Verletzungen riskiert werden. Wird im Betrieb mit festen Gruppen gearbeitet, sollten die Sauengruppen im Deckzentrum nach Möglichkeit aber nicht in zu viele Gruppen unterteilt werden. Denn dann kommt es bei der Umstallung in den Wartestall zu erneuten Rangkämpfen.

Das Anbieten von verschiedenen Beschäftigungsmaterialien (Raufutter, Wühlmaterial, Spielzeuge, Scheuerbürsten) lenkt die Sauen ab und kann dazu beitragen Rangkämpfe abzumildern. Auch Sauen, die unmittelbar vor dem Absetzen satt gefüttert wurden, neigen weniger zu heftigen Auseinandersetzungen.

Eine Herausforderung stellt die Fütterung dar. Bei der bisherigen Einzelhaltung bis zum 28. Trächtigkeitstag konnten stark abgesäugte Sauen relativ einfach individuell konditioniert werden. In der Gruppenhaltung ist dies nur mit Fütterungssystemen möglich, die über eine Einzeltiererkennung verfügen. Ist ein solches System im Deck- und Wartebereich nicht vorhanden, ist eine umso intensivere Tierbeobachtung notwendig. Sauen, die stark an Gewicht verloren haben, können zunächst in separaten Buchten konditioniert werden, bevor sie zur restlichen Gruppe gestallt werden.

Beginn und Dauer der Fixierung an die Tiere anpassen

Sauen im Deckzentrum
Betrieb Jürgen Schmidt, neues Deckzentrum; Foto: BLE

Jürgen Schmidt hält auf seinem Betrieb in Unterfranken 300 Sauen und hat im Rahmen des Netzwerkes ein neues Deckzentrum mit 64 Plätzen gebaut. Die ersten Sauen wurden im September 2019 eingestallt. Die erste Gruppe wurde nur für die Dauer der Belegung fixiert. Dabei kam es zu vermehrten Verletzungen an Klauen und Hinterbeinen. Schmidt fixiert seine Sauen heute deshalb für 48 Stunden. „Die 48 Stunden Fixierung sind Tier- und Menschenschutz.“, stellt der Landwirt fest.

Die Fixierung beginnt in der Regel Freitagmorgen, da abends die erste Belegung erfolgt. Dabei reagiert er individuell auf das Tierverhalten. „Wenn wir merken, dass die Sauen unruhig werden, fixieren wir sie auch schon mal einen halben Tag früher.“ Diese Flexibilität ist wichtig, um das unterschiedliche Rauscheverhalten abbilden zu können. Ein zu eng gesetztes Zeitfenster für die Fixierung kann zu Problemen vor allem mit spät rauschenden Sauen führen.

Die Jungsauen werden in einem separaten Deckzentrum belegt. Sie werden komplett in der Gruppe gehalten und nur zur Belegung fixiert. Schmidt setzt keine Hormone zur Rauschesynchronisation ein, daher kommen die Jungsauen sehr unterschiedlich in die Rausche. Das macht es schwer, einen Zeitraum zu finden, in dem alle Tiere fixiert werden können. Die Gruppenhaltung während der Rausche funktioniert bei den Jungsauen gut. Auch hier kommt es während der Rausche zu vermehrter Unruhe. Aufgrund des nahezu einheitlichen Gewichtsbereichs, ist die Verletzungsgefahr aber geringer. Trotzdem liegt die Umrauscherquote durch die Haltungsform bis zu 10% höher als bei den Altsauen.

Ähnliche Erkenntnisse hat Jan-Hendrik Hohls gesammelt. Er belegt die Jungsauen ohne Fixierung in der Gruppe. „Bei einer Gruppenhaltung während der Rausche ist vor allem die Strukturierung der Bucht wichtig. Die Tiere müssen die Möglichkeit haben, sich verstecken zu können.“, so Hohls. Die Altsauen werden für 3 bis 4 Tage fixiert. „Ohne Einstreu sehe ich für die Altsauen keine Möglichkeit ohne eine Fixierung zu arbeiten. Die Spalten stellen ein zu hohes Risiko für die Klauengesundheit dar.“

Eine planbefestigte und eingestreute Lauffläche ist im Deckzentrum der BHZP GmbH am Standort Ellringen (300 Sauen plus Nachzucht) vorhanden. Diese ist bei doppelreihiger Aufstallung 2,8 m breit. Durch die Einstreu haben die Tiere eine verbesserte Standsicherheit und die Verletzungsgefahr ist geringer. Trotzdem werden die Sauen zur Belegung 3 Tage fixiert. „Ohne Fixierung würden wir nicht arbeiten. Das Risiko für Tier und Mensch ist einfach zu hoch. Dabei lassen sich deutliche Unterschiede im Rauscheverhalten zwischen den verschiedenen Genetiken erkennen.“, stellt Elisabeth Gerstenkorn klar. Mit der dreitägigen Fixierung lässt sich in der Regel das Rauscheverhalten aller Sauen auch ohne den Einsatz von hormoneller Synchronisation abdecken. Sollten doch einzelne Sauen nachrauschen, werden diese entsprechend länger fixiert.

Erfolgt nach der Belegung die Umstallung in den Wartestall in eine dynamische Großgruppe, kann es dort zu erneuten Rangkämpfen mit der restlichen Gruppe kommen. Klaus Lange hat einen großzügigen Auslauf an den Wartestall angebaut. Dadurch steht nun jeder Sau eine uneingeschränkt nutzbare Fläche von 4,35 m² zur Verfügung. Genug Platz und eine Stalleinrichtung, die die Sauen zu langen Laufwegen zwingt, bringen Ruhe in die Gruppen. Auf dem Betrieb werden 450 Sauen gehalten. Im Wartestall gibt es zwei dynamische Großgruppen á 150 Sauen. In einer Gruppe befinden sich Jungsauen und kleinere Tiere. In der zweiten Gruppe sind größere Altsauen untergebracht. Beim Umstallen aus dem Deckzentrum werden die Sauen nach Größe und Kondition auf die beiden Wartegruppen aufgeteilt. „In einem solchen System haben Jung- und Erstlingssauen nichts zwischen den großen Sauen verloren.“, stellt Lange fest. Die kleinen Tiere halten der Belastung durch Rangkämpfe mit schweren Tieren zu oft nicht Stand.

Bei richtigem Management eine Chance für die Leistungen

Der Umgang mit einem neuen System will gelernt sein. Nicht nur die Sauen, sondern auch die MitarbeiterInnen müssen sich nach einem Umbau an die neuen Gegebenheiten anpassen. Jürgen Schmidt musste innerhalb des ersten Jahres im neuen Deckzentrum zwei Tierverluste verzeichnen. Die Sauen wurden beim Aufreiten durch andere Tiere so schwer verletzt, dass sie nicht mehr behandelt werden konnten. Haben sich die Abläufe jedoch eingespielt, bieten sich Chancen. „Wird das kurze Deckzentrum richtig gemanagt, wirkt sich die verkürzte Fixierungszeit positiv auf die Leistungen aus. Die Sauen kommen früher in Bewegung und sind vitaler. Das fördert die Fruchtbarkeit.“, ist sich Schmidt sicher. Auch durch regelmäßige Bonituren und Auswertungen der Sauenplaner im Rahmen des Netzwerkes konnte dieser Effekt bestätigt werden.

Insgesamt konnten die biologischen Leistungen in allen Betrieben auf dem gleichen Niveau gehalten oder sogar verbessert werden. Dabei ist zu beachten, dass durch die Vielzahl von umgesetzten Maßnahmen nicht genau festgestellt werden kann, wie groß jeweils der Einfluss der optimierten Haltung im Deckzentrum auf die Entwicklung der erhobenen Kennzahlen ist. In einigen Betrieben wurde beispielsweise während der Netzwerklaufzeit auch die Sauengenetik gewechselt.

Bei allen Veränderungen, egal ob im Stallbau oder im Management, sollte das Tierverhalten den Ausgangspunkt bilden. „Das System sollte vom Schwein aus gedacht werden.“, gibt Elisabeth Gerstenkorn zu bedenken. Eine intensive Tierbeobachtung muss eine feste Größe in der täglichen Arbeit sein. Nur so lassen sich Schwachstellen erkennen und mögliche Lösungsansätze finden.

5 m² bedeuten auch für die MuD-Betriebe Tierschutz eine erneute Umstellung

Sauen im Deckzentrum
Betrieb Jan-Hendrik Hohls, Deckzentrum; Foto: BLE
Sauen im Auslauf am Wartestall
Betrieb Klaus Lange, Auslauf am Wartestall; Foto: BLE

Jürgen Schmidt erreicht die geforderten 5 m² im Deckzentrum, wenn er 6 Sauen aus jeder Gruppe entnimmt. Bei voller Belegung stehen jeder Sau aktuell 4,5 m² zur Verfügung. Das gilt allerdings nur, wenn die Fläche in den Besamungsständen zur uneingeschränkt nutzbaren Bodenfläche gezählt werden darf. Sollte dies nicht der Fall sein, muss der Betrieb das Konzept neu durchdenken. „Eine Möglichkeit wäre es, von einem 3-Wochen auf einen 1-Wochen-Rhythmus umzustellen, um die Gruppen zu verkleinern. Das würde uns aber den gesamten Betrieb durcheinanderbringen.“, so Schmidt.

Jan-Hendrik Hohls plant derzeit den Bau eines neuen Maststalls auf Stroh und möchte dort ein Deckzentrum integrieren. Im Sauenstall besteht keine bauliche Möglichkeit das vorhandene erst 2017 neu gebaute Deckzentrum auf die geforderten 5 m² pro Sau zu vergrößern.

Der Betrieb von Klaus Lange arbeitet im 1-Wochen-Rhythmus. Wartestall und Deckzentrum befinden sich an verschiedenen Standorten. Die Sauen wurden alle zwei Wochen in den Wartestall gefahren, sodass sich die Tiere für 7 bzw. 14 Tage im Deckzentrum befanden. Durch den Anbau des Auslaufes an den Wartestall können die Sauen nun wöchentlich umgestallt werden. Dadurch kann die Hälfte der Besamungsstände im Deckzentrum entfernt und Platz für eine Gruppenhaltung geschaffen werden.

Bei der BHZP GmbH befindet sich bereits ein neuer Sauenstall im Bau. Im darin enthaltenen Deckzentrum mit Gruppenhaltung und teilweise eingestreuten Liegeflächen wird die Fläche von 5 m² pro Sau erreicht, sofern die Fläche im Besamungsstand mitgerechnet wird.

Fazit

Alle Netzwerkbetriebe konnten die Fixierungszeiten im Deckzentrum auf wenige Tage reduzieren. Dabei wurden die biologischen Leistungen insgesamt beibehalten oder sogar verbessert.

Die Fixierung für wenige Tage während der Rausche wird von den meisten Betrieben als Voraussetzung für ein tierwohlgerechtes und sicheres Arbeiten gesehen.

Die durch die novellierte TierSchuNutztV geforderte Vorgabe von 5 m² pro Sau im Deckzentrum erfüllt derzeit keiner der Betriebe, die am Netzwerk teilgenommen haben. Einige Betriebsleiter haben allerdings schon Ideen, wie dies in Zukunft umgesetzt werden kann. Entscheidend wird für einige Betriebe sein, ob die Fläche im Besamungsstand als uneingeschränkt nutzbare Bodenfläche zählen wird.

Insgesamt gilt für die Veränderungen im Deckzentrum: Lösungsansätze sind vielfältig und müssen auf Grundlage der betrieblichen Voraussetzungen individuell geplant werden.


Dieser Artikel ist im Rahmen der Arbeit im Projekt MuD Tierschutz entstanden.


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