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Analyse: Getreidepreise in schwankenden Märkten absichern

Die Landwirte und Landwirtinnen erleben gerade ein Wechselbad der Gefühle: Auf der einen Seite können sie für ihr Getreide Preise erzielen, die zuweilen schon jede Vorstellungskraft sprengen. Gleichzeitig sehen sie sich aber auch mit Kostensteigerungen für Düngemittel, Saatgut und Diesel konfrontiert, die schwindelerregende Höhen erreicht haben. Bis zum Ende der Vermarktungskampagne 21/22 verbleiben nur noch wenige Wochen. Langsam schließt sich das Vermarktungsfenster für die alte Ernte, wobei diese – bis auf wenige Restpartien – ohnehin durchgehandelt ist. Der Fokus richtet sich nun auf Vorkontrakte für die neue Ernte und die Frage, ob und wieviel seiner Ernte man einlagern sollte.

Unsicherheiten bei den Prognosen

Mit Veröffentlichung des letzten WASDE-Berichts durch das US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) wurde klar, dass die Versorgungsbilanz immer enger wird. Erstmals erfolgte hier eine Vorausschätzung für das kommende Wirtschaftsjahr 2022/23. Aus dem Zahlenmaterial geht hervor, dass der globale Weizenverbrauch nicht mehr durch das verfügbare Angebot gedeckt werden kann. Infolgedessen könnten die Lagerbestände um 12 Mio. t auf 267 Mio. t schrumpfen. Das wäre rechnerisch der niedrigste Stand seit sechs Jahren und ist im Wesentlichen dem „Ukraineeffekt“ geschuldet. Hier ist allerdings zu berücksichtigen, dass jede Prognose zum jetzigen Zeitpunkt noch mit großen Unsicherheiten behaftet ist. Dies gilt insbesondere für die bevorstehende russische Getreideernte: Analysten erwarten für diese Destination eine deutlich größere Ernte als vom USDA avisiert. Inzwischen sind über 80 Mio. t im Gespräch.

Vorkontrakte als Option zur Risikominimierung

Unter Berücksichtigung der gesamten Faktorenkombination ist davon auszugehen, dass die Getreidepreise auch in der kommenden Saison 2022/23 noch recht deutlich über dem mehrjährigen Mittel rangieren werden. Dies spiegeln die Börsenkurse auf den hinteren Terminen aktuell auch wieder. Ein Absturz der Notierungen scheint aus jetziger Perspektive eher unwahrscheinlich. Dessen ungeachtet sind gewisse Rücksetzer aber nicht auszuschließen, denn Wettermärkte bestimmen aktuell das Geschehen. Sollte die globale Weizenernte deutlich besser ausfallen als gedacht und über die ukrainischen Seehäfen wieder Getreide auf den Weltmarkt gelangen, könnte ein gewisser Preisdruck aufkommen.

Im Sinne eines proaktiven Risikomanagements sollten daher bis zu 30 % der neuen Ernte 2022 bereits jetzt über Vorkontrakte in den Büchern stehen. Idealerweise wurden die letzten Preissteigerungen auf 380-400 EUR/t für einen B-Weizen der neuen Ernte mitgenommen, um eine Refinanzierung der hohen Kosten im Pflanzenbau sicherzustellen. Aktuell tendieren die Preise jedoch wieder rückläufig. Bei der Vermarktungsplanung sind überdies Vorkontrakte für Teilmengen der Ernte 2023 in Erwägung zu ziehen. Hier werden von einigen Landhändlern bereits Weizenpreise von über 300 EUR/t ausgelobt. In Betracht kommen z. B. Kontrakte auf Termin, Festpreise, Prämienkontrakte oder Optionen mit einer Preisunter- oder -obergrenze. Aber Vorsicht: Viele Anbieter lassen sich ihre „Absicherungsmodelle“ allerdings auch teuer bezahlen.

Planungssicherheit wichtiger als Spekulation

Weizenpreise im Jahresverlauf, Quelle: LLH, Stand: 08.06.2022
Ein Teil der Ernte muss aus Liquiditätsgründen zumeist ex-Ernte vermarktet werden, um die Kosten für die neue Aussaat zu refinanzieren. Die saisonalen Preismuster zeigen allerdings, dass der schlechteste Verkaufszeitpunkt für Weizen im mehrjährigen Mittel 2007-2021 nach der Ernte im September war, während die Preise zu Jahresbeginn im Januar und schließlich im Frühjahr Aufschläge erzielten. Eine Lagerhaltungsstrategie kann also ökonomisch sinnvoll sein und sollte auch in dieser Saison verfolgt werden. Denn bei einer hohen Exportnachfrage am Weltmarkt ist davon auszugehen, dass die Preise für Backweizen ab Januar 2023 wieder steigen, wenn Russland sich vom Markt zurückzieht.

Jede Betriebsleiung sollte seine individuelle Gewinnschwelle aus den erwarteten Produktionskosten und den Erlösen kennen und daran die Vermarktungsentscheidung ausrichten. Als goldene Vermarktungsregel lässt sich sagen: Eine gute Strategie ist nicht darauf ausgelegt, den Höchstpreis zu treffen, sondern Planungssicherheit für den Betrieb herzustellen.