Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Marktinformation & Preise

Getreidevermarktung 2021/22: Preise absichern!

Für die Ackerbauern scheinen endlich die fetten Jahre gekommen zu sein. Im April knackte der EU-Weizen die 250 Euro-Marke und markierte damit seinen höchsten Stand seit Mai 2013. Auch die Maiskurse erreichten derweil immer neue Höchststände. Man konnte den Eindruck gewinnen, die Märkte seien in einem regelrechten Höhenrausch.

Wer die Preisspitzen mitgenommen und Vorkontrakte abgeschlossen hat, ist jetzt in einer komfortablen Position. Allerdings rangieren die Preise der neuen Ernte in dieser Saison je nach Standort und Getreideart bis zu 40 Euro unter den Preisen für alterntige Partien. In Zahlen ausgedrückt, bedeutet dies für einen B-Weizen aktuell Erlösmöglichkeiten von ca. 220 Euro/t frei Lager für prompte Lieferungen und ca. 185 Euro/t ex Ernte. Wer vorausschauend handelt und sein Vermarktungsrisiko minimiert, hat in diesem Jahr bereits mehr als ein Drittel seiner Ernte vorverkauft. Doch aufgrund des Anbaurisikos sind nach oben hin natürlich Grenzen gesetzt und mit einem Teil der Ernte möchten einige Betriebsleiter auf steigende Preise spekulieren. Wer „ins Risiko“ geht sollte allerdings bedenken, dass die Preisbildung auf einem komplexen Zusammenspiel zahlreicher Faktoren beruht und Prognosen daher mit großen Unsicherheiten verbunden sind. Dies zeigen die Minuskorrekturen an den Terminmärkten seit dem letzten Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA), der immer noch als richtungsweisend gilt.

Preisdruck durch gute Ernten?

Tatsächlich setzte das USDA die Weizenernte im Juni nämlich auf einen neuen Rekordwert nach oben. Grund sind die ausgesprochen guten Bonituren in der EU, Russland und der Ukraine. Durch die kühle und feuchte Witterung werden v. a. in Frankreich, Deutschland und Rumänien Ertragszuwächse erwartet. So fallen 81% der Bestände in Frankreich aktuell in die Kategorie „gut bis exzellent“. In Summe könnte die EU-Weizenernte laut den Beamten aus Washington auf 137,5 Mio. t steigen, was ein Plus von 11,5 Mio. t gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Alleine in Deutschland würden damit 23 Mio. t Weizen von den Feldern geholt (Vj. 21,7 Mio.). Entsprechend komfortabel wäre die inländische Versorgungssituation. Auch für Russland erwarten die meisten Analystenhäuser und das USDA eine größere Ernte. Mit 86 Mio. t liegt die Schätzung hier ca. 1 Mio. t über dem Niveau des Vorjahres, wobei 64,5 Mio. t auf den Winterweizen und 21,5 Mio. t auf den Sommerweizen entfallen. Aggregiert wird die globale Weizenproduktion in 2021/22 wohl auf 794 Mio. t geschätzt und damit ca. 20 Mio. t höher als in 2020/21. „Gute Erträge könnten die Preisentwicklung etwas dämpfen“, so lautete daher das Fazit des Vereins der Getreidehändler der Hamburger Börse (VdG) auf ihrer Mitgliederversammlung am 08. Juni. Doch das Getreideangebot ist nur die eine Seite der Medaille. Steigt auch die Nachfrage in den verschiedenen Verbrauchssektoren sprunghaft an, so könnte dies den preisdämpfenden Effekt wieder kompensieren. Entscheidend ist am Ende also das Verhältnis von Lagerbeständen zu Verbrauch (sog. „Stock-to-Use-Ratio“).

Steigende Nachfrage am Weltmarkt

Ein wichtiger Faktor am Weltmarkt ist zweifellos die Corona-Pandemie. Diese hat in den vergangenen Monaten zu einer Störung der Logistikketten, Hamsterkäufen und Exportbeschränkungen geführt. Infolgedessen ist nicht nur die Nahrungsmittelpreisinflation auf ein kritisches Niveau gestiegen, sondern auch die Lagerbestände geschrumpft. Um dem Einhalt zu gebieten, haben zahlreiche Länder, darunter auch China, ihre nationalen Sicherheitsreserven wieder massiv aufgestockt. Für die noch laufende Saison 2020/21 beziffert das USDA alleine die chinesischen Weizenimporte auf 10,5 Mio. t. Das wäre bereits ein Drittel der Weizenimporte aller nordafrikanischen Länder zusammen (29 Mio.), die traditionell zu den größten Weizenimporteuren zählen. Aus den neuen Zahlen geht hervor, dass der Rohstoffhunger Chinas auch in der kommenden Saison fortbestehen dürfte. Grund sind u. a. die staatlichen Förderprogramme in der Schweinemast, die zuletzt zu einem starken Anstieg der Viehbestandszahlen führten. Ein wichtiger Indikator hierfür ist u. a. der Preisverfall am chinesischen Schweinemarkt. Mit der größeren Schweineherde steigt gleichzeitig auch der Bedarf an proteinreichen Futtermitteln. Dies gilt allerdings nicht nur für China, sondern auch für Russland und die EU. Insgesamt könnte der globale Weizenverbrauch 2021/22 im Ergebnis um 10 Mio. t auf den Rekordwert von 791,1 Mio. t steigen, so das USDA. Damit könnte der Produktionszuwachs zum Teil wieder kompensiert werden. Die prognostizierten weltweiten Endbestände werden in 2021/22 daher lediglich um 3,0 Mio. t auf 296,8 Mio. t angehoben, wobei davon alleine in den Silos der VR China 48% lagern. Was bedeutet dies nun für das Verhältnis von Lagerbeständen zu Verbrauch? Statistisch betrachtet: Nichts! Der Stock-to-Use-Ratio bleibt unverändert bei 37%, was der steigenden Nachfrage geschuldet ist. Allerdings sagt dieser Indikatoren nichts darüber aus, wie sich die Bestände de facto im Raum verteilen.

Viele Unbekannte in der Gleichung

Es gibt keine Garantie dafür, dass sich die Preise auf dem hohen Niveau behaupten können. Andererseits gibt es auch keine Indizien für einen starken Preisverfall. Einige Länder, darunter z.B. Argentinien und Russland, nutzten zuletzt immer wieder nicht-tarifäre Maßnahmen wie Exportbeschränkungen, um den Anstieg der inländischen Nahrungsmittelpreise politisch zu begrenzen. Derartige Maßnahmen haben naturgemäß Auswirkungen auf die Handelsströme und könnten die Weltmarktpreise schnell wieder in die Höhe treiben. Auch mögliche Wetterkapriolen, deren Auswirkungen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen sind, könnten das Mengenangebot und damit das Preisgefüge noch maßgeblich beeinflussen. So bleibt z. B. die ausgeprägte Trockenheit im Westen der USA weiterhin ein Thema. Schließlich spielen Rohstoffspekulationen bei der Preisbildung eine immer größere Rolle. Längst haben auch finanzstarke Investoren die agrarischen Rohstoffmärkte für sich entdeckt. Niedrige Zinsen, Konjunkturprogramme und eine lockere Geldpolitik rufen Investoren auf den Plan, die gigantische Finanzströme an den Getreidemärkten bewegen. Großbanken wie JP Morgan und Goldman Sachs sprechen bereits von einem strukturellen Bullenmarkt für Rohstoffe, der in einen „Superzyklus“ übergehen könnte. Dies zeigt sich nicht nur an den Getreidemärkten, sondern auch an den Märkten für Bauholz, Stahl, Rohöl und Kupfer. Spekulationen dieser Art können den Kursen zeitweise ein regelrechtes Eigenleben verleihen, das mit den harten Fakten (Erntemengen, Handel, Verbrauch, Vorräte) nur noch wenig zu tun hat. Dies sollte man bei seinen Vermarktungsentscheidungen berücksichtigen.

Bei der Vermarktung Risiken absichern

Die Märkte bleiben vorerst sehr volatil. Es ist weiter mit starken Preisschwankungen zu rechnen. In welche Richtung sich die Preise in den nächsten Wochen und Monaten bewegen werden, kann kaum jemand prognostizieren. Vermarktungsentscheidungen, die jetzt zu treffen sind, sind immer Entscheidungen unter Unsicherheit. Inzwischen gibt es zahlreiche Vermarktungsmodelle, durch die man sich je nach eigener Risikoneigung gegen Erlösrückgänge absichern kann. Dazu zählen etwa Kontrakte auf Termin, Festpreismodelle, Prämienkontrakte und Optionen mit Unter- oder Obergrenze. Die Flexibilität dieser Absicherungsmodelle lassen sich die Anbieter jedoch fürstlich vergüten. Daher nutzen die meisten Betriebsleiter immer noch klassische Strategien, bei denen z.B. ein Drittel vor, ein Drittel in und ein weiteres Drittel nach der Ernte vermarktet wird. Bei den jetzigen Preisen hat man idealerweise bereits mehr als ein Drittel der neuen Ernte über Vorkontrakte in den Büchern stehen. Wie bereits erläutert, könnten die guten Erträge die Preisentwicklung in der Ernte wieder dämpfen. Wer alles auf eine Karte setzt, kann – wie im Jahr 2018 – Glück haben oder einen hohen Verlust einfahren. Auswertungen zeigen immer wieder, dass die Jagd nach dem Höchstpreis eher selten erfolgreich ist. Aus den Preiskurven heraus lassen sich zumindest keine allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten ableiten (siehe Abb. 1). Denn die Preiszyklen können sich hinsichtlich ihrer Amplitude (Spitze) und Periode (Länge) stark unterscheiden. So dauerte die Hochpreisphase im Zeitraum 2006 bis 2008 sehr lange an, während die Preise in 2010 regelrecht explodierten, um in 2011 wieder drastisch zu fallen.

Vermarktungsstrategie für 2021/22

Die Frage ist, welches Szenario wir für die anstehende Ernte und darüber hinaus erwarten können? Mit Blick auf die Informationen bzw. Fundamentaldaten, die derzeit vorliegen, ist zu erwarten, dass spätestens mit Beginn der neuen Ernte etwas Preisdruck aufkommt. Dieses Szenario hat nach unserer Auffassung die höchste Eintrittswahrscheinlichkeit. In Anbetracht der explodierenden Nachfrage am Weltmarkt ist ein Preisverfall jedoch eher unwahrscheinlich. Es ist sogar nicht ausgeschlossen, dass wir uns – wie im Jahr 2006 – in einen Superzyklus hineinbewegen mit hohen Preisen für einen längeren Zeitraum. Darauf zu wetten wäre aber riskant, denn die vom USDA avisierten Prognosen deuten auf große Ernten in zahlreiche Weltregionen hin. Man kann nur hoffen, dass der Markt diese Mengen tatsächlich irgendwie „schlucken“ wird. Zum jetzigen Zeitpunkt sollte jeder Betrieb bereits Vorkontrakte für die neue Ernte abgeschlossen haben. Dabei kann man den Anteil der Vorverkäufe sogar auf über ein Drittel hinaus aufstocken. Eine weitere Teilmenge kann dann ex Ernte zu aktuellen Tagespreisen vermarktet werden, um Liquidität im Betrieb sicherzustellen. Mit der übrigen Menge lässt sich ggf. auf steigende Preise zum Jahresende spekulieren. Allerdings ist keinesfalls garantiert, dass die Getreidepreise im Spätherbst auch wieder tatsächlich in eine Aufwärtsbewegung kommen. Vieles wird davon abhängen, welche Ernten am Ende aus Russland und der Ukraine auf den Markt drängen. Man sollte sich vergegenwärtigen, dass Preisspitzen wie in dieser Saison – statistisch gesehen – nur alle paar Jahre auftreten. Der Erwartungswert mit der höchsten Eintrittswahrscheinlichkeit ist und bleibt der Mittelwert. Und dieser lag in den letzten fünf Jahren z.B. für den B-Weizen bei 160 Euro/t und die Futtergerste bei 147 Euro/t (frei Landlager). Vor diesem Hintergrund wäre es sogar eine kluge Handlungsalternative, jetzt bereits Teilmengen für 2022 abzusichern. Wichtig: je mehr man spekuliert, desto akribischer sollte man in diesem Fall das Marktgeschehen und die Notierungen im Blick behalten.

Diagramm: Weizenkurs Januar 200 bis Mai 2021, Euronext Paris, in EUR/t
Aus den Preiskurven der letzten elf Jahre lassen sich keine allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten ableiten.

 


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