Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Marktinformation & Preise

Zur Versorgungssicherheit am Weizenmarkt – ein Faktencheck

Mit Ausbruch des Ukraine-Krieges ist der Welt-Getreidemarkt aus dem Gleichgewicht geraten. Dies ist im Wesentlichen dem Umstand geschuldet, dass der Export aus der Schwarzmeerregion nach Sperrung des Asowschen Meers durch die Russen nahezu vollständig zum Erliegen gekommen ist.

Um dies zu verdeutlichen, sei hier auf die Zahlen des ukrainischen Landwirtschaftsministeriums verwiesen: Wurden vor Kriegsausbruch noch etwa 5 Mio. t Getreide pro Monat in der Ukraine verschifft, sind es aktuell auf der Schiene und über die Donau gerade einmal 200.000 t. Daraus folgt wiederum, dass noch schätzungsweise 21,5 Mio. t Altgetreide und Ölsaaten in den Silos der Schwarzmeerhäfen lagern. Rohstoffe, die an anderer Stelle für die Ernährung fehlen.

Doch wie steht es wirklich mit der Versorgungssituation am Weizenmarkt? Hier treffen in der Diskussion häufig konträre Meinungen aufeinander. Fakt ist, dass die Ukraine und Russland zusammen in einer typischen Saison etwa 30 % des Weizens am Weltmarkt bereitstellen. Einige Länder wie z.B. Somalia oder Benin decken dabei ihren Weizenbedarf zu 100 % aus diesen beiden Destinationen. Ägypten als weltgrößter Weizenimporteur immerhin noch zu 82 %.

An diesen Zahlen wird deutlich, dass ein „Agrarkrieg“ Russlands schnell zu einer humanitären Katastrophe in der Welt führen kann. Die destabilisierende Wirkung wäre möglicherweise mit den sozialen Unruhen des sog. „Arabischen Frühlings“ vergleichbar. Infolgedessen musste die Bundesrepublik Deutschland alleine im Jahr 2015 über 1 Mio. Flüchtlinge aufnehmen, die aufgrund von Hunger und Bürgerkrieg in ihren Heimatländern geflohen waren.

Entgegen der weit verbreiteten Meinung zählt Deutschland allerdings nicht zu den Nationen, die größere Mengen Weizen aus der Ukraine beziehen. Rechnerisch entfällt auf die Bundesrepublik lediglich ein Exportanteil von unter 1 %, was auf den hohen Selbstversorgungsgrad von 127 % beim Weichweizen hierzulande zurückzuführen ist. Anders verhält es sich mit dem Körnermais.

Ein Faktencheck für das WJ 2021/22 zeigt, dass nach den Zahlen des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) der Verbrauch mit 785 Mio. t das Angebot von 778 Mio. t übersteigen wird. Allerdings wurden in den vergangenen Jahren auch gigantische Lagerbestände aufgebaut, die aktuell immer noch auf 281 Mio. t taxiert werden. Das Verhältnis von Lagerbestand zu Verbrauch (sog. Stock-to-Use-Ratio) beträgt damit 36 %. Ein Gedankenexperiment soll die Implikationen an dieser Stelle verdeutlichen: Würde die Weizenproduktion von heute auf morgen eingestellt, könnte der globale Weizenbedarf rechnerisch also noch für 130 Tage bzw. über 4 Monate aus den Lagerbeständen gedeckt werden.

Quelle: AMIS, Daten aus USDA, Stand 04.05.2022

Diese Betrachtung ist jedoch nur die halbe Wahrheit und damit irreführend, denn bei der Welt-Versorgungsbilanz bleibt unberücksichtigt, wie sich die Bestände auf die einzelnen Länder genau verteilen. So lagern allein 46 % des Weizens in den Silos der VR China und stehen dem Welthandel damit nicht zur Verfügung. Denn das Reich der Mitte zählt nicht zu den Exporteuren.

Rechnet man China aus den Gleichungen heraus, reichen die Lagerbestände rechnerisch nur noch für 84 Tage, also für ca. 2,5 Monate. Entscheidend für den Welthandel sind nämlich am Ende die Lagerbestände und Ausfuhren bei den größten Exporteuren, namentlich der EU, Russland, Australien, USA, Ukraine, Kanada, Argentinien und Kasachstan. Größere Ausfuhren aus Australien und Argentinien können die Fehlmengen aus der Ukraine und Russland auf Dauer wohl kaum kompensieren.

Ein weiterer Aspekt ist die Qualität des gehandelten Getreides, die sehr stark von den pflanzenbaulichen Faktoren wie z.B. den Witterungsbedingungen abhängig ist. Werden wichtige Parameter bei den Fallzahlen und Proteingehalten nicht erfüllt, kann eine hinreichende Backqualität nicht gewährleistet werden. Aufgrund von Trockenheit und ungünstigen Niederschlagsbedingungen war der Anteil von Futtergetreide zur Ernte 2021 in Russland daher deutlich höher als in normalen Jahren. Mit anderen Worten fehlte es in dieser noch laufenden Saison ohnehin an Qualitätsgetreide am Weltmarkt.

Niemand kann zum jetzigen Zeitpunkt valide vorhersagen, welche Mengen und Qualitäten zur Ernte 2022 eingefahren werden. Denn die Unsicherheitsmarge ist in einem komplexen System wie der Getreideproduktion statistisch betrachtet einfach zu groß. Gleichwohl kann eine vage Vorausschätzung im Rahmen einer Szenarioanalyse erfolgen, was der Internationale Getreiderat (IGC) kürzlich für 2022/23 getan hat. Demnach ist zu erwarten, dass die Lagerbestände am globalen Weizenmarkt nach jetzigem Sachstand zumindest um -5 Mio. t schrumpfen werden. In der aggregierten Getreidebilanz inklusive Körnermais rechnet der IGC sogar mit einem Lagerbestandsrückgang von -26 Mio. t. Die führenden Politiker dieser Welt werden Lösungen finden müssen, um die sozialen Verwerfungen durch Nahrungsmittelpreisinflation begrenzen zu können.


Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag