Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Marktinformation

Bei der Getreidevermarktung Risiken absichern

Bis zum Ende der Saison 2019/20 verbleiben nur noch wenige Wochen. Das Vermarktungsfenster für alterntige Partien schließt sich. Tatsächlich sind die Restmengen, die jetzt noch in den Getreidesilos lagern, aber ohnehin überschaubar.

Nach einer Experteneinschätzung des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) dürfte zum jetzigen Zeitpunkt noch max. 5 – 10% der Ernte 2019 unverkauft sein. Das Getreideangebot am physischen Markt bleibt also limitiert. Zumal sich die überhitzten Wettermärkte mit den Niederschlägen wieder etwas abkühlten und die Weizenkurse am Terminmarkt dadurch schwächer tendierten. Der Septemberkontrakt wird zum jetzigen Zeitpunkt (Stand 22.05.2020) an der Euronext in Paris mit 188,25 Euro/t bewertet. Am hessischen Kassamarkt übersetzt, bedeutet dies Erlösmöglichkeiten von etwa 170 bis 175 Euro/t frei Landlager. Mangels Handelsvolumen sind die Preise aber eher nominell zu verstehen, denn die Abgabebereitschaft der Erzeuger ist bei diesen Preisen gering. Auch die Mühlen haben sich erstmal weitgehend vom Markt zurückgezogen und decken allenfalls nur noch Bedarfsspitzen. Vorausgesetzt, der „Preis passt“. Das war in den ersten Wochen der Corona-Pandemie noch gänzlich anders, als die Konsumnachfrage nach Mehl explosionsartig anzog. Überdies kommt in der jetzigen Situation hinzu, dass der Getreideexport saisonbedingt an Dynamik verliert. Nur etwa 30.000 t Weizen wurden in der Vorwoche ins Ausland verschifft. Das ist lediglich ein Drittel der Menge, die nach den Exportinspektionen vor zwei Wochen abgefertigt wurde. Entsprechend geraten die Preise an den Verladeterminals der Häfen etwas unter Druck. Demgegenüber kommen Geschäfte mit Futtergetreide wohl häufiger zustande, wie die Auswertungen in der geschlossenen Benutzergruppe CASH! des LLH zeigen. Futterweizen wird dabei zu vergleichbaren Preisen wie Brotweizen gehandelt (170 – 175 Euro/t), während Futtergerste mit etwa 145 – 155 Euro/t in die Bücher geht. Besonders schwer hat es die Braugerste in dieser Saison getroffen. Mit den Corona bedingten Einschränkungen ist der Bierabsatz in Deutschland regelrecht eingebrochen und damit auch die Nachfrage der Mälzereien nach Rohstoff. In vielen Fällen lassen sich Braugerstenpartien nur noch als Futtergerste vermarkten, wie Händler berichten. Alterntige Partien werden nur noch selten vermarktet, Kontraktware häufig gar nicht mehr abgerufen. Hier wird bereits von einem auslaufenden Geschäft gesprochen. Die Preise der neuen Ernte geraten derweil ebenfalls unter Druck, da die EU 27 bei der Sommergerste wohl wieder eine leichte Flächenexpansion zu verzeichnen hat. In Deutschland dürfte die Anbaufläche nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts um etwa 3% auf 368.000 ha steigen. Vor diesem Hintergrund agieren die Verhandlungspartner noch äußerst zurückhaltend. Gleiches gilt auch für den Teilmarkt für Roggen: Kontraktgeschäft kennzeichnet den Markt, Neugeschäfte kommen so gut wie nicht mehr zustande. Immerhin taxiert der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) die deutsche Roggenernte 2020 derzeit auf 3,6 Mio. t, was ein Plus von 12% gegenüber 2019 bedeuten würde. Für die gesamte EU avisiert die Kommission derweil eine Roggenernte von 8,85 Mio. t, womit das mehrjährige Mittel sogar um 18,5% übertroffen würde. Mit der Aussicht auf eine solche reichliche Roggenernte können sich die Verarbeiter erstmal entspannt zurücklehnen. Nominell werden vom Landhandel für Brotroggen frei Lager aktuell max. 150 Euro/t genannt. Angesichts der geringen Bodenfeuchte in Ostdeutschland und Polen darf allerdings bezweifelt werden, dass eine solche Ernte am Ende tatsächlich eingebracht wird.

Die neue Ernte rückt in den Fokus

Wie dem kürzlich erschienen MARS-Bericht (Monitoring Agricultural Resources) der EU-Kommission zu entnehmen ist, leiden große Teile Europas immer noch unter einem Niederschlagsdefizit. Dies dürfte die Ertragsbildung negativ beeinflussen. So bewertete das Analystenhaus FranceAgriMer zum Stichtag 4. Mai nur noch 57% der französischen Weizenbestände mit „gut bis sehr gut“. Im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt noch 79%. Zwar sind die Bestände in Deutschland in einem besseren Zustand, doch wurde die Anbaufläche von Wintergetreide stark dezimiert. Infolgedessen geht der DRV davon aus, dass die diesjährige Winterweizenernte mit 22 Mio. t um ca. 3,3% unter Vorjahreslinie und etwa 8% unter dem mehrjährigen Mittel liegen wird. Europaweit rechnet die EU-Kommission (Stand April 2020) indessen nur noch mit einer Getreideernte in Höhe von 289,6 Mio. t. Das wäre mengenmäßig ein Minus von -1,5% gegenüber dieser Kampagne 2019/20. Global betrachtet, dürfte die Getreideversorgung aufgrund der durchaus großen Ernten in anderen Weltregionen jedoch komfortabel bleiben. Darauf deutet zumindest die letzte Mai-Prognose des US-Landwirtschaftsministeriums im WASDE-Bericht hin. Für die Marktversorgung dürfte am Ende allerdings entscheidend sein, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die interkontinentalen Lieferketten und Warenströme haben wird.

Vermarktung der neuen Ernte

Angesichts der unsicheren Ernteprognosen agieren Erzeuger und Käufer sehr zurückhaltend am Markt. Zwar wird die neue Ernte besprochen, Abschlüsse kommen dabei aber nur selten zustande. Für die Erzeuger könnte sich das Warten am Ende auszahlen, denn die Voraussetzungen für höhere Preise sind gar nicht so schlecht. Dies gilt sowohl für das Getreide als auch für den Raps. Nachdem Russland und die Ukraine bereits Exportbeschränkungen erlassen haben, meldet Moskau nun Trockenschäden in den südrussischen Anbaugebieten. Sollte sich dies bestätigen, spräche das für eine Angebotsverknappung am Weltmarkt. Weitere Wettermärkte mit entsprechenden Risikoprämien sind in den nächsten Wochen also nicht ausgeschlossen. Unterstützung bietet überdies der rege Weizenexport, der sich bislang nach den Zahlen der EU-Kommission auf 30,2 Mio. t beläuft. Das sind immerhin 64% mehr als im Vorjahr. Allerdings sollten bei einer Vermarktungsstrategie für 2020/21 auch die Marktrisiken Berücksichtigung finden. Momentan spricht zunächst einmal wenig für ein gravierendes Versorgungsdefizit am Weltmarkt. Weiterhin setzt die stark rückläufige Ethanol-Produktion den Maispreis zunehmend unter Druck, was die Preise für Futtergetreide deckeln könnte. Auf eine Preisralley sollte man also nicht unbedingt wetten. Auch ist die Gefahr eines Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest (ASP) – trotz rückläufiger Fallzahlen – immer noch nicht gebannt. Diesen Aspekt gilt es zu berücksichtigen. Schließlich sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie mit den entsprechenden Folgen auf die Rohstoffnachfrage weltweit kaum prognostizierbar. Vollzieht sich ein V-Szenario, bei dem die Wirtschaft nach einer Vollbremsung rasch wieder ins Gleichgewicht zurückkehrt oder sehen wir uns mit einem L-Szenario konfrontiert, bei dem sich eine längerfristige Rezession einstellt? Wir wissen es nicht. Die Vermarktungsentscheidungen, die jetzt zu treffen sind, sind also Entscheidungen unter Unsicherheit. Vor diesem Hintergrund ist es zu empfehlen, auf Nummer Sicher zu gehen und das Risiko zu begrenzen (Maximin-Regel). Wer keine Vorkontrakte abschließt, setzt alles auf eine Karte und riskiert dabei einen hohen Verlust. Denn die Jagd nach dem Höchstpreis ist selten erfolgreich. Idealerweise sollten Sie vor Beginn der neuen Ernte etwa 25 – 30% Ihrer Mengen durch Vorverkäufe abgesichert haben. Wenn die Prämien in den nächsten Wochen wieder etwas steigen, machen Sie den Sack zu. Eine weitere Teilmenge kann dann ex-Ernte und später ggf. am Jahresende vermarktet werden, wenn der Angebotsdruck aus der Schwarzmeerregion wieder nachlässt. Zu diesem Zeitpunkt gewinnt der EU-Export an Dynamik, womit typischerweise auch die Exportpreise und mit der Preistransmission die Kassapreise steigen. Ein solcher Verlauf ist zwar keineswegs garantiert, da jede Vermarktungssaison ihre Besonderheiten hat. Doch zeigen sich wiederkehrende Muster in den Zeitreihen. Behalten Sie das Marktgeschehen stets im Blick und lesen Sie unsere regelmäßig an dieser Stelle erscheinenden Markteinschätzungen!


Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Durch die weitere Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen