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Hafer – Nischenmarkt mit Potenzial

Die Nachfrage nach Lebensmitteln auf Haferbasis boomt. Gleichzeitig ist der Haferanbau in Deutschland rückläufig. Die Initiative „Haferanbau“ soll neue Impulse setzen.

Der Markt für Produkte auf Haferbasis boomt. Nicht nur in Schweden und Finnland, wo der Hafer bereits vor Jahren seinen Siegeszug antrat, sondern auch in Deutschland. Zum einen wurde das Sortiment von Müslis auf Haferbasis in den letzten Jahren sukzessive erweitert. Zum anderen sind aber auch neue Variationen entstanden wie z.B. Porridge-Mischungen, Hafer-Protein-Riegel und vegane Haferdrinks, die Hafer zu einem echten Superfood machen. Schon vor 4.000 Jahren bauten Kelten und Germanen Hafer an und wussten über die Heilwirkung dieser Pflanze. Tatsächlich ist die Kultur ernährungsphysiologisch betrachtet ein echter Allrounder, reich an Ballaststoffen, Beta-Glucan, Vitaminen und Mineralstoffen. In 2017 wurde der Hafer an der Universität Würzburg daher zur Arzneipflanze des Jahres ausgezeichnet!

Mengendefizite in Deutschland

Der Bedarf der Mühlen an Qualitätshafer ist seit 2008 um etwa 70% gestiegen. Nach Angabe des Verbands der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) verarbeiten die Schälmühlen pro Jahr derzeit rund 500.000 t Hafer zu Lebensmitteln. Der Gesamtverbrauch belief sich in Deutschland zuletzt auf 915.000 t.   Gleichzeitig hat sich die heimische Haferproduktion mit 578.000 t innerhalb der letzten 20 Jahre halbiert. Im Anbauspektrum der Kulturen entfällt auf den Hafer lediglich ein Anteil von 1,2% der gesamten Ackerfläche (Statistisches Bundesamt). Das sind nach den Zahlen des BMEL in Deutschland gerade einmal 140.000 ha. Bei einem Selbstversorgungsgrad von 71% stammen nur 30% des Industriehafers aus deutschen Herkünften. Fehlmengen müssen momentan v.a. aus Finnland, Polen und Schweden importiert werden, um die Versorgungsbilanz auszugleichen. Die Hafermühlen benötigen also dringend mehr Rohstoff und sind dabei bestrebt, diesen verstärkt über regionale Herkünfte zu beziehen.

Agronomische Vorteile im Anbausystem

Um dieses Ziel zu erreichen, hat der VGMS in 2019 die Initiative „Haferanbau“ gestartet, um für den Anbau zu werben. Dabei liegen die agronomischen Vorteile auf der Hand: Hafer reduziert als „Gesundungsfrucht“ in der Fruchtfolge das Auftreten von Problemgräsern und trägt zur Erholung des Bodens bei. Zudem stellt er nur geringe Ansprüche an den Boden und erfordert einen geringen Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Im direkten Wirtschaftlichkeitsvergleich bleibt der Hafer allerdings hinter dem Weizen zurück. Bei einem angenommenen Marktpreis von 16 Euro/dt und einem mittleren Ertragsniveau von 50 dt/ha liegt der Deckungsbeitrag ungefähr bei 148 Euro/ha. Hierbei sind allerdings nicht die positiven Fruchtfolgewirkungen berücksichtigt, die das Ertragsniveau der Folgefrucht heben. Auch spiegelt der mittlere Durchschnittsertrag häufig nicht das wahre Leistungsvermögen des Hafers wieder, wie Anbauversuche der FH-Südwestfalen zeigen. Bei früher Aussaat sind auf guten Böden sogar bis zu 90 dt/ha möglich. Wichtig ist, dass der Hafer nicht auf schwachen Standorten verkümmert.

Hafer als lukrative Marktfrucht?

Denn zu attraktiven Preisen kann man ihn als Industriehafer nur dann vermarkten, wenn die Qualität stimmt. Geringe Hektolitergewichte führen bei den Schälmühlen nicht automatisch zum Ausschluss. Häufig ist die Größe des Haferkerns, der Kernanteil (Kern-Spelze-Verhältnis 2:1) und die Schälbarkeit entscheidend. Eine Bonitierung bei der Mühle gibt Aufschluss darüber, ob die Partien als Industriehafer vermarktet werden können. Der Preis für Qualitätshafer liegt laut der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft Bonn im Bundesdurchschnitt mit 160 Euro/t (frei Erfasser) derzeit etwa auf dem Niveau von Futterweizen. In Hessen erlösen die Erzeuger mit ca. 150 Euro/t allerdings etwas weniger, womit der Preisabstand zu Futterweizen ca. 10 Euro/t beträgt. In Zeiten einer knappen Marktversorgung können die Haferpreise aber auch auf dem Niveau von Qualitätsweizen notieren, wie in 2018 zu beobachten war. In diesem Fall steigt typischerweise auch der Deckungsbeitrag. Entspricht die Qualität der Partien nicht den Anforderungen an Industriehafer, muss die Ernte als Futterhafer vermarktet werden. Etwa 45% des verbrauchten Hafers bzw. 425.000 t dienen in Deutschland Fütterungszwecken (v.a. in der Pferdehaltung). Es drohen in diesem Fall Erlöseinbußen von ungefähr 10 Euro/t, was ein gewisses Vermarktungsrisiko impliziert. Verglichen mit dem Braugerstenanbau ist das wirtschaftliche Risiko jedoch geringer.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Hafer aufgrund seiner Marktpotenziale und positiven Fruchtfolgewirkungen eine interessante Kultur im Anbauspektrum darstellt. Wirtschaftlich wird der Anbau aber nur dann sein, wenn man ihn nicht auf schwachen Standorten verkümmern lässt und die Partner in der Wertschöpfungskette miteinander zusammenarbeiten. Aufgrund der abgeleiteten Nachfrage haben die Mühlen einen enormen Bedarf an heimischen Hafer. Im Sinne einer Anbauflächenexpansion sollten die Schälmühlen für Qualitätshafer aus Deutschland ggf. höhere Preise ausloben, damit sich der Hafer als lukrative Marktfrucht nachhaltig etablieren kann.

Preise für Qualitätshafer, Futterhafer, Futterweizen; Stand 26.03.2020
Preise für Qualitätshafer, Futterhafer, Futterweizen; Stand 26.03.2020

Weitere Informationen finden Sie in unseren Beiträgen:

Qualitätshafer – So gelingt der Anbau

Ergebnisse der Landessortenversuche Sommerhafer 2019 & Empfehlungen