Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Marktinformation

Bei der Getreidevermarktung auf positive Preissignale warten

Der Markt ist global übersorgt, regional aber durchaus knapp

Am Getreidemarkt kommen momentan kaum Abschlüsse in die Bücher. Eine geringe Abgabebereitschaft der Erzeuger trifft auf eine verhaltende Nachfrage von Seiten der aufnehmenden Hand. Die Saison 2016/17 ist aber noch nicht gelaufen, denn bis zur neuen Ernte dürften bei den Mühlen noch Versorgungslücken auftreten. Mit geschätzten 9,74 Mio. t markiert der Lagerbestand an Weizen in der EU in dieser Saison seinen niedrigsten Stand seit 13 Jahren.

Trotz dieser regionalen Knappheit bleibt der Preisspielraum nach oben vorerst begrenzt. Weltweit lagern immer noch gigantische 628,4 Mio. t Getreide in den Silos. Angesichts dieser Lagerbestände fehlen häufig angebotsseitige Argumente für höhere Preisforderungen. Dies könnte sich in der Vermarktungssaison 2017/18 jedoch ändern. Dr. Nikos Förster, Marktreferent beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen, erläutert die Hintergründe.

Das Vermarktungsfenster für alterntige Partien verringert sich, doch die Saison 2016/17 ist noch nicht gelaufen. Wie groß die Restmengen sind, die in den Getreidesilos de facto noch lagern, da gehen die Meinungen allerdings auseinander. Zumindest ein Großteil der alten Ernte 2016 dürfte nach Einschätzung der Marktbeteiligten bereits durchgehandelt sein. Dies gilt v.a. für die ostdeutschen Regionen. Das Getreideangebot am physischen Markt bleibt folglich überschaubar. Dessen ungeachtet kommen am Markt für Brotgetreide derzeit kaum  Neugeschäfte zustande. Eine geringe Abgabebereitschaft der Erzeuger trifft auf wenig Kaufinteresse bei der aufnehmenden Hand.

Die Mühlen mauern

Grafik Preisindex des Internationalen Getreiderates
Grafik Preisindex des Internationalen Getreiderates

Die Mehrzahl der Betriebe ist bei dem jetzigen Preisniveau offenbar nicht bereit, sich von ihrer Ware zu trennen. Demgegenüber vertreten die Mühlen den Standpunkt, sie seien bis zur neuen Ernte 2017 gut mit Ware versorgt, höhere Preisforderungen seien daher nicht durchsetzbar. Tatsächlich gehen Insider aber davon aus, dass bis zur neuen Ernte auch bei den Mühlen noch Versorgungslücken auftreten werden. Insbesondere beim Roggen ist die Versorgungsbilanz in der EU im aktuellen Wirtschaftsjahr offenbar auf der letzten Kante genäht. Vor diesem Hintergrund haben die Roggenpreise inzwischen kräftig angezogen und markieren am Hamburger Hafen mit 165 EUR/t (loko, prompt) bereits ihren höchsten Stand seit zwei Jahren. Am hessischen Kassamarkt ging der Brotroggen in der 19. Berichtswoche immerhin noch mit durchschnittlich 131,74 EUR/t (franko) in die Bücher.

Zwar ist die Versorgungsbilanz beim Weizen etwas ausgeglichener; so komfortabel wie am Weltmarkt ist sie jedoch keineswegs. Mit geschätzten 9,74 Mio. t dürfte der Lagerbestand an Weizen in der EU in dieser Saison wohl auf den niedrigsten Stand seit 13 Jahren fallen. Der Markt ist regional also durchaus knapp, was der vergleichsweise schwachen Ernte in 2016 geschuldet ist. Mit 144,7 Mio. t blieb die europäische Weizenernte in 2016 etwa 10% hinter dem Vorjahresniveau zurück. Dementsprechend standen für den Export von Qualitätsweizen nicht immer ausreichende Mengen zur Verfügung. Hiervon haben bislang v.a. Rumänien und Deutschland profitiert.

Während die Weizenexporte aus der EU zum jetzigen Zeitpunkt noch 20% unter der Vorjahreslinie liegen, konnte Deutschland seine Ausfuhren im gleichen Zeitraum immerhin um 5,6% steigern. Im Falle einer Ernteverzögerung ist daher nicht auszuschließen, dass es noch zu einem Wettbewerb um alterntige Ware kommt, denn Saudi Arabien und die nordafrikanischen Länder werden weiterhin Qualitätsweizen ordern.

Futtergetreide gefragt

Auch im Intra-Handel mit Futtergetreide fließt stetig Ware ab. Über weite Strecken ging sowohl von den nordwestdeutschen Veredelungsregionen wie von den niederländischen Mischfutterherstellern ein regelrechter Nachfragsog aus, der die Preisausschläge nach unten begrenzte. In einigen Fällen wurden an der Rheinschiene für den Futterweizen sogar Offerten von bis zu 175 EUR/t abgegeben. Selbst Brotweizen fließt zuweilen ohne nennenswerte Preisabschläge in die Futtermittelherstellung.

In Hessen erzielt der Futterweizen im Mittel aktuell einen Erzeugerpreis, der mit 147 EUR/t (franko) nur noch 2 EUR/t unter dem Brotweizen notiert (149 EUR/t). Die Futtergerste liegt zum jetzigen Zeitpunkt mit 130 EUR/t immerhin noch 10% über dem korrespondierenden Wert des Vorjahres (118 EUR/t). In Anbetracht der knappen Versorgung ist zu erwarten, dass bis zur neuen Ernte 2017 noch gewisse Preisbewegungen nach oben hin möglich sind. Zumindest dürfte sich in den nächsten Wochen aus jetziger Perspektive eine eher stabile Preisentwicklung abzeichnen. Sog. „Abwehrpreise“ müssen Sie als Landwirt im Moment nicht akzeptieren, denn die Stimmung am Markt ist schlechter als die Lage.

Der Markt braucht eine neue Story

Grafik zur Preisentwicklung Getreidepreise Hessen
Grafik zur Preisentwicklung Getreidepreise Hessen

Allerdings sollten Sie mit Ihren Erwartungen realistisch bleiben, denn der Weltmarkt ist nach wie vor von einer Überversorgung geprägt. Angesichts der fundamentalen Eckdaten ist zunächst nicht davon auszugehen, dass die Preise in den Himmel wachsen. Dafür ist die Versorgungssituation am Weltmarkt zu komfortabel. Bedingt durch Erfolge bei der Sortenzüchtung und neuer Managementtechniken in der Bewässerung konnte die Ertragsstabilität beim Weizen in den letzten Jahren deutlich gesteigert werden. Infolgedessen waren die Produktionszuwächse häufig höher als die Verbrauchszuwächse, was zu einem signifikanten Aufbau der Lagerbestände geführt hat. So geht aus der April-Projektion des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) hervor, dass weltweit bereits gigantische 628,4 Mio. t Getreide in den Silos lagern.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, von welcher Menge hier die Rede ist: Selbst wenn die Getreideproduktion vollkommen zum erliegen käme, könnte der Weltjahresverbrauch – rein theoretisch – immer noch zu 25% aus den Vorräten gedeckt werden. Freilich sagt der aggregierte Lagerbestand aber noch nichts darüber aus, wie sich diese Vorräte im Raum verteilen. So lagern schätzungsweise 43% der Weizenvorräte bzw. 111 Mio. t alleine in den Getreidesilos der VR China und sind somit nicht unmittelbar marktrelevant. Ähnlich verhält es sich mit dem Körnermais (ca. 46%). Trotz dieser Einschränkung gilt der Weltmarkt aktuell immer noch als gut versorgt, wenn nicht gar überversorgt. Entsprechendes fließt natürlich in die Preisbildung am europäischen Warenterminmarkt mit ein.

Große Ernten drücken Preise. In den Köpfen der Anleger sind die weltweiten Lagerbestände und schwachen Exporte das dominierende Thema, obwohl man die Fundamentaldaten auch anders lesen könnte. Folglich müssen neue Impulse für den Markt aus dem pflanzenbaulichen Bereich kommen. Der Markt braucht eine neue Story.

Die neue Ernte im Blick

Verstärkt rückt die neue Ernte in den Fokus der Betrachtungen, jedoch kommen Vorkontrakte bislang selten zum Abschluss. Trotz regionaler Unterschiede scheint das Getreide wohl in der EU ohne große Frostschäden durch den Winter gekommen zu sein. Nach einer schwachen Ernte im Vorjahr rechnen die Brüsseler Beamten in diesem Jahr folglich mit besseren Erträgen. Natürlich ist dies zum jetzigen Zeitpunkt noch reine Spekulation, denn Wetterkapriolen wie in Frankreich sind auch in diesem Jahr nicht völlig ausgeschlossen. Unter „normalen“ Bedingungen, also im Baseline-Szenario, dürfte die neue Ernte allerdings deutlich größer ausfallen als im Vorjahr.

In der Summe geht die Kommission für 2017 von 312 Mio. t aus, was einem Plus von 6% gegenüber der letzten Kampagne entspricht. Sollten die Ernteprognosen tatsächlich zutreffen, ist für den Körnermais in 2017 ein Produktionszuwachs von +10%, für den Weichweizen von +6% zu erwarten. Die Gerstenproduktion dürfte immerhin um +4% zulegen, die Roggenerzeugung sogar kräftig um +13%. Für Deutschland geht der Raiffeisenverband von 25,3 Mio. t Weizen aus, also einem Plus von 2,7% gegenüber 2016. Diese Vorausschätzungen sprechen zunächst einmal nicht für ein Mengendefizit in der EU. Doch momentan machen Meldungen von Wassermangel in weiten Teilen Deutschlands, Frankreichs und Spaniens die Runde.

Gegenüber dem mehrjährigen Mittel fehlen Westeuropa aktuell ca. 30% des gewöhnlichen Niederschlags. Die Messe ist also noch nicht gelesen. In seiner ersten Projektion geht der Internationale Getreiderat (IGC) für das kommende Wirtschaftsjahr 2017/18 mit 2,054 Mrd. t von einer um 57 Mio. t reduzierten Welt-Getreideproduktion aus. Nach den Rekordernten in Russland, den USA und Australien sollen die Hektarerträge wieder auf ein normales Niveau sinken.

In den USA wurde die Aussaat von Winterweizen zugunsten von Soja um 1,9 Mio. ha auf die zweitkleinste Fläche seit den Aufzeichnungen reduziert. Hinzu kommen Bedenken, dass Schneestürme im US-Weizengürtel der Plains Schäden an der Vegetation hinterlassen haben könnten. Führende Analystenhäuser in den USA rechnen daher mit ca. 10 Mio. t weniger Weizen in 2017. Auch Russland wird die Rekorderträge aus dem Vorjahr vermutlich nicht mehr erreichen, wenngleich aus der Schwarzmeerregion überwiegend positive Meldungen eingehen. Nach 72,5 Mio. t im Vorjahr dürfte Russland nach der Vorausschätzung des IGC nur noch 67 Mio. t Weizen ernten. Der Mengendruck lässt also etwas nach.

Schlussfolgerungen für die Vermarktung

Fassen wir zusammen: Global ist der Markt momentan überversorgt, regional durchaus knapp. Dieses Verhältnis könnte sich in 2017/18 umkehren, wenn die Welt-Produktion – wie vom IGC prognostiziert – tatsächlich auf 2,054 Mrd. t sinkt, während der Weltgetreideverbrauch auf 2,079 Mrd. t steigt. Bei der Vermarktung von Restpartien aus 2016 können Sie kurzfristige Preisausschläge nach oben nutzen oder auf Knappheit bis zur neuen Ernte spekulieren. Futtergetreide bleibt weiterhin gefragt. Dies setzt allerdings voraus, dass Sie das Marktgeschehen stets im Blick behalten. Nutzen Sie dazu z.B. die Marktinformationen  des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) unter Marktinformation.

Aber Vorsicht: Selbst Optimisten gehen vorerst nicht davon aus, dass die Preise zeitnah deutlich anziehen. Dafür fehlen momentan angebotsseitige Impulse. Saisontypisch wurden die Preise in den Monaten Februar/März noch von Unsicherheiten über mögliche Auswinterungsschäden getrieben. Diese Risikoprämien sind im April jedoch gewichen, da die Bestände einigermaßen gut durch den Winter gekommen sind. Unterstützung könnten die Preise allenfalls noch aus der Trockenheit ziehen, die zu Vegetationsbeginn in Teilen Westeuropas zu beobachten ist. Es empfiehlt sich daher, mit Vorverkäufen der neuen Ernte 2017 zunächst abzuwarten, denn ein Wettermarkt ist derzeit nicht ausgeschlossen.

Allerdings gilt: Wer keine Vorkontrakte abschließt, setzt alles auf eine Karte und geht dabei ein hohes Risiko ein. Idealerweise sollten 20 – 30% der voraussichtlichen Erntemenge 2017 über Vorverkäufe abgesichert werden, um das Vermarktungsrisiko zu splitten. In der jetzigen Marktsituation bietet es sich ggf. an, Prämienkontrakte abzuschließen, da die Preise am Kassamarkt gegenüber den Kursen am Terminmarkt vergleichsweise stabil sind. Dementsprechend ist die Prämie (Differenz) auf Matif gestiegen.

Gelingt es, vorteilhafte Prämien in den Verträgen zu fixieren, lassen sich zu einem späteren Zeitpunkt höhere Verkaufspreise erzielen. Der Nachteil eines solchen Arrangements ist allerdings, dass es i.d.R. keine Absicherung vor fallenden Preisen bietet. Mit sog. Mindestpreismodellen stellt der Landhandel aber auch hier adäquate Problemlösungen bereit.

Wenngleich jede Saison ihre Besonderheiten aufweist und daher pauschale Aussagen zur optimalen Vermarktungsstrategie kaum möglich sind, lassen sich doch bestimmte wiederkehrende Muster identifizieren. So entwickeln z.B. die Exporte aus der EU am Jahresende typischerweise eine gewisse Dynamik, wenn der Angebotsdruck aus der Schwarzmeerregion witterungsbedingt nachlässt. Infolgedessen besteht von Seiten der aufnehmenden Hand während dieser Zeit erhöhter Anschlussbedarf. Daraus resultiert nach den Marktgesetzen wiederum ein höherer Gleichgewichtspreis, der die relative Knappheit wiederspiegelt.

Sollte die Welt-Produktion in 2017/18 tatsächlich um 57 Mio. t sinken, ist eine Verstärkung dieses Effekts zu erwarten. Aufgrund der wiederkehrenden Saisonalität besteht eine bewährte Strategie darin, bis zu einem Drittel der Erntemenge erst am Jahresende zu vermarkten, wenn das mittlere Preisniveau höher ist. Auch lässt sich diese günstige Marktkonstellation häufig nutzen, um Vorkontrakte mit besseren Konditionen abzuschließen.


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