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MERCOSUR: Mehr Risiken als Chancen für EU-Landwirte

Der große Wurf für den Welthandel? Eine Studie der London School of Economics zeigt: im Agrarsektor profitieren v.a. die südamerikanischen Soja-, Zucker- und Rinderbarone.

Jean-Claude Juncker sprach von einem „historischen Augenblick“, Ex-Handelskommissarin Malmström von einem Markt mit 780 Mio. Menschen, der den Unternehmen und Arbeitnehmern in der EU enorme Möglichkeiten biete. Nach fast 20-jähriger Verhandlungsdauer haben sich die EU und der südamerikanische Staatenbund MERCOSUR am 28.06.2019 auf ein umfassendes Handelsabkommen geeinigt. Doch welche Chancen und Risiken birgt dieses Abkommen für die europäischen Landwirte? Antworten auf diese Frage gibt eine Studie der renommierten London School of Economics (LSE). Wir haben diese Studie etwas genauer unter die Lupe genommen und fassen die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

Simulation der Auswirkungen

Mit einem sog. CGE-basierten Simulationsmodell (CGE = Computable general equilibrium) untersuchten die Ökonomen mögliche Effekte des MERCOSUR-Abkommens auf Mensch, Umwelt und Wirtschaft. Die Handelseffekte wurden jeweils für ein konservatives und ein ambitioniertes Szenario mit den Methoden der komparativen Statik berechnet.

Mehr Rindfleisch in der EU

Nach Einschätzung von Michael Stübken, dem Parlamentarischen Staatssekretär des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ist unter Abwägung des Gesamtpakets „nicht damit zu rechnen, dass von MERCOSUR Marktstörungen für den EU-Rindfleischmarkt ausgehen.“ Zum einen wird dies damit begründet, dass für das zusätzliche Importkontingent von 99.000 t eine Übergangsfrist von fünf Jahren vorgesehen ist. Zum anderen enthalte das Papier eine bilaterale Schutzklausel, die im Falle einer Marktstörung greife. Etwa 80% bzw. 270.000 t aller EU-Rindfleischimporte entfallen mengenmäßig auf die MERCOSUR-Länder. In Abhängigkeit von der Spezifikation (frisch, gefroren, verarbeitet) werden dabei Zölle von 20-45% fällig. Zukünftig könnten ca. 380.000 t mit einem reduzierten Zollsatz eingeführt werden. Dies entspräche zwar lediglich einem Anteil von 4,75% an der gesamten EU-Bruttoproduktion von 8 Mio. t. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die reduzierten Zollsätze zu einer weiteren Handelsdynamik führen können. Im konservativen Szenario unterstellen die Wissenschaftler lediglich eine Zollsenkung um 15%. Damit stiegen die Rindfleisch-Exporte aus MERCOSUR in die EU immerhin bereits um 30%. Durch die Reallokation von Produktionsmitteln wäre daher mit einem Rückgang der EU-Rindfleischproduktion um -0,7% zu rechnen. Bei 8 Mio. t macht das ein Minus von ungefähr 56.000 t für die EU-Rinderhalter. Im ambitionierten Szenario würden die Importe aus MERCOSUR bei einer Zollsenkung um 30% sogar um 64% steigen. Gemäß dem Modell würden die europäischen Rinderhalter in diesem Fall 1,2% bzw. 96.000 t weniger Rindfleisch erzeugen. Überdies könnten sich im Warenstrom die Anteile von gefrorener Ware erhöhen.

Chancen im Milchsektor bescheiden

Während das BMEL die Risiken für den Rindfleischmarkt als gering einstuft, sieht es für den Milchmarkt sogar neue Exportchancen. Zwar haben die MERCOSUR-Länder aufgrund der räumlichen Struktur eine durchaus wettbewerbsfähige Milchwirtschaft. Das Produktionspotenzial darf jedoch nicht überschätzt werden. Brasilien produziert gerade einmal 34 Mio. t Milch, was annähernd dem Milchaufkommen Deutschlands entspricht. Zweitgrößter Produzent ist Argentinien mit 11 Mio. t. Die Mengen aus Uruguay und Paraguay sind am Weltmarkt vernachlässigbar. Große Exportüberschüsse werden nicht erwirtschaftet. Der Handel beschränkt sich überwiegend auf Intra-MERCOSUR-Geschäfte. Vor diesem Hintergrund und angesichts eines steigenden pro-Kopf-Verbrauchs an Käse ist eher nicht davon auszugehen, dass MERCOSUR die EU mit Milchprodukten überschwemmen wird. Doch könnten die Milchviehhalter in der EU von dem MERCOSUR-Deal am Ende sogar profitieren? Bislang beträgt der Exportanteil bei den Milchprodukten nach MERCOSUR gerade einmal 0,27%. Von den 24 Mio. Euro, die 2016 in den „Markt des Südens“ geliefert wurden, entfielen 70% auf Käse und 15% auf Molke. Würden die Zölle wiederum um 15% gesenkt (= konservatives Szenario), zeigt das CGE-Modell tatsächlich einen Anstieg der EU-Exporte um 91%. Unter der Annahme einer vollständigen Liberalisierung d.h. Abschaffung der Zölle (= ambitioniertes Szenario) könnten die EU-Exporte sogar um 101% steigen. Die Wissenschaftler der LSE weisen jedoch darauf hin, dass die Mengen dabei immer noch vernachlässigbar sind. Zwar würde sich der Exportwert nach MERCOSUR in diesem Fall verdoppeln. Das Exportvolumen würde dennoch gerade einmal 50 Mio. € bzw. 0,6% der gesamten Exporte (= ca. 9 Mrd. €) ausmachen. Im Ergebnis würde die Milchproduktion in der EU infolge eine Verschiebung der Handelsströme sogar nicht einmal steigen. Große Chancen für die Milchbauern in der EU sehen anders aus.

Soja- und Rinderbarone profitieren

Die hier betrachtete Studie gilt als die aktuellste und – mit ihren 250 Seiten – umfassendste Untersuchung auf diesem Gebiet. Natürlich erlauben die verwendeten Methoden bestenfalls eine Annäherung an die Realität. Den Ergebnissen ist zu entnehmen, dass im Agrarsektor v.a. die südamerikanischen Soja- und Rinderbarone profitieren. Zu den Verlierern zählen nicht nur die europäischen Rinderhalter, sondern auch der Regenwald und die indigenen Völker. Eine Expansion der Rindfleischerzeugung könnte weitere Landflächen beanspruchen und damit die Regenwaldrodung beschleunigen. Ein hoher Preis, wenn man bedenkt, dass das BIP in der EU durch MERCOSUR nur um 0,1% steigt.

Tabelle 1: Simulationsergebnisse für den Rindfleischmarkt (Veränderung in %)

Conservative Scenario Ambitious Scenario
EU Imports Output EU Imports Output
Quelle: LSE 2019
Argentina 30,9 1,3 66,3 2,5
Brazil 37 1,2 78,0 2,0
Paraguay 28,7 0,2 63,7 0,6
Uruguay 25,6 2,1 54,1 4,0
EU28 30,0 -0,7 64,0 -1,2

 

Tabelle 2: Simulationsergebnisse für den Milchmarkt (Veränderung in %)

Conservative Scenario Ambitious Scenario
EU Imp EU Exp Output EU Imp EU Exp Output
Quelle: LSE 2019
Argentina 8,5 74,2 0,4 22,7 97,3 0,6
Brazil 22,0 93,1 -0,2 104,7 123,9 -0,2
Paraguay 3,1 76,3 -0,1 4,4 101,0 -0,05
Uruguay 28,7 105,7 -1,5 363,8 144,1 -2,4
EU28 91,0 -0,09 106,0 -0,10

Studie im Original abrufbar unter: http://www.eumercosursia.com/


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