Getreide: Vermarktungsstrategie im schwankenden Markt
Die Preisfindung während der laufenden Ernte ist aktuell von Unsicherheiten und einer großen Schwankungsbreite der Preise geprägt. Während aus Frankreich und Skandinavien ordentliche Ernten gemeldet werden, bleiben die Zahlen aus Russland und der Ukraine bis jetzt deutlich hinter den Erwartungen zurück. Steigende Exportpreise in Russland könnten ein erster Knappheitsindikator für die angespannte Versorgungssituation in der Schwarzmeerregion sein. In Deutschland werden die Erntearbeiten unterdessen immer wieder von Niederschlägen unterbrochen. Damit steigt das Risiko von Problemen mit den Fallzahlen, Hektolitergewichten und Proteinwerten.
Vermarkten oder einlagern?
Es wird wohl am Ende mehr Futtergetreide von den Feldern geholt und der Preisabstand zum Backweizen größer werden. In Erwartung dessen zieht sich die Futtermittelindustrie momentan vom Markt zurück und spekuliert auf weiter fallende Preise in diesem Segment. Wobei hier zu erwähnen ist, dass Futtergerste in Hessen ex Ernte und frei Erfasser gerade einmal Preise zwischen 140 und 150 EUR/t erzielt. Bei Futterweizen liegen die Gebote bei 150 bis 160 EUR/t. Sowohl Käufer wie auch Verkäufer verhalten sich in diesem Umfeld zurückhaltend. Lediglich überschaubare Mengen werden gehandelt. Betriebsleiter müssen nun eine schwierige Entscheidung treffen: Verkaufen oder einlagern?
Getreide- und Rapspreise, Hessen, in EUR/t
| Frei Landlager | Ab Hof | |||||
| Min. | Max. | Ø | Min. | Max. | Ø | |
| Qualitätsweizen | 180 | 195 | 185 | 190 | 200 | 195 |
| Brotweizen | 163 | 175 | 167 | 170 | 180 | 175 |
| Qualitätshafer | 178 | 178 | 178 | – | – | – |
| Futterweizen | 150 | 160 | 155 | 160 | 170 | 165 |
| Futtergerste | 140 | 150 | 146 | 155 | 160 | 157 |
| Raps | 440 | 450 | 445 | 450 | 460 | 454 |
Die historischen Daten sprechen für das Einlagern
Jede Vermarktungssaison hat ihre Besonderheiten, die es zu berücksichtigen gilt. Es ist jedoch eine langjährige Erfahrung, dass der Angebotsdruck auf der Nordhalbkugel während der Ernte zu fallenden oder stagnierenden Preisen führt. In den darauffolgenden Monaten findet bis zum Jahresende dann häufig wieder eine Aufwärtsbewegung statt, wenn sich Russland und die Ukraine vom Markt zurückziehen. Denn ab diesem Zeitpunkt lässt auch der Exportdruck am Weltmarkt nach. Bei Betrachtung der durchschnittlichen Weizenpreise im Zeitraum 2007 bis 2021 (siehe Abb. 1) ist dies deutlich zu erkennen. In der Statistik gilt der Mittelwert als Erwartungswert mit der höchsten Eintrittswahrscheinlichkeit. Gleichwohl gibt es hierfür keine Garantie wie das WJ 2022/23 zeigt. Wer in diesem Jahr bis zum Oktober verkaufte, konnte immerhin noch Lagerrenditen erzielen, danach fielen die Preise regelrecht ins Bodenlose. Auch im WJ 2017/18 wurde das Einlagern am Ende zum Verlustgeschäft, da das Getreideangebot am Weltmarkt größer ausfiel als die Prognosen es vorhersagten. Betrachtet man jedoch die historischen Daten über einen längeren Zeitraum hinweg, hat sich das Einlagern in den meisten Fällen am Ende doch gelohnt.

Denn Betriebe bleiben so flexibler in der Vermarktung und können das Potenzial für höhere Preise zu einem späteren Zeitpunkt noch ausnutzen. Diesen Vorteilen stehen aber auch nennenswerte Nachteile gegenüber. Zum einem werden Erträge erst zu einem späteren Zeitpunkt realisiert. Damit mangelt es häufig an Liquidität auf den Betrieben beim Einkauf von Betriebsmitteln, die für die nächste Aussaat benötigt werden und Kostenfaktoren darstellen.
Mehrerlöse müssen Lagerkosten übersteigen
Zum anderen sind die Lagerkosten zu berücksichtigen, die Monat für Monat anfallen und bei längeren Zeiträumen – je nach Kostenmodell – bis zu 15 bis 20 EUR/t betragen können. Eine notwendige Bedingung für eine profitable Lagerhaltungsstrategie ist es, dass der Mehrerlös die Lagerkosten bei der Vermarktung übersteigt. Dies ist wie gesagt nicht immer garantiert und hängt letztendlich von der konkreten Höhe der Lagerkosten ab. Verfügt der Betrieb über eigene Lagerkapazitäten sind die Investitionskosten, variablen Kosten (Arbeitskosten, Energie, Lagerschwund usw.) und Fixkosten zu berücksichtige. Bei der Fremdlagerung beim Landhandel fallen eine Einlagerungsgebühr (ca. 7 EUR/t), monatlichen Kosten (1,50 bis 2,00 EUR/t) und ggf. Auslagerungsgebühren (bis zu 10 EUR/t) an, wenn nicht an den Landhändler vermarktet wird. Sofern keine Auslagerungsgebühr anfällt, ist die Fremdlagerung bei kurzen Zeiträumen i. d. R. kostengünstiger. Normalerweise werden bei der Fremdlagerung die Gebühren auch nicht sofort ab dem ersten Tag, sondern erst nach einigen Wochen erhoben.
„Drittelstrategie“ liefert gute Ergebnisse
Neben den beiden klassischen Varianten (Verkauf ex Ernte versus Einlagerung) existiert noch ein dritter Weg, der auch als „Drittelstrategie“ bezeichnet wird. Idealerweise wird bis zu einem Drittel der Ernte zu einem günstigen Zeitpunkt vorverkauft (sog. „Vorkontrakt“). Ein weiteres Drittel kann aus der Ernte heraus vermarktet werden, um den Liquiditätsbedarf sicherzustellen. Das letzte Drittel geht ins Lager, um von möglichen Preissteigerungen zu profitieren. In der jetzigen Vermarktungskampagne 2025/26 sind die Aussichten auf deutliche Preisbewegungen mit 806 Mio. t Weizen am Weltmarkt nach oben begrenzt. So zumindest die jetzige Einschätzung des Internationalen Getreiderats (IGC). Das letzte Wort dürfte aber noch nicht gesprochen sein, da die Ernten in Russland und der Ukraine offenbar geringer ausfallen werden als erwartet. Aufgrund der Wetterlage in Deutschland könnten Qualitätseinbußen zudem zu einem Überschuss an Futtergetreide führen. Die Preise in diesem Segment dürften dann nach der Marktlogik weiter nach unten korrigiert werden. In diesem Fall hätten die Preise für Backgetreide mehr Spielraum nach oben.
Schlussfolgerung für die Vermarktung 2025/26
Wer nicht dringend auf Liquidität angewiesen ist, sollte sein Getreide zunächst einlagern und den Angebotsdruck aussitzen. Sie haben dann mehr Zeit, die weiteren Marktentwicklungen zu beobachten und eine passende Strategie zu finden. Zumal die steigenden Exportpreise in Russland und der fallende Euro eine gewisse Preisphantasie wecken. Sofern die Regenperiode länger andauert und Qualitätsprobleme auftreten, empfehlen wir die Vermarktung von Futtergetreide vorzuziehen. Das Backgetreide können Sie erstmal wegpacken und auf steigende Prämien spekulieren. Bis zu einem Drittel der Ernte kann zeitnah vermarktet werden, um den Liquiditätsbedarf zu decken. Jeder Betriebsleiter sollte seine individuelle Gewinnschwelle aus den erwarteten Produktions- und Lagerkosten sowie den Erlösen kennen und daran seine Vermarktungsentscheidung ausrichten.

