Stressarmer Umgang mit Mutterkühen

Bilck auf eine Galloway-Herde
Die Teilnehmenden blicken auf die Galloway-Herde während Referent Philipp Wenz mit den Tieren arbeitet.

„Das blöde Vieh!“ – Dieser Ausruf wird vermutlich öfter in Betrieben mit Tierhaltung zu hören sein. Wenn die Milchkuh mal wieder nicht in den Melkstall geht oder die Mutterkuhherde sich nicht in eine gewünschte Ecke treiben lässt, kann die Geduld von Tierhalterinnen und Tierhaltern auf die Probe gestellt werden. Um Frustration zu vermeiden, hat der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) eine Veranstaltung organisiert: Im Rahmen des Projekts „Netzwerk Fokus Tierwohl“ fand kürzlich in Ottrau‑Schorbach ein Seminar zum stressarmen Umgang mit Mutterkühen statt. Die circa 25 Teilnehmenden kamen aus unterschiedlichsten Regionen: Sogar Tierhaltende aus Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt reisten in den Schwalm-Eder-Kreis. Der Theorieteil fand in der „Steinmühle“ statt, während sich eine Galloway-Herde für die praktische Übung in fußläufiger Nähe befand.

Blick in einen Veranstaltungsraum in einem großen Fachwerkhaus: die Teilnehmer sitzen an zwei Tischreihen; im Hintergrund sieht man den Referent sowiePräsentationstafel, Flip-Chart und Poster
Die Teilnehmenden verfolgen aufmerksam den Theorieteil und stellen viele Fragen.

Die Gruppe erarbeitete gemeinsam mit Referent Philipp Wenz die Theorie der Methode „Low-Stress-Stockmanship“ (LSS) und setzte sie anschließend praktisch um. Die Methode, entwickelt von Bud Williams (USA), basiert darauf, den Zusammenhang zwischen menschlichem Handeln und tierischer Reaktion zu erkennen. Im Folgenden eine kurze, zentrale Darstellung der Methode.

Eine Vertrauensbasis zwischen Mensch und Tier ist das A und O

LSS nutzt das natürliche Verhalten der Tiere und ihr starkes Lernvermögen. Dadurch ist eine Zusammenarbeit möglich, die über das übliche Maß in der Landwirtschaft hinausgeht. „Gutes Arbeiten basiert auf Respekt und Vertrauen zwischen Mensch und Tier“, so der Referent. Dieses respektvolle, fundierte Vertrauen hilft besonders bei alltäglichen Aufgaben wie Sortieren, Separieren, Klauenpflege und Verladen. Daraus ergibt sich eine sichere, planbare und effiziente Arbeit mit den Tieren.

Sinneswahrnehmung von Rindern verstehen

Stressreduzierung und ruhige Behandlung stehen im Mittelpunkt der Arbeit mit Rindern. Rinder sind Fluchttiere, die Respekt, eine passende Distanz und eine klare, ruhige Kommunikation benötigen. Ihnen gegenüber sollten Ängste oder Ungeduld vermieden werden, da Absonderung Stress erzeugt und ruhige, sensible Ansprache hilft, den Austausch zu ermöglichen. Rinder sehen, hören und riechen die Welt anders als Menschen: Das Gehör ist hochsensibel, insbesondere im Infra- und Ultraschallbereich. Hohe Töne, die Menschen oft nicht mehr wahrnehmen, können für Rinder unangenehm oder schmerzhaft sein. Dazu zählen auch Geräusche von Fressgittern, Scharnieren, Pumpen, Leitungen, Transformatoren, Melksystemen und Klauenständen. Das Sehen ist fast rundum möglich (etwa 330 Grad), doch die Augen haben nur rund 30% der menschlichen Sehschärfe. Sie besitzen frontale Tiefenwahrnehmung, seitlich fehlt sie, weshalb Größen- und Geschwindigkeitsabschätzungen schwerfallen. Die Einzelbildwahrnehmung ist hoch, flackerndes Licht wirkt irritierend und die Anpassung an veränderte Lichtverhältnisse dauert deutlich länger als beim Menschen (5- bis 6-mal langsamer). Rot ist für Rinder nicht sichtbar, während Gelb/Grün, Blau-Violett und Graustufen besser wahrgenommen werden. Gelb hat zudem eine besondere Signalfunktion. Räumlich nutzen Rinder Gerüche, um Informationen zu sammeln und erkennen dabei Stress oder Nervosität sowohl bei Artgenossen als auch bei Menschen.

Die drei Zonen des Rindes für das erfolgreiche Treiben

Personengruppe steht am Rand einer Weide mit Galloway-Rindern
Die Teilnehmenden schauen dem Referenten bei der praktischen Demonstration zu.

Bevor der Referent anhand einer Galloway-Herde das theoretische Wissen praktisch demonstrierte, erklärte er die drei Zonen, in denen eine treibende Person verschiedene Reaktionen des Rindes auslösen kann: Sobald das Tier eine Person wahrnimmt, verändert sich der Abstand von neutraler Zone zu Beobachtungszone. Tritt die treibende Person näher heran, gelangt sie in die Bewegungszone – einen Bereich, in dem das Rind auf Veränderungen in Position, Winkel oder Gehgeschwindigkeit reagiert. Dieses Prinzip wird genutzt: Die Abstände bleiben individuell, doch der Grundsatz bleibt gleich – der Low-Stress-Treibende weicht jedes Mal zurück, sobald die Kuh ein paar Schritte nach vorne geht. Das Verringern des Drucks wirkt als Belohnung, denn die Kuh merkt, dass es sich lohnt, weiterzugehen. Es handelt sich um ein Spiel von Druck ausüben (näherkommen) und Druck nehmen (zurückweichen).

Das Belohnungsprinzip (Druck ausüben und nehmen) lässt sich genauso auf andere Arbeitsschritte in der Zusammenarbeit mit Rindern übertragen. Als Beispiel ist das Reintreiben in den Klauenpflegestand zu nennen: Nicht der Schmerz der Behandlung, sondern die Angst vor dem Unbekannten und dem Zwang, hineingehen zu müssen, verursachen Stress. Daher sollten Färsen ein paar Minuten Zeit bekommen, den Stand kennenzulernen und mehrmals hindurchgeführt werden – auch wenn das zunächst nach zusätzlichem Aufwand klingt.

Fazit: Distanz und Geduld fördern Kooperation

Die LSS-Methode ermöglicht stressarmes Arbeiten mit Rindern, indem Vertrauen, ruhige Kommunikation und das Verständnis der tierischen Sinneswahrnehmung im Mittelpunkt stehen. Durch das Prinzip „Druck ausüben und Druck nehmen“, also Belohnung durch Rückzug, lässt sich das Verhalten der Tiere besser steuern. So lassen sich alltägliche Aufgaben wie Sortieren, Klauenpflege oder Verladungen sicherer und effizienter durchführen. Eine klare Distanz, Geduld und Zeit für das Tier fördern Kooperation statt Zwang.

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