„Hofnachfolge ist bunter geworden“

Martin Mees, Fachgebietsleiter Beratungsteam „Ökonomie und Verfahrenstechnik“ beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen im Interview mit Anna Ntemiris.

Wer ist ein typischer Hofnachfolger in Hessen? Ist das in der Regel der Sohn oder Enkelsohn eines Bauern?

Die Situation verändert sich seit einigen Jahren kontinuierlich. Wir erleben häufiger junge Frauen, die in der Landwirtschaft arbeiten wollen. Sie gründen zum Beispiel mit ihrem Vater eine GbR, beziehen Junglandwirteförderung und wollen langfristig einen Hof übernehmen. Der Partner geht einem anderen Beruf nach. Hofnachfolge ist bunter geworden. So gibt es immer mehr Fälle, in denen der Cousin, der Neffe oder die Nichte – also Menschen aus dem erweiterten Familienkreis – die Hofnachfolge antreten wollen.

Welche Eigenschaften sollten Hofnachfolger mitbringen?

Da gibt es keine pauschale Antwort. Jeder Fall ist einzigartig. Aber meines Erachtens ist es wichtig, Lust auf Landwirtschaft zu haben, fachlich qualifiziert, kreativ und neugierig zu sein. Eine vorgefertigte Meinung zur landwirtschaftlichen Arbeit ist nicht förderlich. Ein breites Grundlagenwissen lässt sich in einer landwirtschaftlichen Ausbildung oder durch Berufspraxis und einen Lehrgang für Nebenerwerbslandwirtschaft an den vier Fachschulen des LLH erwerben. Anschließend kann eine Weiterqualifizierung zum Staatlichen geprüften Betriebswirt bzw. Wirtschafter oder zum Meister detailliertes Fachwissen liefern.

Junge Leute, die ihre Ausbildung oder ihr Studium abgeschlossen haben und eine Familie gründen, sollten sich bewusst machen, dass die Anfangsjahre in einem landwirtschaftlichen Betrieb eine sehr intensive Zeit sind. Es gibt viele Einschränkungen und große Herausforderungen. In den ersten Jahren kann man keinen Bilderbuchbetrieb haben. Auch wenn beim Nachbarn alles glatt laufen mag, darf man sich nicht verunsichern lassen. Mit Perfektionismus wird es schwierig. Und Landwirtschaft ist ein kapitalintensives Geschäft, da darf sich keiner etwas vormachen.

Was bedeutet dies konkret für den Nachfolger?

Potenzielle Hofnachfolger benötigen eine Grundausstattung an Kapital oder eine Bank, die ihr Vorhaben finanziert. Gleichzeitig sind Vorkenntnisse der Arbeit wichtig. Man kann auch jederzeit als Quereinsteiger in der Landwirtschaft tätig werden, sollte aber Erfahrungen gesammelt haben –  zum Beispiel ein Jahr lang in einem Hühnerbetrieb gearbeitet haben. Wer ein ganzes Jahr Kühe melkt oder in der Schweinezucht mitarbeitet, lernt sehr viel an praktischer Arbeit, und er baut Netzwerke auf. Wo muss ich beim Veterinäramt anrufen? Welcher Tierarzt hilft mir weiter? Und gut wäre es, einen Mentor zu haben. Das kann zum Beispiel der frühere Chef sein, bei dem man mal ein Jahr lang ausgeholfen hat.

Derzeit bauen viele Existenzgründer Hühnermobile auf, das kann ein sinnvoller Anfang sein. Wer etwas von Marketing versteht, kann Kontakte zu Händlern aufbauen und schnelle Erfolge erzielen. Dennoch müssen auch die Hühnerhaltung und die Produktionstechnik gut laufen, auch in diesen Fällen sind also praktische Vorkenntnisse ratsam.

Was sollte ein Nachfolger vor einer Hofübergabe klären?

Er sollte wissen, was sein Antrieb ist. Warum mache ich das? Manche Tierhalter sagen zum Beispiel, dass sie sich jedes Jahr aufs Neue freuen, ab dem Frühjahr mit den Tieren draußen zu sein. Ein Hofübernehmer sollte zudem realistisch einschätzen, welchen Arbeitseinsatz er leisten kann und wieviel Kapital er mitbringt. Wichtige Fragen vorab sind auch: Welche Produktionsrichtung liegt mir, und mit welcher Produktionsrichtung verdiene ich Geld?

Der Hofnachfolger sollte klären, ob die Menschen in seinem Lebensumfeld – sein Lebenspartner, seine Kinder – sein Vorhaben mittragen, allein wird es schwer. Und er sollte vorab Grenzen festlegen. An welcher Stelle ziehe ich einen Schlussstrich, wenn die Hofnachfolge nicht so funktioniert, wie ich geplant habe.

Was sollte ein Eigentümer vor einer Hofübergabe klären?

Was habe ich und was kann ich übergeben? Was macht meinen Betrieb aus? Vielleicht ist das Gebäude vom Uropa wundervoll, aber es hat keinen materiellen Wert mehr. Die Erwartungen an das Altenteil sind rechtzeitig zu formulieren. Auch sollte man sich darauf einstellen, dass Nachfolger andere Pläne und Ideen mitbringen. Die Familie, die Erben, sind rechtzeitig einzubeziehen.

In welchen Situationen denken Landwirte an außerfamiliäre Hofnachfolger?  

Wenn ein Landwirt keinen Nachfolger in der Familie hat, kann er jederzeit einen Pächter finden. Aber es gibt viele Gründe, um nicht zu verpachten. Wenn ein Besitzer zum Beispiel einen einzigartigen Betrieb führt – das kann die Zucht von Mutterkühen oder eine große Direktvermarktung sein – dann will er, dass das Besondere erhalten bleibt.

Wie findet man außerfamiliäre Hofnachfolger?

Manchmal sind die tatsächlich vor Ort: Der Junge von nebenan, der beim Heu machen half, interessiert sich Jahre später für den Betrieb. Die klassische Suche findet in der Fachpresse statt. In Hessen haben wir eine kostenfreie Hofbörse, die der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen gemeinsam mit der hessischen Landgesellschaft betreibt. Darüber hinaus berät der LLH potenzielle Hofübernehmer unter anderem mit einem Leitfaden zur Betriebsgründung und begleitet diese bei der Hofübergabe. Unsere Beratungskräfte analysieren den Betrieb und helfen, Klarheit über die Vermögenswerte zu bekommen und stellen individuelle Fahrpläne für die Hofübergabe auf.

Erste Frageliste für Hofnachfolger:

  • Warum will ich Landwirt werden?
  • Wieviel Erfahrung habe ich?
  • Macht meine Familie mit?
  • Wieviel Kapital bringe ich mit?
  • Wieviel Arbeit kann ich reinstecken?
  • Meine Familie und ich müssen mit der Perspektive leben, dass die Anfangsjahre hart werden.
  • Welche Produktionsrichtung liegt mir?
  • Womit verdiene ich das Geld?
  • Grenzen ziehen: An welcher Stelle breche ich das Vorhaben Hofübernahme ab?

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