Die richtige Sorte für Grünland und Futterbau: Von der Prüfung zur Empfehlung

Im Ackerbau werden die Ergebnisse der Landessortenversuche jedes Jahr mit Spannung erwartet, um sich darüber zu informieren, welche der neu zugelassenen Sorten besonders interessant sind. Im Grünland und Feldfutterbau ist das Sortenbewusstsein hingegen geringer ausgeprägt, unter anderem weil Futtergräser und -leguminosen überwiegend in Mischungen angebaut werden. Daher wird meist nur über Mischungen diskutiert und die Sortenfrage steht im Hintergrund. Die Leistungsfähigkeit einer Mischung hängt jedoch maßgeblich von den enthaltenen Sorten ab.

Neben der Wahl der richtigen Mischung steckt also ein großes Potenzial im Hinblick auf Ausdauer, Ertrag und Ertragsstabilität in der Sortenwahl.  Dabei eignet sich nicht jede Sorte gleichermaßen für jeden Standort und jede Nutzungsart (Schnitt oder Beweidung). Zudem kommt es insbesondere in der intensiven Milchviehwirtschaft zu einer Einengung des Artenspektrums, wodurch die Sortenwahl weiter an Bedeutung gewinnt. Unter den Gräsern dominiert hier das Deutsche Weidelgras, das für Nachsaaten empfohlen wird, jedoch empfindlicher auf Frost (Kahl- oder Spätfröste) sowie eine langanhaltende Schneebedeckung reagiert. Es lohnt sich also, auch im Grünland und Feldfutterbau auf empfohlene Sorten zu setzen.

Regionale Sortenempfehlungen helfen dabei, für den jeweiligen Standort die passende Auswahl zu treffen. Empfohlene Sorten sind in der Regel ertragreicher, ausdauernder und widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten, Trockenheit und Nutzungsschwankungen. Dadurch tragen sie zu stabilen Erträgen und einer gleichbleibend hohen Futterqualität bei und sind besser an die heutigen Klima- und Bewirtschaftungsbedingungen angepasst.

Beim Deutschen Weidelgras, dem wichtigsten Futtergras für intensiver genutztes Dauergrünland, sind aktuell beispielsweise 147 Sorten in Deutschland zugelassen, und es kommen jährlich im Durchschnitt acht neue Sorten hinzu. Die übrigen Grasarten, die für bestimmte Standorte und Nutzungsintensitäten besser geeignet sind, werden weniger intensiv züchterisch bearbeitet. Entsprechend ist das Sortenspektrum geringer.

Doch bevor neue Sorten empfohlen werden können, müssen sie verschiedene Prüfungen durchlaufen.

Im Feldfutterbau basieren die Sortenempfehlungen auf sogenannten Landessortenversuchen, während im Dauergrünland sogenannte Ausdauerprüfungen auf Praxisbetrieben angelegt werden. Diese werden durch die beteiligten Bundesländer der Arbeitsgemeinschaft zur Koordinierung von Grünlandversuchen in Mittelgebirgslagen angelegt und ausgewertet.

Länderdienststellen wie der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) mit seinem pflanzenbaulichen Versuchswesen spielen hierbei eine wichtige Rolle.

Für Hessen Futterpflanzenwertprüfungen am Landwirtschaftszentrum Eichhof

Die Wertprüfungen, die vom Bundessortenamt in Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen der Länder durchgeführt werden, bilden das Fundament für die Zulassung neuer Sorten. In diesen Prüfungen wird unter anderem der landeskulturelle Wert von Stämmen ermittelt. Das heißt, dass nur Sorten auf den Markt kommen, die in ihren Anbau- und Verwertungseigenschaften eine eindeutige Verbesserung gegenüber den bereits zugelassenen Sorten erkennen lassen. Dies garantiert eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Futterpflanzenarten und hilft den Betrieben, auf Herausforderungen wie den Klimawandel zu reagieren.

Die Wertprüfungen werden bundesweit als standardisierte Anbauversuche durchgeführt. Die Prüfdauer beträgt zwei bis drei Prüfjahre. Es werden Reinbestände geprüft, und die Bewirtschaftung der Versuche erfolgt einheitlich. Neben der Ertragsleistung stehen Parameter wie Deckungsgrad, Reifestadium, und Toleranz gegen Umweltstress sowie Krankheiten und Schädlinge im Fokus. Eine neue Sorte wird zugelassen, wenn die Prüfung auf den landeskulturellen Wert erfolgreich war und die Sorte unterscheidbar, homogen und beständig ist. Die Ergebnisse der Wertprüfungen werden durch das Bundessortenamt in einer Beschreibenden Sortenliste veröffentlicht, die eine möglichst umfassende und neutrale Information gewährleisten soll.

Neu zugelassene Sorten können in die Landessortenversuche (LSV) aufgenommen werden. In diesen Versuchen wird die regionale Anbaueignung der Sorten ermittelt. In Hessen werden im Rahmen der Wertprüfungen sogenannte LSV-Anhänge mitgeprüft. Die Sortenempfehlungen für den Ackerfutterbau basieren auf den gemeinsam ausgewerteten Landessortenversuchen der Bundesländer Rheinland-Pfalz, Saarland, Hessen, Thüringen, Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Sachsen (AG Mitte-Süd).

Oft kommt es auf den exakten Zeitpunkt an! Gut geschultes Fachpersonal benötigt

Futterpflanzenvollernter auf einer Grünlandfläche
Abb. 1: Ernte einer Wertpüfung mit Futterpflanzenvollernter

Für die Durchführung der Wertprüfungen und Landessortenversuche sind Mitarbeitende mit sehr guten Fachkenntnissen erforderlich, um die damit verbundenen logistischen Herausforderungen meistern zu können. Am Eichhof werden aktuell beispielsweise Wertprüfungen zu elf Futtergräsern und vier Futterleguminosen betreut. Diese weisen alle unterschiedliche Entwicklungsmuster auf und werden unterschiedlich oft im Jahr beerntet (siehe Abbildung 1). Beim Deutschen Weidelgras können in wüchsigen Jahren durchaus fünf bis sechs Schnitte anfallen. Es muss also sichergestellt werden, dass die Bonituren (Ermittlung wichtiger Merkmale) zum richtigen Zeitpunkt erfolgen und die Gräser und Leguminosen stets im richtigen Entwicklungsstadium beerntet werden – auch wenn das Wetter nicht immer mitspielt.

Damit die Prüfbedingungen optimal sind, ist Management erforderlich!

Für den Erfolg der Neuanlage einer Wertprüfung ist die Witterung entscheidend. Um das Auflaufen zu sichern, werden die Flächen am Eichhof bei Trockenheit mit einem Düsenwagen bewässert. Im weiteren Verlauf erfolgt jedoch keine zusätzliche Beregnung, damit die Leistungsfähigkeit der Stämme auch unter Trockenstressbedingungen geprüft werden kann. Eine Ausnahme wird in Jahren mit extremer Trockenheit gemacht, wenn zu befürchten ist, dass die Prüfungen komplett ausfallen.

Außerdem muss sichergestellt werden, dass die einzelnen Stämme im Feldversuch nicht ineinander wachsen. Das heißt, es muss ein schmaler Streifen zwischen den Parzellen bewuchsfrei gehalten werden. Dies ist vor allem bei ausläufertreibenden Arten wie Weißklee nicht immer einfach. Die Mitarbeitenden des Versuchswesens haben hierfür alternative mechanische Verfahren entwickelt, um bei der Freihaltung der Parzellentrennungen auf Glyphosat verzichten zu können. Damit wurden sie bundesweit zu Vorreitern.

Im Dauergrünland kommt es auf die Ausdauer an!

Trecker mit Sämaschine auf einer vorbereiteten Praxisfläche; 2 Personen stehen links daneben
Abb. 2: Anlage einer neuen Ausdauerprüfung auf einer Praxisfläche

Während Futtergräser oder Kleegras auf Ackerflächen maximal fünf Jahre lang angebaut werden, wird Grünland normalerweise über Jahrzehnte genutzt. Hier hat das Merkmal Ausdauer hohe Priorität.

Detailansicht der Technik bei der Aussaat
Abb. 2a: Detailansicht

Eine hohe Ausdauer bedeutet, dass die Bestände über mehrere Jahre hinweg stabile Erträge bilden, auch unter Trockenheit oder Frost. Gräserarten und -sorten reagieren bspw. unterschiedlich auf die tiefen Temperaturen der Wintersaison, da die Kälteverträglichkeit genetisch bedingt ist. Für Praxisbetriebe ist Ausdauer eng mit Wirtschaftlichkeit verbunden. Es werden weniger Neuansaaten oder Nachsaaten benötigt, die Betriebskosten sind geringer und die Arbeitsbelastung ist niedriger, da die Bestände länger erhalten bleiben.

Zur Sortenbeurteilung im Dauergrünland werden sogenannte Ausdauerprüfungen angelegt (Abbildung 2 und 2a). Diese werden durch die beteiligten Bundesländer der Arbeitsgemeinschaft zur Koordinierung von Grünlandversuchen in Mittelgebirgslagen angelegt und ausgewertet. Die Standorte dieser Prüfungen erstrecken sich also über den gesamten Mittelgebirgsraum und umfassen mehrere Bundesländer, dazu gehören Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen und Sachsen sowie der Wallonie (Belgien) und Luxemburg. Die Ergebnisse münden in eine gemeinsame Sortenempfehlung der genannten „Mittelgebirgs-Länder“ und bilden die Grundlage für besonders gekennzeichnete Qualitäts-Standard-Mischungen im Dauergrünland (Abbildung 3).

Deckblatt, Broschüre: Mischungs- und Sortenempfehlungen Grünland und Ackerbau 2024-2025
Abb. 3: Gemeinsame Sortenempfehlungen der AG Mittelgebirge

Für die Praxis mit der Praxis – Hessenweite Ausdauerprüfung neuer Sorten

Die Ausdauerprüfungen werden auf Praxisflächen angelegt, die ohne Einschränkung hinsichtlich der Nutzungsform, Nutzungsintensität oder Düngung bewirtschaftet werden. Das heißt, die Bewirtschafterin oder der Bewirtschafter entscheidet über die Intensität der Düngung, die Nutzungsart (Schnitt oder Weide) sowie die Nutzungshäufigkeit. Die Sorten werden jeweils in Reinsaat sowie in einer definierten Mischung ausgesät. In der Mischung werden die Prüfsorten der einzelnen Arten in den bekannten Standardmischungen ausgesät. Die Laufzeit der Versuche beträgt ca. 10 bis maximal 14 Jahre.

Diese Prüfungen gehen also über die Ausdauereinstufung im Rahmen der Wertprüfungen hinaus. Letztere werden als Reinsaat durchgeführt und sind spätestens nach drei Jahren abgeschlossen. In den Ausdauerprüfungen wird ergänzend neben der standörtlichen Variation verschiedener Anbaugebiete auch der praxisübliche Anbau verschiedener Nutzungsformen (Schnittnutzung, Weide, Mähweide) betrachtet.

Mitarbeitende des Versuchswesens besuchen die Ausdauerprüfungen dreimal jährlich im Prüfzeitraum und bonitieren den Ertragsanteil der Prüfsorte in der Mischung sowie Lücken und Mängel in der Reinsaat. Jedes der beteiligten Länder legt jährlich mindestens eine neue Ausdauerprüfung an für die gemeinsame Erarbeitung von Sortenempfehlungen für die Praxis. Aktuell betreut das pflanzenbauliche Versuchswesen des Eichhofs zwölf Ausdauerprüfungen in Hessen.

Die Sortenwahl als entscheidenden Hebel nutzen

Mit den am Eichhof durchgeführten Wertprüfungen und Landessortenversuchen sowie den landesweiten Ausdauerprüfungen trägt das pflanzenbauliche Versuchswesen des LLH dazu bei, hessische Grünland- und Feldfutterbetriebe bei der Sortenwahl und einer nachhaltigeren Bewirtschaftung zu unterstützen.

Denn nicht nur die Wahl der richtigen Art(en), sondern vor allem die Sortenwahl ist für das Gelingen einer Nachsaat oder Neuansaat von entscheidender Bedeutung. Empfohlene Sorten zeichnen sich bspw. durch eine gute Ausdauer aus, sodass die Narbenzusammensetzung auch langfristig stabil bleibt. Durch die Wahl von nicht empfohlenen Sorten wird hingegen beträchtliches Ertrags- und Qualitätspotential verschenkt.

Saatmischungen mit empfohlenen Sorten sichern dem Praktiker daher hohe Qualität durch regional geprüfte und bewährte Spitzensorten zu.

Kontakte
>> Alle Kontakte anzeigen

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.