Ernährungstrends und Chancen für die Direktvermarktung

Eine Frau steht an einem Gemüsestand auf dem Wochenmarkt und riecht an einem Rettich
Regionale, gesunde und nachhaltig erzeugte Lebensmittel greifen viele der identifizierten Ernährungstrends auf – eine Chance, die Direktvermarkter gezielt im Marketing nutzen können.
© Svenja Münzer, CC BY 4.0 (Bilddatenbank, Hessen Tourismus)

Die Direktvermarktung hofeigener Produkte wie Milch, Fleisch, Eier, Obst oder Gemüse ist für viele landwirtschaftliche Betriebe eine Möglichkeit, die eigene Wertschöpfung zu steigern und neue Einkommensquellen zu erschließen. Doch der Weg dorthin ist ebenso vielseitig wie herausfordernd – von der ersten Idee über die Konzeptentwicklung bis hin zur erfolgreichen Umsetzung braucht es einen klaren Plan und oft auch einen erfahrenen Blick von außen.

Hier setzt das Beratungsteam Erwerbskombinationen des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) an: In einzelbetrieblichen Beratungen rund um das Thema Direktvermarktung begleitet es landwirtschaftliche Betriebe individuell, praxisnah und zielorientiert. Wertvolle Impulse erhalten Betriebsleitungen z. B. bei der Auswahl passender Vermarktungswege, bei der Klärung wirtschaftlicher Fragestellungen oder wenn bestehende Strukturen optimiert werden können. Ziel ist es, Direktvermarktung so zu gestalten, dass sie wirtschaftlich tragfähig ist und zukunftssicher in die betriebliche Struktur eingebettet werden kann. Die Anforderungen an die Direktvermarktung verändern sich dabei stetig – nicht zuletzt durch neue Konsumgewohnheiten und ein wachsendes Bewusstsein für Regionalität, Nachhaltigkeit und transparente Lieferketten. Für Direktvermarktende empfiehlt es sich daher, sich zu informieren, welche Trends das Verbraucherverhalten prägen und wie diese Entwicklungen für die Direktvermarktung genutzt werden können. Orientierung bieten beispielsweise wissenschaftliche Untersuchungen und Trendanalysen wie der Trendreport Ernährung, der von Nutrition Hub in Zusammenarbeit mit dem Bundeszentrum für Ernährung (BZfE), der Dr. Rainer Wild-Stiftung, EIT FOOD und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) erarbeitet wird. Grundlage des Trendreports 2025 waren die Einschätzungen von rund 200 Expertinnen und Experten aus der Ernährungsbranche.

Ernährungstrends als Impuls für die Direktvermarktung

Die Im Trendreport beschriebenen Entwicklungen machen deutlich: Ernährung wird zunehmend mit Fragen von Gesundheit, Selbstbestimmung und persönlicher Lebensgestaltung verbunden. Für landwirtschaftliche Direktvermarkter können daraus interessante Ansatzpunkte für die Gestaltung des eigenen Angebots und der Kundenkommunikation entstehen.

Aktuelle Trends im Überblick

  • Pflanzenbetonte & flexitarische Ernährung – Der Trend geht zu mehr pflanzlichen Lebensmitteln, ohne strikte Verbote. Genuss und Gesundheit stehen im Mittelpunkt, während Fleischkonsum bewusster und reduzierter erfolgt.
  • Personalisierte Ernährung – Individuell abgestimmte Ernährung wird durch moderne Technologien wie Apps und Wearables erleichtert. Besonders Frauengesundheit und maßgeschneiderte Nährstoffzufuhr stehen im Fokus.
  • Nachhaltige & klimafreundliche Ernährung – Klimaschutz und Selbstfürsorge verschmelzen, während regionale, saisonale und umweltfreundlich erzeugte Lebensmittel gefragter sind.
  • Funktionelle Ernährung – Ernährung wird zur Selbstoptimierung genutzt, insbesondere für Langlebigkeit und Leistungssteigerung. Nahrungsergänzungsmittel bleiben populär, werden aber zunehmend kritisch betrachtet.
  • Ernährung für den Darm – Das Mikrobiom gilt als Schlüssel zur Gesundheit, weshalb fermentierte Lebensmittel, Pro- und Präbiotika immer beliebter werden. Bewusstsein für Darmgesundheit wächst.
  • Blutzuckerfreundliche Ernährung – Technologien wie kontinuierliche Glukosemessung (CGM) ermöglichen eine gezielte Steuerung des Blutzuckerspiegels. Proteinreiche Lebensmittel und bewusste Kohlenhydrataufnahme rücken in den Fokus.
  • Alkoholfreie Ernährung – Alkoholfreie Getränke werden immer beliebter, da Gesundheit, Genuss und gesellschaftliche Trends den Verzicht auf Alkohol attraktiver machen. Die Gastronomie bietet zunehmend kreative Alternativen.
  • Terrapy (Selbermachen & Naturbelassenes) – Selbst fermentieren, backen oder Pflanzendrinks herstellen liegt im Trend. Menschen setzen verstärkt auf natürliche Zutaten und kurze Zutatenlisten.
  • Snacking – Der Wandel zu flexibleren Essgewohnheiten lässt gesunde Snacks an Bedeutung gewinnen. Hochwertige Fertigprodukte und nahrhafte To-go-Lösungen werden immer gefragter.
  • Achtsamkeit & Bildung – Bewusstes Essen ohne Ablenkung und mit Wertschätzung für Lebensmittel wird wichtiger. Gleichzeitig gewinnt Ernährungsbildung an Bedeutung, um nachhaltige und gesunde Entscheidungen zu fördern.

Bedeutung für die landwirtschaftliche Direktvermarktung

Wer Entwicklungen im Ernährungsbereich beobachtet und auf ihre Relevanz für den eigenen Betrieb prüft, kann neue Zielgruppen erschließen und zusätzliche Absatzmöglichkeiten entwickeln. Gleichzeitig lässt sich ein zukunftsorientiertes und offenes Betriebsprofil stärken.

Dabei muss nicht jeder Trend aufgegriffen werden. Entscheidend ist vielmehr, authentische Anknüpfungspunkte zum eigenen Betrieb zu finden. Ein landwirtschaftlicher Betrieb, der beispielsweise bereits regionale, saisonale oder handwerklich hergestellte Produkte anbietet, erfüllt möglicherweise schon heute Aspekte, die für bestimmte Verbrauchergruppen interessant sind.

Mögliche Ansätze für die Vermarktung sind beispielsweise:

  • Passende Begriffe gezielt einsetzen: Ballaststoffreich, proteinreich, Omega-3-haltig, „fermentierbar“, aber auch: saisonal, regional.
  • Storytelling intensivieren: Die Nähe zur Produzentin bzw. zum Produzenten, Einblicke in die Herkunft und Herstellung können die Besonderheiten des Produkts sichtbarer machen.
  • Kooperationen nutzen: Kooperationen mit Ernährungsfachkräften, regionalen Initiativen oder anderen landwirtschaftlichen Betrieben können neue Zielgruppen erschließen.
  • Wissen vermitteln: Rezepte, Verkostungen, Workshops oder Hofführungen können Produkte und deren Verwendung anschaulich vermitteln.

Vom Trend zur Produktidee

Neben Anpassungen in der Kommunikation können Trends auch Anregungen für die Entwicklung des eigenen Angebots geben. Je nach betrieblicher Ausgangslage kommen beispielsweise folgende Ansätze in Frage:

  • Neue Kulturen anbauen: Hülsenfrüchte, Ölfrüchte oder Kulturen mit bestimmten Nährstoffeigenschaften können das Sortiment erweitern.
  • Neue Absatzwege aufbauen: Gemüse-Kisten, Selbsterntegärten, Kooperationen mit Unternehmen oder Initiativen können zusätzliche Kundengruppen erreichen.
  • Produkte weiterverarbeiten: Die Herstellung von Aufstrichen, fermentierten Lebensmitteln oder hochwertigen Ölen ermöglichen zusätzliche Wertschöpfung auf hofeignen Rohstoffen.
  • Getränkeinnovationen entwickeln: Kräuterlimonaden, alkoholfreie Cider-Varianten oder fermentierte Getränke können spannende Sortimentsergänzungen sein.
  • Hochwertige Snacks anbieten: Trockenobst-Mischungen, Müsliriegel oder proteinreiche Snacks können für Kunden und Kundinnen interessant sein, die Wert auf gesunde und „praktische“ Lebensmittel legen.
  • Nachhaltigkeitsmaßnahmen ergreifen und stärker kommunizieren: wichtig dabei ist die Beachtung der EmpCo-Richtlinie.
  • Bildungsangebote schaffen: Themenführungen wie „Vom Acker auf den Teller“, saisonales Gemüse, Tierhaltung oder Fahrradtouren als Hofrundfahrten in Kooperation mit anderen Betrieben in der Nähe verbinden Information, Erlebnis und Direktvermarktung.

Von Trends zu Taten: Vermarktung zukunftsorientiert gestalten

Die Auseinandersetzung mit Ernährungstrends kann ein sinnvoller Ausgangspunkt sein, um die eigene Direktvermarktung weiterzuentwicklen. Am Anfang sollte jedoch eine realistische Einschätzung der betrieblichen Möglichkeiten stehen: Welche zeitlichen und finanziellen Ressourcen stehen zur Verfügung? Welche Veränderungen sind mit dem vorhandenen Personal umsetzbar? Und welche Ziele verfolgt der Betrieb mit der Direktvermarktung?

Anschließend lohnt sich ein Blick auf das bestehende Sortiment und die bisherige Kommunikation. Welche Trends spiegeln sich bereits in den eigenen Produkten wider? Wo gibt es Potenzial für Verbesserungen? Und welche Entwicklungen passen tatsächlich zur Philosophie und zu den Möglichkeiten des Betriebs?

Auf dieser Grundlage können konkrete und überschaubare Maßnahmen geplant und zunächst erprobt werden. Sinnvoll ist es, für Veränderungen klare Ziele und einen definierten Zeitraum festzulegen und anschließend zu überprüfen, ob die Maßnahme erfolgreich war.

Mögliche Ziele und Praxistests sind beispielsweise:

  • die Marketingstrategie für einen bestimmten Zeitraum gezielt um passende Trendbegriffe und Produktinformationen zu ergänzen und anschließend die Resonanz auszuwerten,
  • ein neues Produkt zunächst in einem begrenzten Umfang zu testen und die Kundschaft anschließend nach ihrer Zufriedenheit und weiteren Wünschen zu befragen,
  • einen Koch-Workshop, eine Bildungseinheit, eine Verkostung oder einen Vortrag gemeinsam mit einer Ernährungsexpertin oder einem Ernährungsexperten anzubieten und das Interesse an weiteren Veranstaltungen zu ermitteln,
  • die eigene Kundschaft zu befragen, welche zusätzlichen hofeigenen Produkte besonders gefragt wären.

So können aus allgemeinen Entwicklungen konkrete, zum Betrieb passende Maßnahmen entstehen – ohne jedem kurzfristigen Trend folgen zu müssen.

Beratung für die Weiterentwicklung der Direktvermarktung

Die Beobachtung von Ernährungstrends kann wertvolle Impulse für die Direktvermarktung liefern. Entscheidend ist jedoch, daraus passende Lösungen für den eigenen Betrieb zu entwickeln.

Bei Interesse an Veränderungen oder Anpassungen der Direktvermarktung können sich landwirtschaftliche Betriebe an das Beratungsteam für Erwerbskombinationen wenden. Eine frühzeitige Beratung kann dabei unterstützen, Ideen strukturiert zu prüfen, Chancen und Risiken abzuwägen und die nächsten Schritte zu planen.


Quelle: Trendreport Ernährung 2025:
https://www.nutrition-hub.de/post/trendreport-ernaehrung-trends-2025

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