Herdenschutzhunde sind faszinierend anders

Das seit Jahrtausenden bekannte Herdenschutzverfahren wird in unseren Weidegebieten gerade wieder neu entdeckt.

Eines vorab:
Uraltes Wissen

Schafherde auf einer eingezäunten Weide mit Herdenschutzhund
Achtung, wer sich dieser Tage einer Weidetierherde nähert, sollte damit rechnen, dass sie durch HSH beschützt sein könnte, die sich zunächst unauffällig innerhalb der Herde aufhalten. Wird von ihnen eine Gefahrenquelle identifiziert, positionieren sie sich sofort entschlossen zwischen der Herde und dem „Störenfried“ und geben lauthals bellend kund: “Hier wache ich!“ Passanten sollten sich, so adressiert, respektvoll zurückziehen.

Die Integration von Herdenschutzhunden (HSH) in Weidetierherden ist eine der ältesten bekannten Maßnahmen, um Weidetiere vor Übergriffen durch Wölfe und andere Großraubtiere zu schützen. Bereits vor tausenden Jahren haben Menschen große Hunde gehalten, die einzeln oder in Gruppen die ihnen anvertraute Herde auch ohne die Anwesenheit von Hirtinnen und Hirten gegen mögliche Gefahren von außen, z.B. durch Raubtiere verteidigten. Dazu wurden schon damals besonders geeignete Hunderassen von großer Statur, mit starkem Beschützerinstinkt und entschlossenem, selbstbewussten Auftreten gezüchtet und die Eigenschaften von Generation zu Generation weiterentwickelt. Herdenschutzhunde sind für das Leben in der Weidetierherde gemacht. Deshalb sollten sie möglichst immer mit einer Herde zusammengehalten werden!

Herdenschutzhunde arbeiten auch bei Abwesenheit der Bezugspersonen

Diese spezielle Herdenschutzmaßnahme wird seitdem in verschiedenen Varianten so gut wie unverändert in vielen Weidegebieten der Erde mit fortwährender Präsenz großer Beutegreifer bis heute erfolgreich praktiziert. Die HSH agieren dabei nach einer längeren Trainingsphase völlig autark und auch in Abwesenheit der menschlichen Herdenbetreuenden bei Tag und bei Nacht. Die Herdenbesitzerinnen und -besitzer besuchen die HSH und die Herde häufig nur einmal am Tag zum Füttern, Tränken, zur Gesundheitskontrolle und zur Kontaktpflege und das war’s. Die HSH sind für das Leben und die Schutzfunktion in der Weidetierherde gemacht.

HSH sind mutig, tapfer und treu

Die stark ausgeprägte Herdentreue der HSH und ihr teilweise aufopferungsvolles selbstmotiviertes Eintreten für die Schutz befohlene Herde löst bei Beobachtenden regelmäßig Bewunderung aus. Sie positionieren sich bei einer vermuteten Gefährdung der Herde sofort zwischen „Gefahrenherd“ und Herde und patrouillieren an ihren Territorialgrenzen. Das Imponiergehabe der großen Hunde ist beeindruckend für alle so „adressierten Passanten“ ob zweibeinig oder vierbeinig. Das ist so gewollt, denn so erkennen unbedarfte „Spaziergänger“ oder interessierte vierbeinige Aggressoren sofort, dass hier eine Eskalation der Begegnung drohen könnte, wenn die Schutzaufgabe und die Entschlossenheit der Schutzhunde nicht entsprechend respektiert werden. Dabei ist es den HSH egal, ob sie eine Gänseherde, eine gemischte Schaf- und Ziegenherde oder eine Herde von Rindern oder Pferden beschützen sollen. Entschärft sich für die HSH die Alarmsituation dadurch, dass die „Auslöser der Provokation“ sich ruhig aber ohne Verzögerung zurückziehen, wird die „Imponierphase“ von den HSH wieder beendet und sie und ihre Herde beschäftigen sich wieder mit anderen Dingen. Die Adaptionsfähigkeit der entsprechend sozialisierten Hunde ist faszinierend.

Die Transformation in die heutige Zeit ist problembehaftet

2 Herdenschutzhunde
HSH arbeiten häufig im Team, um erfolgreich Wolfsrudel auf Abstand von den Weidetieren zu halten. Diese Exemplare der Rasse „Kangal“ sind eindrucksvolle Erscheinungen. Auch das dient bereits der Abschreckung von anderen Vierbeinern mit unlauteren Absichten.

Viele Weidetierhaltende von heute versuchen, im Angesicht der Rückkehr wildlebender Wölfe in unsere Weidegebiete, ihre bedrohten Herden genau mit dieser sehr lange bekannten Methode zu schützen. Die Transformation dieser historischen Herdenschutzmaßnahme in unsere moderne Zeit scheint wie aus der Zeit gefallen, ist aber unter gewissen Umständen möglich, wie viele gelungene Beispiele zeigen. Dazu müssen sich interessierte Weidetierhalterinnen und -halter zunächst das nötige Fachwissen über HSH aneignen, die innerbetrieblichen Voraussetzungen schaffen und geeignete Hunde finden. Zusätzlich müssen involvierte Behörden informiert und die ortsansässige Bevölkerung auf die geplante Anwesenheit von Herdenschutzhunden in Weidegebieten eingestimmt werden. Das alles ist mit viel Zeit- und Kapitalaufwand verbunden. Der Einsatz von Herdenschutzhunden zum Weidetierschutz in unseren modernen Kultur- und Landschaftsräumen birgt einige Risiken für die Hundehaltungen und funktioniert nicht in jedem Fall gut. Das mussten erste Pioniere auf diesem Gebiet leidvoll erfahren. Im besten Falle führt das Engagement der Herdenschutzhundehalterinnen und -halter jedoch zu einem guten Schutz für ihre Weidetierherden und dient damit dem Erhalt eines sehr nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktionsverfahrens mit belegter positiver Wirkung auf den Erhalt der Biodiversität unserer Landschaften. Zusätzlich trägt es zum Gelingen einer Reintegration von wildlebenden Großraubtieren in unsere moderne Kulturlandschaft bei.

HSH nehmen ihre Aufgabe beherzt wahr

Also sollten wir den arbeitenden Herdenschutzhunden und ihren Besitzerinnen und Besitzern mit Respekt begegnen und sie in Ruhe ihre wichtige Arbeit zum Nutzen aller machen lassen. Wir sollten uns verständnisvoll zurückziehen, wenn die HSH uns an der Weide in ihrem Arbeitseifer irrtümlich als „mögliche Gefahr für die Herde“ detektieren, uns stellen, uns verbellen und uns lautstark von ihrer Herde „wegkomplimentieren“. Der Kenner weiß: „Genau das gehört zu ihrem Job“.

3 junge Herdenschutzhunde auf einer eingezäunten Weide beim Training
HSH sind große Hunde spezieller Rassen, die zum Schutz von Weidetierherden gezüchtet wurden. Diese Aufgabe erfüllen sie mit Aufopferung und entscheiden bei Abwesenheit der Besitzerinnen und Besitzer völlig autark über angemessene Schutzmaßnahmen für die Herde. Sie werden schon von Geburt an in der Nähe der Schutzherde gehalten und schon früh, als Welpen, in die Weidetierherde integriert.

Konflikte mit Menschen entstehen oft durch fehlendes Wissen

Für die meisten Menschen in Mitteleuropa ist der Kontakt mit autark arbeitenden HSH neu und unbekannt, das gilt auch für die meisten eingefleischten Hundekennerinnen und -kenner unter uns. Diese HSH sind speziell. Wir sind es nicht gewöhnt, von unserem geplanten Spazierweg im öffentlichen Raum abzuweichen, nur weil sich einer oder mehrere große Hunde von uns gestört fühlen, aber genau das sollten wir bei einer Begegnung mit arbeitenden HSH tun. Eine weitere Annäherung an die Weidetiere oder gar drohende Gebärden sind dringend zu vermeiden. Ein Nachgeben oder Zurückweichen der HSH ist nicht zu erwarten, eine weitere Eskalation wäre wahrscheinlich. Auch der gutgemeinte Versuch einer Kontaktaufnahme mit den HSH sollte unterbleiben. Hier ist das Verantwortungsbewusstsein der Passanten gefragt. Lassen wir die HSH in Ruhe ihrer Aufgabe nachgehen und weichen wir langsam zurück, bis sich die Tiere beruhigen.

Nehmen Sie solche Begegnungen nicht persönlich. Der sachgerechte Einsatz von HSH zum Schutz von Weidetieren vor großen Raubtieren ist grundsätzlich legal, wenn die Rahmenbedingungen für die HSH-Haltung dabei eingehalten werden. Das laute und aggressiv anmutende Alarm-Verhalten der HSH vermeidet in aller Regel den körperlich ausgetragenen Konflikt zwischen den beteiligten Akteuren. Und vor allem darum geht es beim wichtigen Schutz der Weidetiere mit Herdenschutzhunden vor Attacken großer Beutegreifer. Das schützt die Weidetiere, die Wölfe, die Herdenschutzhunde und letztlich auch die von uns geliebten naturnahen Landschaften in denen wir gerne verweilen.

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