Ein Jahr nach BTV-3 – Fruchtbarkeit bei Kühen
Tierärztin Dr. Theresa Scheu (Hofgut Neumühle) referierte zu diesem Thema im Rahmen einer Veranstaltung des Netzwerks Fokus Tierwohl und dem Arbeitskreis Milch in Reichelsheim (Odenwald). Die anwesenden Tierhaltenden sowie Tierärzte brachten ihre Erfahrungen ein.
Frau Dr. Scheu eröffnete ihren Vortrag mit einem persönlichen Rückblick: „Dieses Thema ist sehr herausfordernd. Nach meiner Approbation musste ich im Jahr 2007 während des ersten Seuchenzugs von BTV-8 56 Kühe einschläfern.“ In einer zeitlichen Rückschau auf die Epidemiologie des Bluetongue-Virus 3 (BTV-3) verdeutlichte Scheu, wie wichtig es sei, die Pathogenese zu verstehen.
Das Virus wird nicht direkt von Kuh zu Kuh übertragen. Für die Übertragung ist ein Vektor erforderlich: sogenannte Gnitzen (Bartmücken). Diese stechen die Tiere, saugen Blut und übertragen dabei das Virus von einem infizierten Tier auf ein anderes, ähnlich wie Mücken bei anderen Krankheiten.
Wie überdauern Gnitzen und das Virus die Winterperiode?
Aktuell stellt sich die Frage, wie sich Gnitzen und Viren im Winter verhalten. Das BT-Virus kann im Wirt (Rind) bis zu 220 Tage „schlafen“, also pathogen sein, ohne klinische Symptome hervorzurufen. Erwachsene Gnitzen können in eine bis zu dreimonatige Winterstarre fallen. In den oft wärmeren Ställen oder bei milden Außentemperaturen können sie aber auch in den Wintermonaten aktiv bleiben. „Das Wetter spielt für die Verbreitung der Tierseuche eine große Rolle“, stellte Dr. Scheu fest.
Virusvermehrung ist temperaturabhängig und findet in der Gnitze statt

Unabhängig von geltenden Restriktionen beim Tierverkehr können sich Gnitzen je nach Windrichtung und -geschwindigkeit im Sommer bis zu 150 km pro Tag verbreiten. Die Virusvermehrung in der Gnitze ist temperaturabhängig. Bei 15 Grad Außentemperatur dauert die Virusvermehrung ca. fünf Wochen, bei 30 Grad dagegen nur einen Tag. Deshalb steigen Blauzungeninfektionen mit zunehmenden Temperaturen rasant an, wie beispielsweise im Sommer 2024: das BTV-3-Infektionsgeschehen begann am Niederrhein und breitete sich in drei Wellen Richtung Norden und Westen aus. Der Sommer 2024 mit 43 Tagen über 28 Grad und acht heißen Tagen über 35 Grad beschleunigte die Virusvermehrung und -verbreitung enorm. Die Epidemie in den Monaten Juni bis August 2024 führte zu einer um 50 Prozent erhöhten Rindersterblichkeit.
Gnitzenbekämpfung – was wirkt?
Unabhängig vom eingesetzten Wirkstoff zur Vektorenbekämpfung weisen Aufgusspräparate nur eine geringe Wirksamkeit gegen Gnitzen auf. Die Nachtweide ist keine Option zur BTV-Vermeidung, weil Gnitzen insbesondere in den frühen Morgen- sowie in den späten Abendstunden aktiv sind und stechen. Als wirksame Maßnahme gegen Gnitzen wird empfohlen, die Stalllüfter ständig laufen zu lassen und die Stallbeleuchtung nachts auszuschalten. Zusätzlich sind Maßnahmen zur Unterstützung des Immunsystems, insbesondere die Gabe von Vitamin E, sowie eine Optimierung der Futterration während der Sommermonate sinnvoll. Dazu zählen:
- eine Erhöhung der Mineralfutter- und Viehsalzgabe um etwa 10 %,
- die Reduzierung schnell verfügbarer pansenverdaulicher Stärke sowie
- der Einsatz von Pansenpuffern.
Impfung gegen BTV-3
„Die Impfstoffproduktion, speziell die Produktion von Antigenen bei Virusinfektionen, ist nicht einfach“, ordnete Scheu ein. Ein Impfstoff muss so stark sein, dass ein Tier Antikörper bildet, aber nicht infiziert wird.
Im rechtlichen Kontext erfolgt die Einteilung von Impfstoffen in vier Kategorien:
- 1. Zugelassener Impfstoff
- 2. Impfstoff mit Notfallzulassung
- 3. Impfstoff mit Anwendungsgestattung (keine Zulassung in EU vorhanden)
- 4. Autogener Impfstoff (keine Zulassung/ Prüfung)
Ab Juni 2024 waren per Eilverordnung des BMEL drei Impfstoffe mit Anwendungsgestattung verfügbar. Es hat sich gezeigt, dass sich die Impfung bei infizierten Tieren negativ auswirkt. Die Impfung in nicht infizierten Herden führte dagegen zu einem effektiven Schutz, d.h. abgemilderten klinischen Symptomen und geringeren Tierverlusten. Die Nebenwirkungen der Impfung lagen in einem vernachlässigbaren Rahmen.
Pathogenese von BTV und klinische Erkrankungen beim Rind

Mit dem Stich der Gnitze gelangt das Virus in den Blutkreislauf des Rindes. In den Blutzellen vermehrt sich das Virus. Diese Virämie löst einen ersten Fieberschub aus. „Es folgen Entzündungen in den Gefäßwänden der kleinsten Kapillaren. Dies löst oftmals einen erneuten Temperaturanstieg aus“, erläuterte Scheu. „Daher sind die mit einem feinen Kapillarnetz umgebenen Geschlechtsorgane (Hoden, Gebärmutter), Klauen und der Embryo besonders durch das Absterben der Gefäße und Einstellung der Blutversorgung betroffen.“
Auftretende Fieberzacken können mittels Sensortechnik am Einzeltier erkannt werden. „Diese Erfahrung haben wir an der Neumühle gemacht“, so Scheu. Infektionen äußern sich am Wiederkau- und Milchleistungsabfall, der von der eingesetzten Sensortechnik erfasst wird.
Weitere Erfahrungen aus der Praxis sind, dass „es eine gewisse Reparaturfunktion in den Geschlechtsorganen gibt. Nach meinen Beobachtungen gilt das nur bedingt auch an der Klaue. Nach Schädigungen bildet sich minderwertiges Horn, die Klaue heilt nicht oder der Klauensaum schwillt an und der Zwischenklauenspalt reißt dauerhaft auf. Ich habe auch Mutterkühe gesehen, die ausgeschuht sind. Aber vordergründig waren Milchkühe mit Lahmheiten betroffen“, fasste Scheu ihre Beobachtungen zusammen.

Kühe, die mit BTV infiziert sind, sprechen oftmals bei gewöhnlichen Diagnosen wie z.B. „Ketose“ nicht auf die Standardtherapie an. „Nach meiner Erfahrung benötigt es oft eine verstärkte und verlängerte veterinärmedizinische Behandlung, vor allem im Bereich Entzündungshemmung und Schmerzreduktion.“
Auch Kälber zeigen direkt nach der Geburt BTV-Symptome. Das Virus wirkt auf die cerebrale Entwicklung während der Trächtigkeit. Dies das kann zu Missbildungen an Kopf und Körper sowie zu funktionellen Einschränkungen (Sehen, Orientierung) führen. „Wo Neuronen im Gehirn sein müssten, findet man in der Sektion nur Flüssigkeit“, erklärte Dr. Scheu. Zusammenfassend führt die Infektion mit BTV am ungeimpften Rind zu Lahmheiten, Mastitiden und Unfruchtbarkeit sowie sekundär zu Stoffwechselstörungen. Zudem kann die Infektion zu einer temporalen Unfruchtbarkeit von Deckbullen führen, was besonders in Mutterkuhherden bedeutend ist. Die Betroffenheit der weiblichen Geschlechtsorgane führt zu einer erhöhten Zwischenkalbezeit.
Was ist jetzt zu tun?
Eine BTV-3-Impfung aller Rinder ist dringend zu empfehlen. Das vermindert Tierleid und hemmt die territoriale Ausbreitung des Virus. Die Impfdichte der geimpften Rinderhaltungen lag beispielsweise im März 2023 in Sachsen-Anhalt bei nur 14 Prozent. Als sinnvoller Zeitraum zum Impfen haben sich die Wintermonate herausgestellt. Wurden die Tiere bereits geimpft, ist eine Booster-Impfung anzuraten. Eine zusätzliche Impfung gegen BTV-4 und 8 ist zu überlegen und mit den Tierärzten vor Ort abzusprechen. „Jungvieh kann man wunderbar simultan mit BTV 3 und dem Kombiimpfstoff 4 und 8 impfen. Bei Mutter- und Milchkühen sollte vor der Impfung der Trächtigkeitsstatus überprüft werden. In Mutterkuhherden sollte man möglichst einen spermauntersuchten und geimpften Deckbullen einsetzen“, erläuterte Scheu.
„Mit den Spätfolgen der Infektionen werden wird noch ein bis zwei Jahre zu tun haben“, so Scheu abschließend.














