Nachlese: Haltung, Schlachtung und Verkauf bleiben in der Region
Anfang Juli richtete das Netzwerk Fokus Tierwohl gemeinsam mit der IG Odenwälder Fleischrinderhalter eine Tagesfahrt nach Osthessen rund um Fulda aus. Den Schwerpunkt aller drei besichtigten Betriebe bildete die Direktvermarktung aber auch Optimierung der Arbeitswirtschaft mittels Einbau technischer Geräte bzw. durchdachter Neubaukonzepte.
Mut zum Neubeginn: Ein moderner Hof mit Zukunft

Aus einer nichtlandwirtschaftlichen Festanstellung heraus in den Neubau eines Maststalles und Hofladens zu investieren, verlangt Mut und Engagement. Diesen Weg ging Christian Wiegand mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern in Flieden-Struth. Während der Elternzeit und mit einem starken Zusammenhalt und Hilfe der eigenen und der Schwiegerfamilie baute er die in den 80er Jahren ausgesiedelten Hofstelle um und neu. Es entstand 2022 ein neuer Zweiraum-Tiefstreustall für die Haltung von Mastrindern. In einer Mehrzweckhalle befindet sich das Mistlager, im Sommer die Maschinen und Winter die Mutterkühe. Ein Großteil der baulichen Arbeiten erledigten Familie und Freunde in Eigenleistung. „Diese Arbeiten bereiten uns Freude, besonders wenn sich etwas entwickelt“, bestätigen Christian Wiegand und seine Frau. Zur Entwicklung gehörte auch der Neubau eines räumlich ansprechenden Hofladens, weg aus den beengten Räumlichkeiten im Ortskern. Mit Werbung, sozialen Medien, Hoftagen und wöchentlichen Angeboten wuchs die Kundschaft gegenüber dem Ortsgeschäft bereits um 50 Prozent. Das ebenfalls an der Hofstelle befindliche Schlachthaus wird als GbR gemeinsam mit dem Onkel Christoph Wiegand betrieben, der als Metzgermeister die Schlachtung der Rinder und Schweine übernimmt. Auch Lohnschlachtung von Rindern aus der Region ist möglich. Die Wege der eigenen Mastrinder und -schweine zum Schlachthaus betragen max. 20 Meter. Das Schlacht- und Zerlegehaus wurde ebenfalls weiterentwickelt und den neuesten EU-Vorgaben angepasst. Eine weitere Entwicklung führte Wiegand in der Fütterung der über 100 Mastschweine durch. Anstatt Sojaextraktionsschrot kommen jetzt eigens erzeugte Erbsen und gekaufter Rapsextraktionsschrot sowie selbst produziertes Getreide zum Einsatz. Bei den Rindern soll die Mutterkuhherde noch auf 40 Tiere anwachsen. Deren weibliche und männliche Nachzucht findet gemästet im Hofladen und zum Teil in Edeka- und Rewe-Märkten an der Frischetheke Absatz. Besonders bemerkenswert war die optimistische, kreative und anpackende Art der jungen Betriebsleiterfamilie. Bauliche Auflagen, wie das Anlegen eines Löschteiches, wurden beispielsweise zur „Chillout-Zone“ weiterentwickelt und ermöglichen Familie und Gästen ein kurzes Innehalten.
Innovationen im Mutterkuhstall


Mit der „Kuhfladen-Heizung“ gab es schon einige öffentliche Vorstellungen von Familie Stock aus Großlüdern-Bimbach in Radio, Fernsehen und Zeitung. Die Stocks legten in den 2019 neu erbauten Zweiraum-Laufstall für 60 Mutterkühe und Nachzucht 600 m Heizungsrohre unterhalb der Bewehrung in die Bodenplatte des Liegebereichs. Seither produziert die Abwärme des Rindermistes warmes Wasser, welches über eine Umwälzpumpe die stalleigene Küche und den Aufenthaltsraum im Winter beheizt. „Das hätte noch Potential für ein Wohnhaus“, so Martin Stock. Der Stall funktioniert als Tretmiststall, jedoch ohne Gefälle im Liegebereich. Die ebene Fläche lässt ggf. anderweitige Nutzung zu und die Liegefläche wird zweimal gemistet im Jahr. Das Prinzip des Tretmist-Stalles funktioniert dennoch, da der hintere Bereich als separater Kälberschlupf fungiert, mit anschließendem zweiten Futtertisch. „Der Bereich im Übergang zum planbefestigten Fressbereich der großen Liegefläche ist immer etwas feuchter, so dass es den Mist von da auf den Fressgang drückt“, erläutert Stock. Die automatische Schieberentmistung reinigt den 48 m langen Gang stündlich und wirft diesen in einen Hakenlift-Container. Im schleppertauglichen Containeranhänger kann der Stallmist dann direkt zur 810-kW leistenden Biogasanlage transportiert werden, die zu einem Drittel vom Stockehof bewirtschaftet wird. Als weitere Besonderheit führte der Betriebsleiter das schienengeführte, automatische Einstreugerät für Rundballen vor. Die beiden Verteilteller können separat geschaltet werden ermöglichen eine Anpassung der Einstreumengen für Kälberschlupf und Liegefläche der Kühe. Auch Familie Stock führt einen Hofladen – ohne Verkaufspersonal, sondern mit Vertrauenskasse. Das Sortiment ist vielfältig und auf sich ändernde Kundenwünsche angepasst. So gibt es neben Teilstücken vom Rind auch panierte Grillware vom Schwein und Geflügel aus benachbarten Betrieben. Die Eier der 380 Legehennen werden ebenfalls komplett über den Hofladen vermarktet.
Produkte für den Fuldaer und Frankfurter Wochenmarkt

Im dritten Betrieb begrüßte Tobias Wingenfeld in Hofbieber-Wiesen die Gruppe. Seit dreißig Jahren bewirtschaften er und seine Eltern den Betrieb ökologisch. Seit 35 Jahren unterhält die Familie einen Verkaufsstand an der Konstabler Wache in Frankfurt. Der 2022 gebaute Stall außerhalb der Ortslage wurde als Zweiraum-Laufstall mit Laufhof für 50 Rinder und Strohstall mit offener Front für 100 Mastschweine nach Vorgaben des ökologischen Landbaus errichtet. Schweine und Rinder sind durch eine strikte bauliche Trennung (Wandung aus OSB-Holz) getrennt. Daneben befindet sich eine stationäre Mahl- und Mischanlage. Auch hier sind kurze Wege kennzeichnend, denn die Ferkel stammen aus der Region und der Fuldaer Schlachthof liegt in wenigen Kilometer Entfernung. Alle zwei Wochen wird ein Rind geschlachtet, wovon eine Hälfte auf den Fuldaer bzw. Frankfurter Wochenmarkt vermarktet wird. Die andere Schlachthälfte vermarktet ein Metzger bzw. wird über die Marke Hessisches Bioweiderind im Rewe abgesetzt.
Die Mastfärsen erhalten im Winter Kleegras. Für die Direktvermarktung bauen Wingenfelds auch Kartoffeln an. Die Schweine erhalten zudem selbstangebaute Ackerbohnen.
Die Besichtigung der drei Betriebe mit jungen, engagierten Betriebsleitern zeigte unterschiedliche Möglichkeiten, mit Direktvermarktung und Mastrinder- bzw. Mutterkuhhaltung einen zukunftsfähigen Weg zu beschreiten.














