Ackerbeweidung mit Schafen – Chancen, Nutzen und Herausforderungen

Schäfer vor Schafherde, die eingezäunt auf einem Acker mit lockerem Zwischenfruchtbestand grast
Schäfer Marcel Breidenstein nutzt Zwischenfruchtflächen nördlich von Kassel, damit seine Schafe auch im Januar draußen frisches Grün fressen können.

Die Beweidung von Ackerflächen mit Schafen erlebt aktuell wieder mehr Interesse. Besonders im Zusammenhang mit Zwischenfruchtanbau, Erosionsschutz und nachhaltiger Nährstoffkreislaufwirtschaft entstehen neue Kooperationsmöglichkeiten zwischen Ackerbau und Schäfereien. Richtig umgesetzt profitieren beide Seiten: Schäfer erhalten zusätzliche Futterflächen, während Ackerbaubetriebe ihre Flächen sinnvoll nutzen, überschüssige Pflanzenmasse schonend beseitigen und das Bodenleben auf dem Acker über die Weidenutzung anregen können.

Der Artikel zeigt, welche Vorteile die Ackerbeweidung bieten kann, welche Herausforderungen zu beachten sind und wie eine erfolgreiche Zusammenarbeit gelingen kann.

Ackerbeweidung hat eine lange Tradition

Die Nutzung von Ackerflächen als Weide ist keineswegs neu. Bereits seit dem Mittelalter wurden Felder regelmäßig von Nutztierherden beweidet. Mit der Einführung der Dreifelderwirtschaft – bestehend aus Wintergetreide, Sommergetreide und Brache – entstand ein System, in dem Bracheflächen und abgeerntete Felder gezielt zur Beweidung genutzt wurden.

Diese Praxis erfüllte mehrere Funktionen:

  • Nährstoffeintrag durch die Ausscheidungen der Tiere
  • Förderung der Bodenfruchtbarkeit
  • Nutzung von Ernteresten
  • Verbesserung der Bodenstruktur durch Trittwirkung

Besonders bedeutend war das sogenannte Pferchen, bei dem Schafherden gezielt auf Ackerflächen über Nacht zur Ruhe eng eingepfercht wurden, um den Boden zu düngen. Diese Form der organischen Düngung war vor der breiten Nutzung mineralischer Dünger eine zentrale Methode zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion und diente der Nahrungsmittelversorgung für eine wachsende Bevölkerung.

Nahaufnahme von einem waagerecht gehaltenem Gartenspaten mit großem ausgestochenem Bodenbatzen auf dem Blatt. Die Bodenprobe sieht dunkelbraun und feucht aus und ist gut durchwurzelt.
Spatendiagnosen zeigen: die Winterzwischenfrucht mit anschließender Schafbeweidung verbessert die Bodenstruktur und schafft gute Bedingungen für die Frühjahrsaussaat.

Formen der Ackerbeweidung

Ackerflächen können in unterschiedlichen Anbausituationen und Vegetationsstadien von Schafen genutzt werden. Zu den häufigsten Varianten gehören:

  • Stoppelbeweidung: Nach der Getreideernte können Erntereste sowie vorhandene Untersaaten abgeweidet werden.
  • Nachschlagbeweidung: Regenerierte Aufwüchse nach der Ernte werden vor der Bodenbearbeitung genutzt.
  • Rübenblattweide: Nach der Zuckerrübenernte können Blattreste und verbliebene Rübenköpfe aufgenommen werden.
  • Beweidung von Kleegras: Insbesondere im Herbst, wenn eine Schnittnutzung wirtschaftlich weniger sinnvoll ist.
  • Beweidung von Winterzwischenfrüchten: Eine der aktuell interessantesten Formen der Ackerbeweidung.
  • Saatenhüten: Junge Bestände werden kontrolliert abgeweidet, um übermäßigen Aufwuchs zu regulieren.

Vorteile für die Schäferei

Für Schäferbetriebe bietet die Nutzung von Ackerflächen mehrere wichtige Vorteile.

  • Erweiterung der Futterbasis: Ackerflächen stellen häufig kostengünstige und gut zugängliche Futterflächen dar. Besonders Zwischenfruchtbestände können im Herbst und Winter wertvolle Futterreserven liefern.
  • Verlängerung der Weideperiode: Durch Ackerfutter und Zwischenfrüchte kann die Stallperiode deutlich verkürzt werden. Das spart Futterkosten und reduziert Arbeitsaufwand.
  • Geringerer Parasitenbefall: Ackerflächen weisen in der Regel eine geringe Parasitenbelastung auf, da dort zuvor keine Beweidung stattfand. Die vorangehende Ackernutzung stellt eine Unterbrechung von Infektionsketten dar..
  • Gute Flächenstruktur: Viele Ackerflächen sind eben, frei von Landschaftselementen, relativ einfach einzuzäunen. Dadurch eignen sie sich gut für mobile Weidezaunsysteme.

Vorteile für den Ackerbau

Auch Ackerbaubetriebe profitieren von der Zusammenarbeit mit Schäfern.

  • Nutzung von Ernteresten: Schafe verwerten Ernterückstände und Aufwuchs effizient und bodenschonend. Gleichzeitig werden Pflanzenreste durch den Tritt und Kot teilweise in den Boden eingearbeitet, was Rotteprozesse fördert.
  • Förderung des Bodenlebens: Exkremente der Tiere liefern Nährstoffe und regen die biologische Aktivität im Boden auf vielfältige Weise an.
  • Regulierung von Pflanzenbeständen: Überwachsene Zwischenfrüchte oder Aufwüchse können durch Beweidung rechtzeitig schonend reduziert werden. Das erleichtert später die Bodenbearbeitung, Saatbettbereitung und Aussaat der Folgefrucht.
  • Verbesserung von Bodenstruktur und Humusgehalt: Zwischenfrüchte sorgen für eine Bodenbedeckung und intensive Durchwurzelung im Winter, Erosionsschutz und Humusbildung durch die Wurzelmasse. Zusätzlich bleibt Stickstoff im durchwurzelbaren Bodenraum gebunden und wird weniger ausgewaschen.
  • Reduzierung von Schadnagern: Die Trittwirkung der Schafe, umgangssprachlich „Trippelwalze“,kann dazu beitragen, Schadnagerpopulationen zu reduzieren oder zu vergrämen.

Organisation der Beweidung: Hüten oder Koppeln?

Eine zentrale Frage in der Praxis ist die Wahl zwischen Hütehaltung und Koppelhaltung.

Hüten eignet sich besonders bei:

  • geringen Futteraufwüchsen
  • jungen Kulturen
  • empfindlichen Beständen

Der Vorteil liegt in der genaueren Steuerung der Beweidungsintensität durch den Hirten.

Koppelbeweidung eignet sich vor allem bei:

  • gut entwickelten Zwischenfrüchten
  • hohen Aufwuchsmengen

Hier ist das Risiko einer Übernutzung geringer und der Arbeitsaufwand für das Hüten entfällt.

Allerdings steigt bei kleinen Flächen häufig der Zaunbauaufwand pro Hektar.

Erfolgsfaktor Kooperation

Ackerbeweidung funktioniert nur dann dauerhaft erfolgreich, wenn beide Partner einen klaren Nutzen erkennen.

Wichtige Punkte für eine funktionierende Zusammenarbeit sind:

  • klare Absprachen z. B. über geeignete Saatmischungen
  • Festlegung von Aussaatterminen
  • Regelung von Beweidungszeitpunkt und Intensität
  • Vereinbarung über Kostenverteilung

Ebenso wichtig ist eine verlässliche Dokumentation, beispielsweise über ein Weidetagebuch und Fotodokumentation vor und nach der Beweidung.

Bei Förderprogrammen, Ökobetrieben oder Vertragsnaturschutzflächen müssen außerdem die jeweiligen Vorgaben zur Großvieheinheiten- (GVE) und Flächenausstattung beachtet werden.

Zwischenfrüchte als Winterfutter

Zwischenfrüchte können eine wertvolle Futterquelle darstellen, bringen aber auch Unsicherheiten mit sich.

Der Erfolg hängt stark von verschiedenen Faktoren ab:

  • Zeitpunkt der Aussaat
  • Niederschlags- und Temperaturverhältnisse
  • Zusammensetzung der Mischung
  • Zeitpunkt des ersten Frostes

Die tatsächliche Futtermenge und -qualität kann daher stark schwanken.

Ein vorsichtiger Einstieg über Teilflächen ist sinnvoll.

Auswahl geeigneter Zwischenfruchtmischungen

Bei Zwischenfrüchten ist die richtige Mischung entscheidend.

Zu beachten sind unter anderem:

  • keine Reinsaaten (z. B. wegen GLÖZ-Vorgaben)
  • Eignung der Pflanzen zu Fütterungszwecken
  • Winterhärte oder sicheres Abfrieren
  • Anteil von Leguminosen zur Stickstoffbindung

Außerdem müssen die Mischungen zur Vor- und Folgefrucht im Fruchtfolgeplan passen. Da Saatgut teilweise nur begrenzt verfügbar ist, sollte die Beschaffung frühzeitig erfolgen. Eine unabhängige Beratung ist möglicher Weise sinnvoll.

Fütterungsaspekte

Zwischenfrüchte können hohe Nährstoffgehalte aufweisen, jedoch oft relativ wenig Rohfaser enthalten. Eine zusätzliche Ausgleichsfütterung kann deshalb notwendig sein.

Wichtige Grundregeln sind:

  • langsame Futterumstellung
  • Mineralfutter und Viehsalz anbieten
  • besonders vorsichtig bei hochtragenden oder säugenden Tieren agieren

Einige Pflanzen können zudem problematische Inhaltsstoffe enthalten. Beispiele sind:

  • Rotklee (mögliche Scheidenvorfälle)
  • Buchweizen (erhöhte Lichtempfindlichkeit)

Gesundheitsrisiken bei der Ackerbeweidung

Neben der Fütterung spielen auch andere Gesundheitsaspekte eine Rolle.

Zu beachten sind unter anderem:

  • Infektionen mit bodenbürtigen Keimen
    scharfer“ oder sehr nasser Boden begünstigt Klauenprobleme
  • Witterungssituation

Wichtige vorbeugende Maßnahmen sind:

  • regelmäßige Klauenkontrolle
  • ein gesundes, gut entwickeltes Wollvlies schützt vor Nässe und Kälte
  • zusätzlichen Schutz vor Extremwetter einplanen

Auch Impfungen sind relevant, insbesondere gegen:

  • Impfung gegen Clostridien (z. B. Breinierenkrankheit)
  • Impfung gegen die Erreger der Moderhinke

Planung und Risikomanagement

Die Nutzung von Zwischenfrüchten ist immer mit Unsicherheiten verbunden. Ertrag, Qualität und Nutzbarkeit können stark variieren.

Deshalb gilt in der Praxis:

  • Risiken realistisch einschätzen
  • einen Plan B für Futterversorgung vorbereiten
  • erste Erfahrungen auf Teilflächen sammeln

Fazit

Ackerbeweidung kann eine Win-Win-Situation für Schäferei und Ackerbauer darstellen. Schafe nutzen überschüssige Biomasse effizient und bringen gleichzeitig Nährstoffe zurück auf den Acker. Ackerbaubetriebe profitieren z. B. von einer Anregung des Bodenlebens durch die Wiederkäuerbeweidung, einer besserer Bodenstruktur, geringerer Erosion und einer sinnvollen Nutzung und Beseitigung von Zwischenfrüchten.

Entscheidend für den Erfolg sind jedoch:

  • gute Planung
  • passende Zwischenfruchtmischungen
  • klare Absprachen zwischen den Partnern
  • sorgfältiges Herdenmanagement

Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann die Ackerbeweidung einen wichtigen Beitrag zu nachhaltigen und integrierten Landwirtschaftssystemen leisten.

Weitere Informationen:

Kontakte
>> Alle Kontakte anzeigen