Agroforstsysteme: Chancen und Herausforderungen
Bei einem Agroforstsystem handelt es sich um die Kombination von Bäumen und Sträuchern mit landwirtschaftlichen oder gärtnerischen Kulturen und/oder Tierhaltung auf derselben Fläche. Solche Systeme stehen in Europa in historischer Tradition und waren bis ins 20. Jahrhundert hinein weit verbreitet. Aufgrund ihrer vielen positiven ökologischen Effekte werden Agroforstsysteme als zukunftsweisende Landnutzungsform zunehmend „wiederentdeckt“.
Die Gehölze werden oft streifenförmig angebaut (Alley Cropping) und die Flächen zwischen den Gehölzstreifen werden für den Acker- und Gartenbau oder zur Beweidung genutzt. Grundsätzlich sind eine über die Fläche verteilte Anordnung der Gehölze oder Gruppenanpflanzungen jedoch ebenso möglich. Während die Gehölze mit vielen positiven Effekten für die Kulturpflanzen und Tiere verbunden sind, entstehen durch die Komplexität der Systeme auch neue Herausforderungen, die es in der Planung und im Management zu beachten gilt.
Aus diesem Grund sollte der Anlage von Agroforstsystemen grundsätzlich eine frühzeitige Beratung vorausgehen, für die Sie sich gerne an uns wenden können.
Im Folgenden werden einige Chancen und Herausforderungen von Agroforstsystemen aufgeführt.
Klimaschutz und -anpassung
Chancen und Vorteile
- Kohlenstoffbindung in unter- und überirdischer Biomasse der Gehölze sowie durch Humusaufbau
- Schutz vor Extremwetterereignissen wie Starkregen, Frost, Hitze und Dürre
- besseres Mikroklima: erhöhte Wasserverfügbarkeit durch weniger Verdunstung aus dem Boden, Kühlung der Umgebung durch Verdunstung über Gehölze, weniger Wind
- geringere Lachgasemissionen durch reduzierte Düngung und Aufnahme von anorganischem Stickstoff aus dem Boden
Herausforderungen
- Nutzung der Gehölze entscheidend für langfristige CO2-Speicherung
- Flächen trocknen langsamer/inhomogen ab (erschwerte Befahrbarkeit bei hoher Feuchtigkeit, ggf. inhomogene Ausreife der Kulturpflanzen, ggf. inhomogene und langsamere Trocknung von Grünlandschnitt und ggf. erhöhter Pilzdruck)
- Langsamere Erwärmung des Bodens im Frühjahr kann Keimung/Wachstum früher Kulturen verzögern
Boden
Chancen und Vorteile
- Weniger Bodenerosion durch Wasser und Wind
- Gesteigerter Humusaufbau durch Laubstreu
- Gesteigerte Anzahl an Bodenorganismen durch geringere Bodenbearbeitung, Düngung und Pestizidgaben
- Höhere Vielfalt an Bodenlebewesen in Agroforstsystemen durch unterschiedliche Lebensräume (z. B. Boden des Gehölzstreifens und Ackerboden)
- Höherer Humusanteil und mehr Mikroorganismen tragen zu verbesserter Speicherfähigkeit für Wasser und Nährstoffbereitstellung bei
- Bereitstellung von Nährstoffen aus tieferen Bodenschichten durch Wurzeln der Gehölze und konstanter Nährstoffkreislauf durch lange Standdauer
Wasser
Chancen und Vorteile
- Transport von Wasser aus tieferen, feuchten in höhere, trockene Bodenhorizonte
- Verbesserte Grundwasserqualität durch geringere Auswaschung von Nährstoffen (v. a. Nitrat) durch tiefere Wurzeln
- Verbesserte Wasserhaltefähigkeit auf der Fläche
- Effektiver Beitrag zum Hochwasserschutz
Herausforderungen
- Bei Gehölzflächenanteilen >25 % tlw. geringere Grundwasserneubildung
Biodiversität
Chancen und Vorteile
- Förderung der Artenvielfalt durch Schaffung von Lebensräumen, Nahrungsangeboten und Rückzugszonen sowie reduzierte Bodenbearbeitung, erhöhte Strukturvielfalt und geringerer Pestizideinsatz
- Verbesserte Biotopvernetzung
- Erhöhte Anzahl an Nützlingen fördert die biologische Schädlingsbekämpfung und Bestäubung
Herausforderungen
- Beeinträchtigung von Vogelarten des weiträumigen Offenlandes (z. B. Kiebitz, Feldlerche)
- Anbau von nicht gebietsheimischen Gehölzen in naturschutzfachlich wertvollen Gebieten bedenklich
- Mögliche Ansiedlung von Schädlingen in den Gehölzstrukturen
Tierhaltung
Chancen und Vorteile
- Verbesserte Nutzung der Weideflächen und verringerte Konzentration der Exkremente im Stallbereich (z. B. Freilandhaltung Hühner)
- Schutz der Tiere vor ungünstiger Witterung
- Rückzugsmöglichkeiten für einzelne Individuen
- Angebot einer gesundheitsfördernden Futterergänzung (Futterlaub)
- verbesserter Graswuchs v. a. bei Trockenheit
- mögliche Schädlingsbekämpfung durch Tiere (z. B. Fraß am Boden liegender befallener Äpfel durch Rinder)
Herausforderungen
- erhöhter Aufwand und Kosten für Baumschutz
- Gehölzauswahl auf Tierart abstimmen (Toxizität und Verletzungsgefahr durch Dornen)
- ggf. Weide-/ Gehölzzugang zu bestimmten Zeiten einschränken (z. B. während der Ernte von Gehölzen)
- bei Futterlaub: ggf. wiederkehrendes Auszäunen erforderlich
Produktivität und Flächennutzung
Chancen und Vorteile
- Abmilderung des Ausfallrisikos durch Abpuffern von Wetterextremen und einer Mehrfachnutzung der Fläche
- Erhöhung der Biomasseleistung von Ackerkulturen und Gehölzen durch Synergieeffekte
- Verbesserte Flächennutzung durch den Anbau auch auf schwierig zu bewirtschaftenden oder ertragsschwachen Böden
- Möglichkeit der einfacheren Bewirtschaftung von ungünstig geschnittenen Flächen
- Höhere Landschaftsästhetik
Herausforderungen
- Mögliche Ertragsminderung bei Ackerkulturen durch die Konkurrenz um Licht, Wasser und Nährstoffe
- Pachtverträge brauchen klare Vereinbarungen über die Anlage, Bewirtschaftung und ggf. Entfernung von Agroforstsystemen nach Ablauf des Pachtzeitraums
- Beschädigungen bestehender Drainagen
- Abstandsregel zu anderen Gehölzen, Nachbarflächen, Verkehrswegen, Hochspannungsleitungen, etc.
Wirtschaftlichkeit
Chancen und Vorteile
- Diversifizierung von Einkommensquellen durch verschiedene Nutzungsarten der Gehölze: Energieholz, Stamm- und Wertholz, Obst und Nüsse
- Erhöhte Nachfrage nach nachhaltigen, regionalen landwirtschaftlichen Produkten
- Vielfältige Agroforstprodukte ermöglichen neue (regionale) Vermarktungsmodelle und ein positives betriebliches Branding
- Langfristiger Kapitalaufbau in Gehölzen
- Ernte als Stamm- und Wertholz ermöglicht flexible Ernte gemäß Preisschwankungen am Markt
- Produktion von Energieholz senkt Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern und Importen
Herausforderungen
- Hohe Investitionskosten
- Erhöhter Arbeitsaufwand und zusätzliche Fachkenntnisse erforderlich
- Dauer bis zur ersten Ernte von Obst- und Nussbäumen oder Energieholz
- Lange Zeiträume für Vermarktung von Bäumen als Stamm- und Wertholz (30-70 Jahre Standdauer, Gefahr der Entwertung von Stämmen, ungewisse zukünftige Rechtslagen)
- Nuss- und Obstsysteme haben hohen Bewirtschaftungsaufwand für Pflege, Ernte, Lagerung und Aufbereitung
- (Regionale) Vermarktungswege müssen oft selbst geschaffen werden
Quellen und weiterführende Informationen
FiBL-Broschüre: Vorteile von Agroforstsystemen für Landwirtschaft und Umwelt