Analyse: Getreidemarkt nach der Ernte 2026

Inzwischen sind die Erntearbeiten vollständig abgeschlossen und im Erfassungshandel werden die Mengen bewertet und Qualitäten sortiert. Zu diesem Zeitpunkt stellen sich die Erzeuger und Landhändler die Frage, wie sich die Preise in der laufenden Saison, also im WJ 2026/27, entwickeln könnten? Das folgende Schaubild zeigt, dass die Getreidepreise einem komplexen Zusammenspiel zahlreicher Faktoren unterliegen, die sich teilweise noch gegenseitig verstärken können. Vor diesem Hintergrund sind valide Prognosen zu Beginn einer Vermarktungskampagne stets mit großen Unsicherheiten verbunden. Doch jede Saison hat ihre Besonderheiten und es sind bereits jetzt fundamentale Unterschiede zum WJ 2025/26 zu erkennen.

Abbildung 1: Bestimmungsfaktoren der Preisbildung

Die letzte Hochrechnung zur Ernte 2026 zeigt in Deutschland deutlich rückläufige Mengen bei Getreide und Raps. Nach den Zahlen des Deutschen Raiffeisenverbands (DRV) dürfte im Durchschnitt etwa 10% weniger geerntet worden sein als im Vorjahr. Keine katastrophale Ernte, aber mit spürbaren Auswirkungen auf das regionale Mengenangebot. Auch europaweit wird nach der letzten Schätzung der EU-Kommission deutlich weniger Getreide zur Verfügung stehen. Nach aktuellem Kenntnisstand nur noch 263 Mio. t und damit 27 Mio. t weniger als im WJ 2025/26.

Schließlich ist für die Preisentwicklung aber entscheidend, wie sich die Produktionsmengen und Lagerbestände am Weltmarkt verhalten. Hier zeichnet sich nach den Zahlen des Internationalen Getreiderats (IGC) ebenfalls eine schlechtere Versorgungssituation ab. Demnach könnte sich die globale Weizenproduktion in 2026/27 auf nur noch auf 820 Mio. t belaufen, womit das globale Angebot um 25 Mio. t kleiner ausfällt. Die Hitzewelle und Trockenheit haben den Beständen in der EU und den USA wohl doch mehr geschadet als zunächst angenommen. Experten rechnen inzwischen mit der kleinsten US-Weizenernte seit 1970. Damit liegt der Verbrauch mengenmäßig über der Erzeugung und die globalen Vorräte schrumpfen um 7 Mio. t auf 278 Mio. t.

Abbildung 2: Versorgungsbilanz globaler Weizenmarkt (Quelle: IGC, Juli Report)

Hinzu kommen die Auswirkungen der Eskalation im Ukraine-Krieg mit Raketenangriffen auf Getreidefrachter und die Getreideterminals der Häfen im schwarzen Meer. Aktuell leidet die Ukraine massiv unter verstärkten russischen Raketenangriffen auf den südlichen Hafenhub Odessa, wo etwa 90% der Agrargüter verschifft werden. In der Folge geraten die Exportströme ins Stocken und die eigentlich großen Ernten können nicht außer Landes gebracht werden. Diese Gemengelage führte dazu, dass die Getreidepreise entgegen der üblichen Marktgesetze selbst währende der Ernte je nach Kultur um 10-20 EUR/t zulegen konnten. Die dramatische Entwicklung beim Körnermais in Frankreich und die erwarteten Mindererträge in Deutschland könnten die europäische Futtergetreidebilanz zusätzlich verschärfen. Beobachter rechnen damit, dass der knappe Maismarkt auch die Preise für Futterweizen und Futtergerste stützen könnte, denn die Futtermittelindustrie wird ihre Mischverhältnisse entsprechend anpassen müssen. Dadurch könnte sich insbesondere Futterweizen relativ stabil entwickeln.

Tab.: Getreide- und Rapspreise, Hessen, in EUR/t

Frei LandlagerAb Hof
Min.Max.ØMin.Max.Ø
Qualitätsweizen188200192198219203
Brotweizen180190182190208194
Qualitätshafer
Futterweizen170180173180198185
Futtergerste160170163170186174
Raps495510501505520511

Quelle: LLH, Stand 02.09.2026

Da am Markt für Futtergetreide bessere Substitutionsmöglichkeiten bestehen als am Markt für Backgetreide, fallen die Aufgelder für hintere Termine etwas geringer aus. Aktuell werden vom Landhandel auf den hinteren Lieferterminen Nov-Dez 2026 Zuschläge von +5 EUR/t, für Jan-Mrz 2027 in Höhe von +10 EUR/t genannt. Der Tagespreis für prompte Lieferungen liegt beim Futterweizen derzeit bei ca. 170-180 EUR/t frei Landlager. Unterdessen besteht überregional einiges Kaufinteresse an einzelnen Fuhren von Futtergetreide. Vorrangig werden derzeit bestehende Kontrakte bedient. Wobei die Lieferketten auf den Wasserwegen seit der Hitzewelle und Trockenheit spürbar beeinträchtigt sind. Fehlende Kapazitäten in der Binnenschifffahrt führen derzeit zu steigenden Frachtkosten, da Landhändler auf die Schiene oder den LKW-Transport ausweichen müssen. Dies zeigt am Regionalmarkt bereits Auswirkungen auf die Verfügbarkeit und Preise und ist aus Sicht der Landhändler temporär ein wichtiger Faktor.     

Abbildung 3: Getreidepreise Hessen (Quelle: LLH, Stand 02.09.2026)

Backweizen erzielt in Hessen je nach Region hingegen Preise von 180-190 EUR/t frei Landlager und damit im Schnitt 10 Euro weniger als Qualitätsweizen, der mit 188-200 EUR/t gehandelt wird. Tatsächlich hat sich die Qualitätsprämie von A-Weizen im Vergleich zum Vorjahr also etwa halbiert. Die Verarbeiter sind aber durchaus bereit, für spätere Liefertermine mehr anzulegen. Ziel ist es, den Rohstoff in ausreichender Menge und Qualität zu sichern. Beim Landhandel werden für den Lieferzeitraum Nov-Dez 2026 aktuell Aufgelder von 8 EUR/t und für den Zeitraum Jan-Mrz 2027 sogar 15 EUR/t gezahlt.

Fazit:

Die Begleiterscheinungen der Hitzewelle und Trockenheit haben in der EU und den USA deutliche Spuren hinterlassen. Dies wird Auswirkungen auf das Verhältnis von Lagerbeständen zu Verbrauch (Stock-to-Use-Ratio) haben. Die Versorgungsbilanz 2026/27 ist bei weitem nicht mehr so komfortabel, wie im Vorjahr. Hinzu kommt die Eskalation in der Schwarzmeerregion mit Störungen bei den Exportströmen. Sollten die großen Ernten in Black-Sea nicht bald bewegt werden können, sind weitere Preissteigerungen möglich.

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