Neue Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Milchkühen
Die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) hat im Herbst 2023 neue Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Milchkühen vorgestellt. Diese lösen nach über 20 Jahren die GfE-Empfehlungen aus 2001 ab und stellen ein völlig neues Konzept der Energie- und Proteinbewertung dar. Die Präsentationen des Workshops in Hohenheim zur Bekanntgabe der neuen Versorgungsempfehlungen finden Sie auf der Website der GfE.
Mit der neuen Versorgungsempfehlung soll der tatsächliche Bedarf der Tiere genauer berücksichtigt und dem gestiegenen Leistungsniveau der Milchkühe besser entsprochen werden. Durch die Orientierung an englischsprachigen Begriffen und den entsprechenden Abkürzungen, soll das System international vergleichbarerer und leichter anwendbar sein.
1. Protein
Bei der Proteinversorgung erfolgt der Fokus auf die am Dünndarmende absorbierten Aminosäuren (sidAA). Für die Bewertung wird zukünftig daher das dünndarmverdauliche Protein (sidP) als zentrale Kenngröße genutzt. Dieses setzt sich zusammen aus der Summe der Aminosäuren des mikrobiellen Rohprotein (MCP) und der Aminosäuren des unabgebautem Rohprotein im Pansen (UDP), welche am Dünndarm absorbiert werden. Hierbei werden die unterschiedlichen Dünndarmverdaulichkeiten der Aminosäuren von Futtermitteln berücksichtigt. Dies ermöglicht eine gezielte bedarfsgerechte Fütterung. Die Parameter Rohprotein (XP) und nutzbares Rohprotein (nXP) werden dabei nicht mehr angewandt. Die Ruminale Stickstoffbilanz (RNB) als Information für die Stickstoffversorgung im Pansen und damit die mikrobielle Proteinsynthese wird durch die Ruminale Mikrobielle Differenz ersetzt, mit der die Differenz des im Pansen abgebauten Rohproteins (RDP) und des mikrobiellen Rohproteins abgebildet wird.
2. Energie
Für die Beschreibung des Energiegehaltes der Futtermittel entfällt der bisherige Parameter Netto-Energie-Laktation (NEL), dieser wird durch den Parameter Umsetzbare Energie (ME) ersetzt. Der Begriff ME ist dabei kein unbekannter, er findet sich auch schon auf bisherigen Futterattesten der Labore. Allerdings ist die „alte“ ME nicht 1:1 mit der „neuen“ ME vergleichbar, da im neuen System die Verdaulichkeit der organischen Masse berücksichtigt wird. Allgemein folgt eine systematische Trennung der Energiebewertung zwischen Futtermittelbewertung und Bedarfsermittlung der Tiere. Der Erhaltungsbedarf und Leistungsbedarf der Tiere wurden auch korrigiert und besser angenähert an die tatsächlichen Bedarfe.
3. Strukturversorgung
Eine weitere Neuerung betrifft die Strukturversorgung, hier wird der Parameter Rohfaser durch die physikalisch effektive Neutrale-Detergienz-Faser (peNDF) ersetzt. Hierbei wird zugrunde gelegt, dass insbesondere die Partikelfraktionen > 8 mm im Rahmen der Schüttelbox (Penn State Particle Separator) eine ausgeprägte Strukturwirkung haben, die Wiederkauaktivität sowie Speichelproduktion und damit den Pansen-pH maßgeblich beeinflussen. Für die Empfehlung der Zielwerte des Parameters peNDF in der Ration wird zugrunde gelegt, dass der mittlere pH-Wert im Pansen von ca. 6,2 nicht unterschritten werden soll, hierfür wird die Trockenmasseaufnahme der Tiere und die Stärkekonzentration der Ration benötigt.
4. Futteraufnahmeniveau
Als gänzlich neue Kenngröße wird in Zukunft bei den Rationsberechnungen das Futteraufnahmevermögen (FAN) der Kühe Berücksichtigung finden. Dabei wird beim FAN mit einer Bandbreite von 1 bis 4,5 gerechnet. Zugrundeliegende Überlegung ist, dass sich mit zunehmender Trockenmasseaufnahme eine höhere Passagerate verbunden ist. Vereinfacht lässt sich der Sachverhalt zusammenfassen – je mehr das Tier frisst – desto schneller „fließt“ das Futter durch das Verdauungssystem – desto weniger Zeit steht für den „Aufschluss“ des Futterbreis zur Verfügung mit einer in der Folge geringeren Energieausbeute und einem reduzierten Proteinabbau im Pansen. Die Ausweisung der Verdaulichkeit der organischen Masse (OMD) ist ebenfalls in diesem Zusammenhang zu sehen. Höhere Verdaulichkeiten der organischen Masse bedeuten eine höhere Energieverfügbarkeit.
Weitere Schritte und Informationen
Das neue System der Energie- und Nährstoffversorgung für Milchkühe stellt eine erhebliche Umstellung dar. Durch die konsequente Trennung von Futterwert und Bedarf kann Grobfutter besser bewertet und der tatsächliche Bedarf der Kühe besser berücksichtigt werden. Der neueste Stand der internationalen Forschung wird berücksichtigt und ist in neuen Erkenntnissen in das System aufgenommen worden.
Die umfassende Umstellung der Empfehlungen ist im vollen Gange, dabei müssen eine Vielzahl von Bereichen bearbeitet und beachtet werden. Mit der Veröffentlichung der vollständig überarbeiteten neue Futterwerttabellen der DLG und den beiden neuen Leitfäden zur Berechnung der Energiekonzentration und zur Proteinbewertung und -versorgung von Milchkühen sind weitere Meilensteine erreicht und allgemein zugänglich. Im Hintergrund wird an der Anpassung und Anwendung neuer Analysemethoden und der Neugestaltung von Rationsberechnungsprogrammen gearbeitet.
Aufbauend auf die aktuellen Veröffentlichungen, erfolgt die Erstellung bundeseinheitlicher Unterlagen die zielgruppenorientiert für die Schulung von Multiplikatoren und Anwendern – wie beispielsweise Berufsschullehrern oder Beratern – eingesetzt werden sollen. Realistisch ist eine flächendeckende Analyse der Grundfuttermittel nach dem neuen System ab dem 1. Schnitt des kommenden Jahres mit darauf aufbauender Rationsberechnung und -kontrolle.

