Sodagrain – mehr beständige Stärke aus eigenem Getreide?
Chancen und Grenzen für Milchviehbetriebe
Sodagrain kann die Stärkeverfügbarkeit von Getreide verändern und gleichzeitig eine Möglichkeit zur Konservierung darstellen. Doch das Verfahren hat auch klare Grenzen. Worauf Milchviehhalter achten sollten.
Getreide ist aus der Milchviehfütterung kaum wegzudenken. Gerade bei hohen Milchleistungen stellt Getreide eine wichtige Energiequelle dar. Gleichzeitig kann ein hoher Anteil schnell verfügbarer Stärke die Pansenfermentation stark belasten. Durch die Behandlung von Getreide mit Natronlauge wird die Kornstruktur verändert. Dadurch kann sich die Stärkeverfügbarkeit verschieben: Ein größerer Anteil der Stärke steht nicht unmittelbar für die Pansenfermentation zur Verfügung, sondern kann als beständige Stärke den Dünndarm erreichen.
Für Milchviehbetriebe stellt sich deshalb die Frage, ob Sodagrain eine interessante Alternative zu herkömmlich aufbereitetem Getreide oder anderen stärkereichen Futtermitteln sein kann.
Was ist Sodagrain?
Bei Sodagrain handelt es sich um mit Natronlauge behandeltes Feuchtgetreide. In der Praxis werden beispielsweise Gerste, Weizen oder Triticale eingesetzt. Das Getreide wird mit Natronlauge und Wasser vermischt. Durch die alkalische Behandlung wird die Struktur des Getreidekorns verändert und gleichzeitig das Getreide konserviert.
Ein wesentlicher Unterschied zu herkömmlich aufbereitetem Getreide besteht darin, dass die Körner nicht geschrotet oder gequetscht werden müssen. In Praxisempfehlungen werden für Milchkühe Einsatzmengen von bis zu etwa 5 kg Sodagrain je Tier und Tag beschrieben. Der interessante Effekt für die Milchviehfütterung liegt jedoch weniger in der Konservierung als in der veränderten Stärkeverfügbarkeit.
Beständige Stärke als entscheidender Vorteil
Stärke ist nicht gleich Stärke. Entscheidend ist, wie schnell sie im Pansen abgebaut wird und welcher Anteil den Dünndarm erreicht. Bei sehr schnell fermentierbarer Stärke kann die mikrobielle Fermentation im Pansen stark ansteigen. Insbesondere bei hohen Stärkegehalten der Gesamtration kann dadurch das Risiko einer Acidose steigen.
Durch die Sodagrain-Behandlung kann der Stärkeabbau im Pansen verlangsamt werden. Dadurch kann ein größerer Anteil der Stärke den Dünndarm erreichen und dort zur Glucoseversorgung beitragen. Untersuchungen zeigen, dass Sodagrain im Vergleich zu reinem Gerstenschrot zu einer geringeren Belastung durch eine azidotische Stoffwechsellage beitragen kann. Gleichzeitig muss die Ration weiterhin ausreichend schnell verfügbare Energie für die Pansenmikroben bereitstellen.
Sodagrain ist deshalb nicht einfach „besseres Getreide“, sondern ein Getreide mit einer anderen Stärkecharakteristik. Die mögliche Verschiebung von schnell verfügbarer zu beständiger Stärke ist insbesondere für leistungsstarke Milchviehrationen interessant, darf aber nicht dazu führen, dass die schnell verfügbare Energie für die Pansenmikroben zu knapp wird.
So wird Sodagrain hergestellt
Für die Herstellung wird Getreide mit Natronlauge und Wasser vermischt. Das Verfahren erfordert geeignete Mischtechnik und eine ausreichend große, befestigte Fläche. Nach dem Vermischen erwärmt sich das Material und muss zunächst auskühlen, bevor es eingelagert werden kann. Für die Abkühlphase wird eine maximale Schütthöhe von 0,3 m empfohlen. Unter geeigneten Bedingungen kann Sodagrain bis zu einem Jahr unter Dach gelagert werden.
Die Herstellung ist daher nicht als einfacher zusätzlicher Arbeitsschritt zu betrachten. Neben der Futterqualität spielen eine exakte Dosierung, geeignete Lagerbedingungen und der Arbeitsschutz eine wichtige Rolle. Natriumhydroxid ist stark ätzend; entsprechend müssen geeignete Schutzausrüstung und klare Arbeitsanweisungen vorgesehen werden.
Informationen zur Herstellung finden Sie im Merkblatt der LfL Bayern.
Natrium und DCAB mitdenken
Die Natronlauge bringt einen erheblichen Anteil Natrium in die Ration. Das ist einer der wichtigsten Punkte, die beim Einsatz von Sodagrain berücksichtigt werden müssen. Bei beispielsweise 5 kg Sodagrain täglich ist deshalb die gesamte Natriumversorgung der Ration zu betrachten – einschließlich Grundfutter, Sodagrain, Mineralfutter, Natriumbicarbonat und weiterer natriumhaltiger Komponenten.
Ein hoher Natriumeintrag kann außerdem den Wasserbedarf erhöhen. Wer Sodagrain einsetzt, muss deshalb sowohl die Natriumversorgung als auch die Wasserversorgung der Herde im Blick behalten. Für die Rationsberechnung ist zusätzlich die Kationen-Anionen-Bilanz (DCAB) relevant, da Natrium die DCAB erhöht. Das ist in der Laktationsfütterung nicht grundsätzlich problematisch, muss aber in der Gesamtration berücksichtigt werden.
Besonders bei Trockenstehern und Transitkühen gelten andere Anforderungen an die Mineralstoffversorgung und insbesondere an die DCAB. Sodagrain sollte deshalb nicht ohne erneute Rationsberechnung aus der Laktationsration in die Trockensteherfütterung übernommen werden.
Vorteile und Nachteile auf einen Blick
| Vorteile | Nachteile | Zu beachten |
|---|---|---|
| möglicherweise höherer Anteil beständiger Stärke | zusätzlicher Natriumeintrag | Gesamtration neu berechnen |
| weniger schnell fermentierbare Stärke | höherer Wasserbedarf | Wasserversorgung sichern |
| kein Schroten/Quetschen notwendig | Herstellung arbeits- und sicherheitsintensiv | geeignete Technik und Arbeitsschutz |
| Konservierung von Feuchtgetreide | DCAB kann steigen | besonders bei Trockenstehern beachten |
| Nutzung betriebseigenen Getreides | nicht für jede Ration geeignet | ausreichend schnell verfügbare Energie sicherstellen |
Wann lohnt sich eine genauere Prüfung?
Sodagrain kann insbesondere dann interessant sein, wenn mehrere der folgenden Punkte zutreffen:
- Eigenes Getreide ist vorhanden
- Die Herde weist eine hohe Milchleistung auf
- Die Ration enthält bereits relativ viel schnell fermentierbare Stärke
- Ein höherer Anteil beständiger Stärke ist erwünscht
- Eine geeignete Misch- und Lagertechnik ist vorhanden
- Die Natriumversorgung der Ration lässt ausreichend Spielraum
- Die Wasserversorgung der Kühe ist sehr gut
- Die Herstellung kann arbeitssicher durchgeführt werden
Treffen dagegen bereits mehrere kritische Punkte zu sollte von einem Einsatz abgesehen beziehungsweise die Ration zunächst grundlegend überprüft werden.
Was kostet Sodagrain wirklich?
Bei der Wirtschaftlichkeitsberechnung reicht es nicht, lediglich den Preis für Natronlauge zu betrachten. In die Kalkulation gehören Natronlauge, Wasser, Arbeitszeit, Mischwageneinsatz, Lagerfläche, Arbeitsschutz und gegebenenfalls zusätzliche Technik. Mögliche Einsparungen können bei den Kosten für Schroten oder Quetschen, bei der Trocknung von Feuchtgetreide oder bei anderen Stärkequellen liegen.
Damit wird deutlich: Sodagrain ist nicht allein aufgrund der Herstellungskosten wirtschaftlich oder unwirtschaftlich. Entscheidend ist der Effekt auf die gesamte Ration.
Fazit
Sodagrain kann für Milchviehbetriebe ein interessantes Instrument sein, um eigenes Getreide zu konservieren und gleichzeitig die Stärkeversorgung der Milchkuh zu beeinflussen. In Zeiten einer geringen Maisernte mit geringer Qualität kann Sodagrain die Stärke- und Energieversorgung unterstützen – es ersetzt aber nicht die fehlende Grundfuttermenge.
Der wesentliche fütterungstechnische Vorteil liegt in der möglichen Verschiebung der Stärkeversorgung hin zu einem höheren Anteil beständiger Stärke. Dies kann insbesondere bei leistungsstarken Kühen interessant sein, wenn die Ration bereits einen hohen Anteil schnell verfügbarer Stärke aufweist. Dem stehen der zusätzliche Natriumeintrag, der erhöhte Wasserbedarf sowie die Anforderungen an Herstellung, Lagerung und Arbeitsschutz gegenüber.
Wir beraten Sie!
Für die Praxis gilt deshalb: Nicht die Frage „Wie viel Sodagrain kann ich füttern?“ sollte am Anfang stehen, sondern „Welche Stärkeversorgung braucht meine Herde – und welchen Platz kann Sodagrain darin einnehmen?“ Eine Rationsberechnung vor dem Einsatz und eine Kontrolle der Ration nach der Umstellung sind deshalb sinnvoll. Die Beratungskräfte für Tierhaltung stehen Ihnen dabei zur Verfügung.
Quellen
[1] Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): „Auswuchsgetreide und die Konsequenzen für die Fütterung“, Abschnitt „Konservierung mit Natronlauge (Sodagrain)“. Angaben zu Herstellung, Abkühlung, Lagerung und Einsatzmenge.
[2] Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft: „NaOH-behandeltes Getreide“. Versuchsergebnisse zu Pansen-pH, azidotischer Stoffwechsellage und Natriumversorgung.
[3] LfL: „Körnermais oder Weizen – Eine Frage der Kohlenhydratversorgung“. Grundlagen zur Geschwindigkeit des Stärkeabbaus, beständiger Stärke und Azidoserisiko.