Nachsaaten im Grünland – sind Herbstnachsaaten sinnvoll?

Die hohen Temperaturen und vor allem die geringen Niederschläge haben in vielen Regionen von Hessen im Grünland deutliche Spuren hinterlassen. Insbesondere auf grundwasserfernen Standorten waren teilweise schon beim zweiten Aufwuchs erhebliche Einbußen durch Trockenschäden zu verzeichnen. Sind Schäden im Grünland aufgetreten, sollten Nachsaaten eingeplant werden, um die Leistungsfähigkeit des Grünlands wiederherzustellen und ein Einwandern von Problemarten zu verhindern.

Den richtigen Zeitpunkt wählen

Gelbblühendes Jakobskreuzkraut auf einer trockenen Weide, im Hintergrund sind Wälder
Durch eine anhaltende Trockenheit bleibt das Grünland im Wuchs zurück. Trockenheitsverträgliche Arten können sich nun leicht ausbreiten. Dazu gehört u.a. das Jakobskreuzkraut.

Sind etwa durch Trockenheit Lücken in der Grünlandnarbe entstanden, sollten diese möglichst noch im Sommer, spätestens aber im Herbst, durch eine Nachsaat geschlossen werden. Ansonsten können sich Unkräuter und Ungräser schnell in den lückigen Beständen ausbreiten. Sind allerdings keine nennenswerten Niederschläge in Sicht, heißt es abwarten. Denn das Risiko, dass die Nachsaat zu diesem Zeitpunkt misslingt, ist dann groß. Zudem lassen sich die Schäden im Grünland erst wirklich abschätzen, wenn die Narbe nach den Niederschlägen wieder vital geworden ist.

Grüne Ampferpflanze mit Samenständen auf einer vertrockneten Weide
Durch eine anhaltende Trockenheit bleibt das Grünland im Wuchs zurück. Trockenheitsverträgliche Arten können sich nun leicht ausbreiten. Dazu gehört u.a. Ampfer.

Allgemein gilt: Eine Nachsaat kann zwar während der gesamten Vegetationszeit durchgeführt werden, je nach Standort sollte man den Zeitpunkt aber sehr genau wählen:

Bei Schäden aus dem Winter oder für hauptsächlich sommertrockene Lagen empfiehlt sich die Nachsaat im Frühjahr, um die Restfeuchte aus dem Winter zu nutzen. In vielen Mittelgebirgsregionen ist die Nachsaat nach der ersten oder zweiten Nutzung besser geeignet, denn durch die regelmäßigen Kälteeinbrüche im April bleiben die neu eingesäten Pflänzchen sonst im Wachstum zurück und werden durch die Altnarbe zu schnell überwachsen. Bei Trockenheit in der Vegetationsperiode kann eine Nachsaat im Spätsommer die bessere Wahl sein: im Spätsommer oder Herbst unterstützen die nächtliche Taubildung und Tagestemperaturen unter 25°C den Keimprozess. Daher sollte der optimale Saatzeitpunkt vor dem Einsetzen des Regens im Herbst nicht verpasst werden. Grundsätzlich können Nachsaaten in Mittelgebirgslagen häufig problemlos noch bis Mitte/Ende September hinein erfolgen. In den Niederungslagen sind Nachsaaten teilweise noch bis Anfang/Mitte Oktober durchführbar. Vor Winter sollten die nachgesäten Gräser jedoch die Möglichkeit haben, noch das Dreiblatt-Stadium zu erreichen. Späte Nachsaaten können funktionieren, es steigt damit allerdings auch das Risiko von Auswinterungsschäden.

Welche Maßnahme zur Grünlandverbesserung?

Um die richtige Maßnahme zu treffen, müssen die Grünlandbestände genau kontrolliert werden. Es bedarf meist situations- und einzelflächenbezogener Empfehlungen, denn die Schadenssituation auf dem Grünland kann sich regional sehr unterschiedlich darstellen.

Ein Anhaltspunkt bei der Entscheidung, ob eine Übersaat, eine Nachsaat oder eine Neuansaat durchgeführt werden sollte, bietet der Lückenanteil bzw. der Unkrautbesatz einer Fläche. Bei einem Lückenanteil/Unkrautanteil von >20 % sollte durch eine Nachsaat eine Bestandverbesserung erfolgen. Dazu sind Saatstärken von 20 bis 25 kg/ha notwendig. Bei einem Lückenanteil/Unkrautanteil von <20 % ist hingegen eine Übersaat ausreichend. Die Übersaat dient vorbeugend dem Schließen von Lücken bei Flächen, die einen erhaltungswürdigen Grünlandbestand haben. Somit benötigt man geringere Saatstärken von 5 bis 10 kg/ha.

Tabelle 1: Die Maßnahme hängt von der Schädigung der Grasnarbe ab

Lücken-UnkrautanteilMaßnahme
bis 20 %Übersaat
mehr als 20 %Nachsaat
deutlich mehr als 50 % (je nach Standort mehr)Neuansaat

Eine Totalerneuerung durch Neuansaat kommt wegen des hohen Aufwandes und des großen Ansaatrisikos nur bei sehr starker Verunkrautung auf Flächen in Betracht, deren Restbestand nicht zu erhalten ist. Sie sind erst ab einem Lücken-/Unkrautanteil von deutlich über 50 % überhaupt in Erwägung zu ziehen. Beispielsweise wenn die Narbe nach selektiver Bekämpfung im Wesentlichen aus minderwertigen Arten besteht (>70 %), sodass die Nachsaat wenig wirksam ist. Eine Ansaat im Frühjahr galt bei einer Neuansaat häufig als am sichersten. Durch zunehmende Frühjahrstrockenheiten ist der Zeitpunkt der Neuansaat inzwischen je nach Standort allerdings mit Bedacht zu wählen.

Bevor Pflegemaßnahmen durchgeführt werden, müssen eventuelle Auflagen und Bewirtschaftungsverträge geprüft werden. Häufig müssen Einzelfallentscheidungen getroffen werden, um abgestimmte Handlungsanleitungen zu erstellen. Der Umbruch von Grünland ist genehmigungspflichtig.

Technikeinsatz bei der Nachsaat

Nachsaaten müssen sich gegen die Konkurrenz der alten Narbe durchsetzen und sind umso erfolgsversprechender, je lückiger die alte Narbe ist. Daher ist zu prüfen, ob vorbereitend eine Unkrautbekämpfung stattfinden muss. Bei verfilzten Narben trägt daher unter anderem die Technik entscheidend zum Nachsaaterfolg bei. Soll zum Beispiel die Gemeine Rispe zurückgedrängt werden, dann ist es erforderlich vor der Nachsaat mit dem Grünlandstriegel möglichst große Teile dieser leistungsschwachen Art herauszustriegeln und von der Fläche zu entfernen.

In bereits lückige Narben kann hingegen oft auch ohne vorherige Bearbeitung gesät werden. Für sogenannte Reparatursaaten werden häufig Scheiben- oder Schlitzdrillgeräte eingesetzt. Sie fördern das Einbringen der Saat in den Boden, sichern den Bodenkontakt und tragen damit entscheidend zum Erfolg der Maßnahme bei.

Bei der Artenwahl die Standortbedingungen berücksichtigen

Das Deutsche Weidelgras bleibt auch zukünftig unverzichtbar im Wirtschaftsgrünland und sollte dort, wo es aufgrund von Höhenlage und Wasserversorgung eine gute Anbaueignung hat, weiterhin für Neu- und Nachsaaten genutzt werden. Aufgrund der hohen Konkurrenzkraft, kann es sich gut gegen die Altnarbe durchsetzen und ist daher besonders gut für die Nachsaat geeignet. Die Qualitätsstandard Mischung (QSM) G V mit 25 % frühen, 25 % mittelspäten und 50 % späten Sorten hat sich für die Nachsaat bewährt.

Neben dem Deutschen Weidelgras können auch weitere Arten für die Über- oder Nachsaat eingesetzt werden. Aufgrund der geringeren Konkurrenzkraft gegenüber der Altnarbe ist die Erfolgschance allerdings teilweise geringer. Bei großen Lücken oder lückigen Beständen, wie z.B. nach starken Mäuseschäden oder nach Trockenschäden, haben weniger konkurrenzstarke Arten wie der Wiesenschwingel und das Wiesenlieschgras gute Chancen sich im vorhandenen Bestand erfolgreich zu behaupten. Auf sehr trockenen Standorten kann das Knaulgras ähnliches erreichen.

Auf besonders trockenheitsgefährdeten Standorten kann es außerdem im Hinblick auf den Klimawandel sinnvoll sein, mit der Artenwahl vorzusorgen und das Hauptaugenmerk etwa auf besonders trockenheitstolerante Arten zu legen.

Ausgewählte Arten im Kurzportrait

Das Knaulgras ist unter den ansaatwürdigen Gräsern die Art mit der besten Trockentoleranz. Für Standorte mit regelmäßigem Wassermangel ist es daher als bestandsbestimmende Art geeignet. Wichtig ist, dass späte Sorten zum Einsatz kommen. Zudem muss eine Knaulgraswiese zum Betriebsablauf passen, denn das Knaulgras sollte frühzeitig geschnitten werden, da es schnell altert und dann hohe Rohfasergehalte bildet. Bei einem verspäteten Schnitt leidet die Futterqualität. Diese Grasart wird bei Weidegang im späten Entwicklungsstadium schlecht gefressen. Unter Schnittnutzung kann das Knaulgras bereits bei einer mittleren Aussaatstärke dominierend werden.

Wiesenlieschgras ist sehr anpassungsfähig und eignet sich unter anderem für Standorte, die kurzfristig überflutet werden. Es ist nicht dürreresistent, aber sehr frostresistent und unempfindlich in rauen Klimalagen. Es ist daher auch für auswinterungsgefährdete Mittelgebirgslagen geeignet.

Wiesenschwingel gedeiht zwar am besten auf nährstoffreichen, frischen bis feuchten Lagen, ist aber auch verstärkt in Mittelgebirgslagen und auf saisonal trockenen Standorten anzutreffen. Nach Schnitt oder Weide ist er rasch im Nachwuchs mit 3 bis 4 Nutzungen im Jahr.

Der Rotklee kann normalerweise erfolgreich in eine bestehende Narbe etabliert werden. Allerdings sollte die Nachsaat nicht zu spät erfolgen. Da er nicht ausdauernd ist, muss er regelmäßig ergänzt werden, wenn er fester Bestandteil einer Grünlandnarbe sein soll. Der Rotklee verträgt keine Weide und ist eher für ein mittleres Nutzungsregime geeignet. Im Vergleich zu Gras ist er weniger empfindlich gegenüber Trockenheit.

Die Etablierung von Einzelarten kommt zum Beispiel dann in Betracht, wenn trockenheitsverträgliche Arten in den Bestand etabliert werden sollen. Neben der Nachsaat von Einzelarten, kann außerdem auch eine Ergänzung der Nachsaat-Mischung GV durch die genannten Arten sinnvoll sein. Die Saatmengen der Mischungen GV und ihre Änderung bleiben dabei gleich.

Sortenwahl nicht vernachlässigen

Die Bedeutung der Sortenwahl im Dauergrünland wird oft unterschätzt, obwohl sie entscheidend ist für Ausdauer, Ertrag und Ertragsstabilität. Die Sortenempfehlung der Mittelgebirgsländer erleichtert die Auswahl geeigneter Arten für den Mittelgebirgsraum.

Die Sortenempfehlungen basieren auf langjährigen Ausdauerprüfungen unter Praxisbedingungen. Die einzelnen Sorten der verschiedenen Grünland-Arten müssen sich in den Mischungen behaupten. Die Prüfungen werden von der Arbeitsgemeinschaft zur Koordinierung von Grünlandversuchen in Mittelgebirgslagen der Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Sachsen sowie der Wallonie und Luxemburg durchgeführt. Die Ergebnisse münden in die gemeinsame Sortenempfehlung der benachbarten „Mittelgebirgs-Länder“ und sind die Basis für Qualitäts-Standard-Mischungen (QSM) im Dauergrünland.

Hier geht es zu den aktuellen Sortenempfehlungen.

Ackerfuttergräser ins Grünland?

Insbesondere bei Futterengpässen stellt sich die Frage, ob die Einsaat von schnell wachsenden und ertragsstarken Ackerfuttergräsern in bestehende Grünlandbestände kurzfristig den Futterbedarf decken kann.

Um eine sichere Futterplanung zu gewährleisten, ist die Schaffung von Futterreserven notwendig. So kann auf kurze Phasen mit unsicherer Futterversorgung flexibel reagiert werden. Durch den Anbau von Ackerfutter wie Kleegras und Luzerne kann hochwertiges Grundfutter erzeugt werden. Die Einsaat von Ackerfuttergräser ins Dauergrünland ist dabei hingegen differenzierter zu betrachten. Denn für Nach- oder Neuansaaten im Sommer ist das Einjährige Weidelgras nicht zu empfehlen. Es wirkt stark verdrängend auf andere Gräser und wintert zudem insbesondere in Höhenlagen meist aus. So entstehen Lücken, in die unerwünschte Arten einwandern können. Auch Welsches Weidelgras ist für Nachsaaten nicht geeignet, denn es hat einen früheren Nutzungsrhythmus gegenüber den Gräsern des Dauergrünlandes. Ab dem zweiten Nutzungsjahr lässt die Ertragsleistung außerdem nach, sodass spätestens dann Lücken entstehen.

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