Maisabreife 2026 – Besonderheiten für die Milcherzeugung

Die anhaltende Trockenheit und gleichzeitig hohen Temperaturen stellen Milchviehbetriebe in Süd- und Mittelhessen in diesem Jahr vor erhebliche Herausforderungen. Besonders die Maisbestände haben vielerorts unter den fehlenden Niederschlägen gelitten. Zahlreiche Bestände zeigen einen geringen Wuchs und massiven Trockenstress. Dies führt zu einer schwachen Kolbenbildung und einer unzureichenden Kornfüllung. Auch in Nordhessen sind vereinzelt Südhänge und Standorte mit geringer Wasserspeicherfähigkeit betroffen. Die Folge sind geringere Trockenmasseerträge als auch ein niedrigerer Stärke- und Energieertrag. Denn bei geringem Kolbenanteil und schlecht ausgebildeten Körnern wird weniger Stärke eingelagert. Dadurch sinkt in der Regel auch die Energiekonzentration der Maissilage.
Wassermangel am Beispiel Mittelhessens
Die Niederschlagsdaten der Wetterstation Gießen/Wettenberg (Quelle: proplanta.de) verdeutlichen beispielhaft die außergewöhnliche Trockenheit während der Vegetationsperiode 2026. Während zu Beginn des Jahres noch Niederschlagsmengen vergleichbar zum Vorjahr registriert wurden, entwickelte sich insbesondere ab April ein deutliches Defizit. Die bisherige Summe für 2026 beträgt 297,2 mm, verglichen mit 379,8 mm im selben Zeitraum 2025.
Damit fehlen gegenüber dem Vorjahr 82,6 mm Niederschlag. Dies entspricht einem Rückgang von rund 22 %. Besonders gravierend ist jedoch nicht allein die Gesamtsumme, sondern die zeitliche Verteilung der Niederschläge.
Die Situation in Südhessen stellt sich ähnlich dramatisch da. In Höchst-Annelsbach (Quelle: proplanta.de) fielen 2026 bislang 315 mm Niederschlag, gegenüber 371 mm im Jahr 2025. Vom 1. April bis zum 31. Juli 2026 wurden lediglich 111 mm Niederschlag gemessen. Dies entspricht 47 % der Regenmenge des Vorjahres. Das erhebliche Niederschlagsdefizit der letzten Monate hat in Südhessen zu erheblichen Wachstumsdepressionen bei Mais und auch auf dem Grünland geführt.



Die entscheidende Phase für den Mais war außergewöhnlich trocken
Der Wasserbedarf von Silomais steigt ab dem Schossen deutlich an und erreicht während der Blüte sowie der Kolben- und Kornentwicklung seinen Höhepunkt. Gerade in dieser Phase kam es 2026 zu einem massiven Niederschlagsdefizit.
Während im Juli 2025 rund um Gießen noch 87,6 mm Niederschlag fielen, wurden im Juli 2026 lediglich 7,1 mm registriert. Den Beständen standen damit während ihrer empfindlichsten Entwicklungsphase in der betroffenen Region nur etwa 8 % der Niederschlagsmenge des Vorjahres zur Verfügung.

Gleichzeitig lagen die Temperaturen in Hessen deutlich über dem Durchschnitt. Der Deutsche Wetterdienst bezeichnete den Juli 2026 voraussichtlich als den trockensten Monat seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Hessen. Hohe Temperaturen und außergewöhnlich viele Sonnenstunden führten zudem zu einer sehr hohen Verdunstung und verschärften den Trockenstress der Pflanzen erheblich. Unter diesen Bedingungen sind Prognosemodelle zur Maisabreife ungeeignet, da diese immer von einer Maispflanze mit Kolben ausgehen und keine hitze- und trockenheitsbedingte Abreife darstellen können.
Futterqualität frühzeitig bewerten
Vor dem Hintergrund der diesjährigen Witterung sollte die Qualität der Maissilage bereits am Ausgangsmaterial eingeschätzt werden. Sichtungen zeigen, dass die Kolbenbildung sehr gering oder gänzlich ausgeblieben ist. Vermeintliche Kolben entpuppen sich beim näheren Betrachten lediglich als Lieschblätter ohne eine akzeptable Spindel- oder Körnerausbildung. Der Futterwert der Silage wird dadurch wesentlich stärker beeinträchtigt als der reine Masseertrag. Ein voreiliges Häckseln kann jedoch nicht empfohlen werden. Weist die Einzelpflanze noch mehr als die Hälfte grüne Blattfläche auf, ist sie in der Lage ihren Stoffwechsel aufrecht zu erhalten und Stärke einzulagern. Zeigt die Maispflanze nach der Nacht, anders als am Vortag, keine eingerollten Blätter mehr wie am Vortag so besteht noch Hoffnung.
Diese intensive Betrachtung der Bestände sollte gerade jetzt alle zwei bis drei Tage in den Morgenstunden erfolgen.
In den nächsten Tagen werden die Beratungskräfte des LLH regional mit der Probenahme verschiedener Maisbestände beginnen, um eine Bonitur und die Trockenmassebestimmung vorzunehmen. Die Ergebnisse erhalten Sie in den Futterbau-Beratungsinfos für Süd- und Nordhessen.
Sollte nicht der gesamte Bestand gleichmäßig betroffen sein, sondern eher Teilstücke wie Ränder, Südhänge, schwächere Bodenbonitäten mit Konkurrenz durch andere Pflanzen, muss genau überlegt werden, welche Situation im gewichteten Durchschnitt auf der Fläche herrscht, um zu verhindern, dass die Gesamtfläche unter dem Strich zu früh geerntet wird. Die Problematik besteht nicht darin, einen „passenden“ Erntetermin oder die passende Häckslereinstellung für einzelne Pflanzen zu finden, sondern den Gesamtbestand des Schlages im Durchschnitt
richtig zu bewerten. Um sich einen Überblick zu verschaffen kann ggf. der Einsatz einer Kameradrohne hilfreich sein.
Derzeitige Handlungsempfehlungen
| Situation im Bestand | Empfehlung |
|---|---|
| Pflanzen noch überwiegend grün, Kolben vorhanden | Bestand weiter beobachten und abreifen lassen. |
| Kleine Kolben mit wenigen Körnern | Nicht vorschnell häckseln. Weitere Stärkeeinlagerung nutzen. |
| Pflanzen vollständig vertrocknet, keine Kolben | Frühzeitig als Silomais ernten; geringe Energiekonzentration einkalkulieren. |
| Sehr geringe Stärkegehalte zu erwarten | Silage analysieren und Ration neu berechnen. |
| Futterlücke absehbar? | Vorräte quantifizieren. Evtl. Grobfutter- und Energiefuttermittel beschaffen, bevor sich der Markt weiter verknappt. |
Steht die Entscheidung fest, Schläge zu häckseln, ist in abgestorbenen Beständen mit einem erhöhten Trockenmassegehalt zu rechnen. Um grobstückiges, trockenes Häckselgut zu vermeiden, ist die Häcksellänge nach der Feststellung der Trockenmasse anzupassen. Bei mehr als 26 % TS ist die Verdichtung erschwert. Empfohlen wird der gezielte Einsatz eines geeigneten Siliermittels. Zur Berechnung des benötigten Walzgewichtes dient das Praxistool Fütterungscontrolling auf Seite 34.
Qualität der Silage analysieren
Entscheidend ist eine Untersuchung der späteren Maissilage auf ihren Futterwert. Nur auf dieser Grundlage können Rationen bedarfsgerecht angepasst werden. Gleichzeitig empfiehlt sich eine frühzeitige Futtervorratsplanung. Die vorhandenen Grobfuttervorräte sollten erfasst und dem Bedarf aller Tiergruppen gegenübergestellt werden. Erst dadurch wird deutlich, ob die betriebseigenen Vorräte bis zur nächsten Ernte ausreichen oder ob frühzeitig Zukauffutter eingeplant
werden muss. In Regionen, die unter anhaltendem Wassermangel leiden, sind die Möglichkeiten des Grundfutterzukaufs sehr begrenzt.
Ausgehend von den im Betrieb zur Verfügung stehenden Silage- und Heu- bzw. Strohmengen, die möglichst genau erfasst werden müssen, erfolgt die Verteilung auf die einzelnen Tiergruppen (Jungvieh, Mastvieh, Milchkühe) und Leistungsgruppen (trockenstehende, frisch laktierende, altmelkende Kühe) vorgenommen. Nutzen Sie dazu das digitale und kostenfreie Praxistool Fütterungscontrolling des LLH.
Hilfestellung geben Ihnen ebenfalls Ihre vor Ort tätigen Beratungskräfte für Tierhaltung.
Die auf dem Betrieb vorhandenen Futtermengen werden dem Bedarf der Tiere gegenübergestellt und der Überschuss bzw. der Fehlbedarf ermittelt. Erst danach kann bilanziert werden, welche Mengen der jeweiligen betriebseigenen Futtermittel zur Verfügung stehen bzw. welcher Fehlbedarf auftritt, der durch Zukauf ersetzt werden muss.
Wird vorzeitig geernteter Mais im Silostock unter dem später geernteten Mais siliert und später entnommen, ist darauf zu achten, dass die tägliche Entnahme gleichmäßig über die volle Höhe des Silostockes erfolgt. Erfahrungen aus den trockenen Jahren, beispielsweise 2003, zeigen, dass sich im vorzeitig geernteten Mais hohe Nitratgehalte befinden, was letztendlich zu stark schwankenden Harnstoffwerten in der Milch führt. Dies belastet den Stoffwechsel der Milchkühe in hohem Maße.
Energieverluste gezielt ausgleichen
Fällt der Stärkegehalt der Maissilage geringer aus als üblich, muss die Energieversorgung der Milchkühe überprüft werden. Dabei sollte nicht allein die Kraftfuttermenge erhöht werden. Eine übermäßige Verdrängung strukturwirksamer Grobfutterbestandteile erhöht das Risiko von Pansenstörungen. Vielmehr ist die Gesamtration hinsichtlich Energie, Rohprotein, Struktur, Mineralstoffen und Spurenelementen neu zu bewerten und entsprechend abzustimmen.
Je nach betrieblicher Situation können alternative Futtermittel wie Pressschnitzel, Biertreber, Kartoffelprodukte, Luzerne oder weitere geeignete Nebenprodukte dazu beitragen, Energie- oder Eiweißlücken zu schließen. Ihr Einsatz muss jedoch immer unter Berücksichtigung der jeweiligen Nährstoffgehalte sowie der notwendigen Strukturversorgung erfolgen. Industrielle Nebenprodukte können strukturwirksames Grobfutter nur in begrenztem Umfang ersetzen.
Grobfutter gezielt einsetzen
In Jahren mit knappen Grobfuttervorräten gewinnt eine gezielte Verteilung der vorhandenen Futtermittel an Bedeutung. Hochleistende Kühe sollten bevorzugt mit qualitativ hochwertigem Grundfutter versorgt werden. Für trockenstehende Tiere sowie ältere Jungrinder können – abhängig von der Rationsgestaltung – höhere Strohmengen eingesetzt werden, sofern die fehlenden Nährstoffe gezielt ergänzt werden. Zusätzlich empfiehlt sich eine Einteilung der Milchkühe in Leistungsgruppen, um die vorhandenen Futterressourcen möglichst effizient einzusetzen.
Fazit
Die außergewöhnliche Trockenheit des Jahres 2026 macht deutlich, wie wichtig eine frühzeitige Anpassung der Fütterungsstrategie ist. Niedrige Stärkegehalte im Mais erfordern eine konsequente Kontrolle der Futterqualität sowie eine sorgfältige Rationsplanung. Durch eine rechtzeitige Futtervorratsplanung, die gezielte Nutzung vorhandener Grobfutterressourcen und den bedarfsgerechten Einsatz ergänzender Futtermittel kann auch unter schwierigen Witterungsbedingungen eine wiederkäuergerechte Fütterung bestmöglich umgesetzt werden.