Resilienz in der Landwirtschaft – Wege aus Belastung und Krise
Resilienz stand im Mittelpunkt der 78. Landwirtschaftlichen Woche Nordhessen in der Stadthalle Baunatal. Der „Ökonachmittag“ am ersten Veranstaltungstag setzte dabei mit dem Titel „Resilienz in der Landwirtschaft – Wege aus Belastung und Krise“ bewusst einen persönlichen Akzent.
Besonders bewegend war der offene Beitrag von Christoph Rothaupt, der von seinem Burnout, seiner Depression und seinem Weg zurück berichtete. Inzwischen ist er landwirtschaftlicher Unternehmer und hat ein bewusstes Verhältnis zu seinen eigenen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Grenzen entwickelt. „Nein-Sagen ist Selbstschutz“, betonte er. Es sei ihm wichtig, diese Erfahrungen weiterzugeben, denn „der Weg zurück ist mühsam und erfordert die Bereitschaft, das eigene Leben zu verändern und alte Verhaltensmuster zu durchbrechen. Trotzdem geht es um unser Leben – und das sollte es wert sein.“
In der anschließenden Gesprächsrunde berichteten zwei Landwirtspaare, wie sie aus Dauerüberforderung und gesundheitlichen Krisen herausfanden.
Die Familie Platzdasch gab nach zwei Herzinfarkten mit 41 und 42 Jahren als erste Maßnahme die Tierhaltung auf, um den Arbeitsaufwand zu reduzieren. In der akuten Krise unterstützten sie Mitmenschen; nachhaltig verändert habe sich vor allem das Bewusstsein für notwendige Pausen und gemeinsame Zeit zu zweit.
Bei Familie Theo Blom und Betty Bootsmann geriet der Gemüsebaubetrieb aufgrund unvorhergesehener externer Ereignisse, unter anderem in Folge der Corona-Pandemie, in eine finanzielle Schieflage und beinahe in Insolvenz. Unterstützung erhielten sie durch einen Berater und vor allem durch sehr offene Kommunikation – sowohl intern als auch mit Lieferanten. Betty Bootsmann erstellte wöchentliche Liquiditätspläne und informierte alle relevanten Partner regelmäßig über die Situation und Fortschritte. Diese Offenheit ermöglichte auch die Kooperation mit einem zweiten Gemüsebaubetrieb.
Für beide Betriebe spielt die Höhe des Fremdkapitals eine wichtige Rolle, da sie mit der Verpflichtung zu Leistung und Erfolg einhergeht. Beide Familien haben ihre Fremdkapitalquote reduziert und achten bei Investitionen darauf. Zudem ist für Familie Blom/Bootsmann die Trennung von Ehe und betrieblichem Alltag von großer Bedeutung. Ein zentrales Stichwort ist „Unternehmerwohl“ – kleine Pausen zwischendurch und mehr gemeinsame Zeit zu zweit sind nun feste Bestandteile ihres Alltags.
Hilfe in der Krise
Unterstützungsangebote des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) stehen in akuten Belastungssituationen bereit, beispielsweise in Form von sozioökonomischer Beratung oder Mediationsangeboten. Um die gesamte Bandbreite von Krisen abzudecken, arbeiten verschiedene Fachbereiche innerhalb des LLH mit externen Partnern wie „Familie und Betrieb“ oder der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) zusammen. Darüber hinaus zeigte die Inklusionsberaterin Annkatrin Stieglitz, wie die Bereitstellung eines inklusiven Arbeitsplatzes den Betrieb in Krisensituationen resilienter machen kann.
Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet. Hier geht es zum Video auf YouTube.
Resilienz praktisch umsetzen
Die Veranstaltung verdeutlichte, dass Resilienz in der Landwirtschaft eine Kombination aus persönlicher, betrieblicher und sozialer Ebene ist. Wesentliche Erkenntnisse:
- Bewusstsein für eigene Grenzen und Selbstschutzmaßnahmen wie Pausen oder klare Aufgabenverteilung sind zentral.
- Offene Kommunikation innerhalb des Betriebs und mit Partnern kann Krisen abmildern und Kooperationen ermöglichen.
- Strukturierte finanzielle Planung und Reduzierung von Fremdkapital stärken die langfristige Stabilität.
- Externe Unterstützung und Beratung ergänzen persönliche Maßnahmen und machen Betriebe widerstandsfähiger. Siehe dazu: Psychosoziale & Krisen-Hilfen für Landwirte in Hessen
- Unternehmerwohl sollte bewusst in den Alltag integriert werden – kleine Pausen, Zeit zu zweit und klare Trennung von Privat- und Betriebsleben tragen wesentlich zur Resilienz bei.
- Notfallplanung: Ein gut gepflegter Notfallordner mit allen wichtigen Informationen kann besonders hilfreich sein, falls die Betriebsleitung kurzfristig ausfällt, und trägt so zur Stabilität des Betriebs bei.



























