Futtermangel in Milchviehbetrieben – jetzt frühzeitig gegensteuern

Die anhaltende Trockenheit stellt viele hessische Milchviehbetriebe derzeit vor große Herausforderungen. Ausbleibende Niederschläge und geringe Aufwüchse auf Grünland sowie vielerorts auch eine unterdurchschnittliche Entwicklung des Silomaises lassen erwarten, dass die betriebseigenen Grobfuttervorräte bis zur nächsten Ernte vielfach nicht ausreichen werden. Um Versorgungslücken zu vermeiden, sollten betroffene Betriebe bereits jetzt ihre Futterreserven erfassen und den voraussichtlichen Bedarf bis zur nächsten Ernte gegenüberstellen. Glücklich können sich Betriebe schätzen, deren Futtervorräte aus dem letzten Jahr nun zur Überbrückung dienen. Nach einer insgesamten Ermittlung der Erntemengen lässt sich frühzeitig erkennen, ob zusätzlicher Handlungsbedarf besteht und welche Maßnahmen wirtschaftlich sinnvoll sind.
1. Futterbilanz erstellen
Der erste Schritt besteht darin, sämtliche vorhandenen Futtervorräte möglichst genau zu erfassen. Anschließend werden die verfügbaren Mengen dem Bedarf der einzelnen Tiergruppen gegenübergestellt. Dazu kann das digitale und kostenfreie Praxistool Fütterungscontrolling des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) genutzt werden. So lässt sich rechtzeitig erkennen, ob und in welchem Umfang ein Futterdefizit entsteht. Je früher diese Bilanz erstellt wird, desto größer sind die Möglichkeiten, geeignete Maßnahmen einzuleiten oder Futter zu beschaffen.
2. Tierbestand überprüfen
Neben der Futtermenge sollte auch der Tierbestand kritisch bewertet werden. Gerade bei knappen Grobfuttervorräten kann es sinnvoll sein, den Remontierungsbedarf zu überprüfen. Dies kann leistungsschwächere Tiere betreffen, vielfach auffällige Einzelkühe mit Klauen- oder Eutererkrankungen oder auch den Bestand weiblicher Jungtiere. Werden parallel zum Milchkuhbestand noch Masttiere gehalten, so können eine geringere Zahl zu mästender Tiere oder ein früherer Abverkauf dem Grobfutterengpass positiv entgegenwirken. Ziel sollte sein, die vorhandenen Futterreserven in Zeiten des Mangels und bei knappem Milchpreis effizient einzusetzen und mit weniger Kühen eine zufriedenstellende Milchleistung zu erfüttern, anstatt mehr Kühe nicht leistungsgerecht versorgen zu können!
3. Laktation verlängern
In Betrieben mit akutem Grobfuttermangel kann bei geeigneten Kühen auch eine gezielte Verlängerung der Laktation eine Option sein. Dadurch werden weniger Kühe gleichzeitig in der futterintensiven Frühlaktation gehalten und der Bedarf an hochwertigem Grundfutter kann sinken. Voraussetzung ist jedoch eine tierindividuelle datenbasierte Auswahl. Nachweislich leistungsstarke und gesunde Kühe mit hoher Laktationspersistenz eignen sich hierfür am besten. Die Ergebnisse des von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) geförderten Projekts „VerLak“ zeigen, dass eine gezielte Verlängerung der Zwischenkalbezeit bei geeigneten Kühen erfolgreich umgesetzt werden kann und dabei Tiergesundheit und Milchleistung erhalten bleiben.
Tierindividuell ist datenbasiert zu entscheiden, welche Kuh in den nächsten Tagen und Monaten zwingend früh besamt werden muss.
4. Grobfutter gezielt einsetzen
Nicht alle Tiergruppen haben den gleichen Anspruch an die Futterqualität. Hochwertige Gras- und Maissilagen sind deshalb bevorzugt an Frischmelker und leistungsstarke Kühe zu verfüttern. Für Trockensteher, Kalbinnen und ältere Jungrinder können angepasste Sparrationen einen wertvollen Beitrag leisten, um hochwertige Grobfutterreserven gezielt zu schonen. Eine konsequente Einteilung nach Leistungsgruppen erleichtert dabei die bedarfsgerechte Fütterung.
5. Ersatzfuttermittel frühzeitig einplanen
Reichen die betriebseigenen Futtervorräte nicht aus, können geeignete Nebenprodukte oder alternative Futtermittel die Ration ergänzen. Je nach regionaler Verfügbarkeit kommen beispielsweise Biertreber, Pressschnitzel und Luzerne in Betracht. Natürlich kann der Zukauf von Mais- und Grassilage eine Option darstellen, die überregional von Bedeutung sein kann. Hierzu sollte zuvor eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung erfolgen. Industrielle Nebenprodukte helfen, Grobfutter einzusparen, ersetzen jedoch strukturwirksames Grundfutter nur begrenzt. Deshalb müssen sie immer sorgfältig in die Gesamtration integriert und hinsichtlich ihrer Wirtschaftlichkeit bewertet werden.
Hierzu stehen Ihnen die LLH-Beratungskräfte für Tierhaltung zur Rationsberechnung zur Verfügung.
6. Strukturversorgung nicht vernachlässigen
Auch unter den Bedingungen knapper Futterreserven bleibt eine wiederkäuergerechte Ration oberstes Gebot. Eine ausreichende Versorgung mit strukturwirksamer Rohfaser ist unverzichtbar, um die Pansenfunktion und Tiergesundheit zu erhalten. Beim Einsatz höherer Kraftfuttermengen oder strukturarmer Nebenprodukte muss deshalb auf einen ausreichenden Strukturanteil sowie auf eine bedarfsgerechte Versorgung mit Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen geachtet werden. Stroh kann insbesondere bei Trockenstehern und älteren Jungrindern einen wichtigen Beitrag leisten, sollte jedoch kurz gehäckselt und nur in ausgewogenen Rationen eingesetzt werden.
7. Futterqualität konsequent untersuchen
Nicht nur die verfügbare Futtermenge entscheidet über den Winter, sondern vor allem die Qualität des vorhandenen Futters. Gerade in Trockenjahren schwanken Energie-, Protein- und Rohfasergehalte erheblich. Deshalb sollten alle wesentlichen Grobfuttermittel möglichst früh analysiert werden. Auf Grundlage aktueller Untersuchungsergebnisse können Rationen präzise berechnet, unnötige Sicherheitszuschläge vermieden und vorhandene Futterreserven besser genutzt werden. Die Kosten einer Futteranalyse sind häufig deutlich geringer als die wirtschaftlichen Folgen einer unausgewogenen Ration.
8. Futterverluste minimieren
Absehbar geringere Mengen machen es umso wichtiger, jeden weiteren Verlust zu minimieren. Zum jetzigen Zeitpunkt betrifft dies vermeidbare Verluste durch Fehlgärungen bei mangelhafter Silierung. Nach dem Öffnen der Silostöcke kommen Veratmungsverluste durch zu geringen Vorschub hinzu. Nacherwärmung und Schimmelbildung führen zum Verwurf des Grundfutters. Nicht selten fällt beim Beladen des Futtermischwagens etwas daneben. Schnell haben diese nicht beachteten Grobfuttermengen den Wert einer stattlichen Pfandflasche – und diese haben wir gelernt, akribisch zu sammeln. Auch Futterreste am Futtertisch sollten regelmäßig kontrolliert werden. Bereits wenige Prozent geringerer Lagerungs- oder Fütterungsverluste können den Zukauf erheblicher Futtermengen vermeiden.
Weiterführend steht diese Veröffentlichung des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V. (KTBL) zur Verfügung:
https://www.ktbl.de/fileadmin/user_upload/Artikel/Pflanzenbau/Silomanagement/Silomanagement.pdf
9. Silomaisbestände regelmäßig kontrollieren
Viele Betriebe können in diesem Erntejahr nur eine unzureichende Menge und eine geminderte Qualität ihres Maises erwarten. Unter Trockenstress werden Ertrag und Qualität in diesem Jahr auf sehr vielen Standorten erheblich geringer ausfallen als üblich. Deshalb sollten Bestände regelmäßig bonitiert und Ertragsschätzungen aktualisiert werden. Wird frühzeitig ein Minderertrag erkannt, bleibt mehr Zeit, Ersatzfuttermittel zu organisieren oder betriebliche Anpassungen vorzunehmen.
Weitere Informationen im Beitrag:
Maisabreife 2026 – Besonderheiten für die Milcherzeugung
10. Anbau von Zwischenfrüchten
Für die Saat von Zwischenfrüchten schwindet im Verlauf des Augusts die Zeit. Der für das Auflaufen ebenfalls benötigte Niederschlag ist derzeit nicht absehbar. Winterzwischenfrüchte können allerdings mit Blick auf das kommende Frühjahr eine Option sein, um dem Grundfuttermangel entgegenzuwirken.
11. Wasserversorgung überprüfen
Trockenperioden belasten nicht nur die Futterversorgung, sondern häufig auch die Wasserversorgung der Tiere. Hohe Temperaturen erhöhen den Wasserbedarf erheblich. Ausreichende Tränkeplätze, eine hohe Wasserqualität sowie eine regelmäßige Tränkenreinigung und Kontrolle der Durchflussmengen tragen dazu bei, Futteraufnahme und Milchleistung zu stabilisieren.
Zu Möglichkeiten zur Minderung des Hitzestresses und seiner Folgen, wie dem Einsatz von Ventilatoren oder Verneblungsanlagen, beraten die LLH-Beratungskräfte für Tierhaltung.
12. Beratung frühzeitig nutzen
Jeder Betrieb verfügt über unterschiedliche Futterqualitäten, Tierleistungen und betriebliche Rahmenbedingungen. Standardlösungen gibt es daher kaum. Eine frühzeitige Futterplanung und Rationsberechnung sowie betriebsindividuelle Beratung helfen, vorhandene Futterreserven optimal einzusetzen und kostspielige Fehlentscheidungen zu vermeiden.