Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Grünland & Futterbau

Mit Spitzwegerich den Herausforderungen des Klimawandels begegnen?

Der mit dem Klimawandel einhergehende Temperaturanstieg sowie die Abnahme der Sommer- und Zunahme der Winterniederschläge stellt Grünlandbetriebe vor die Heraus­forderung, An­passungsstrategien zur Steigerung der Ertragsstabilität zu suchen. Eine Strategie besteht darin, das Potential zu nutzen, das die Artenvielfalt (Biodiversität) bietet.

Aber nicht die Artenvielfalt per se sorgt dabei für positive Ertragseffekte, vielmehr ist die gezielte Auswahl von Arten mit erwünschten Merkmalen entscheidend. Die Artidentität kann also maßgeblich für die Anpassung an zunehmende Trockenheiten sein.

Gefragt sind vor allem Arten, die eine Toleranz ge­gen­über Hitze und Trockenstress bieten. Für Weidenutzung wird seit einigen Jahren die Beimischung von Spitzwegerich (Plan­tago lanceolata L.) intensiver untersucht. Spitzwegerich ist hitze- und trockentole­rant und bringt in den Sommeraufwüchsen seine höchste Ertragsleistung. Er kann somit besonders in trockenen Sommern Futterlücken schließen, wenn das Wachs­tum und die Futterqualität von Weidelgräsern durch Wassermangel eingeschränkt werden.

Die Trockentoleranz von Spitzwegerich ist vor allem auch auf das Wurzelsystem zurückzufüh­ren. Neben einem verzweigten Wurzelsystem bildet Spitzwegerich auch eine Pfahl­wurzel aus, die zwar weniger tief reicht als bei anderen Pfahlwurzlern wie Luzerne, Rotklee oder Chicorée, aber dennoch Wasseraufnahme aus etwas tieferen Boden­schich­ten und eine schnelle Regeneration nach wiedereinsetzenden Niederschlägen ermöglicht. Gleichzeitig steigern tiefwurzelnde Arten das Potential für die C-Sequestrierung im Boden. Es ist weiterhin dokumentiert, dass Spitzwegerich in Rein- oder Mischbe­ständen die N-Ausscheidung über Harn reduziert, während die Milch­leistung gleichbleibt oder sogar ansteigen kann. Angesichts der Klimaprognosen ma­chen diese positiven Eigenschaften den Spitzwegerich auch für hessische Grünlandbetriebe interes­sant.

Spitzwegerich: eine trockentolerante Art, die N-Verluste auf Weiden senken und die Milchleistung steigern kann

Der positive Effekt der Beimischung von Spitzwegerich auf die Ertragsleistung kann bis über 2 t TM/ha und Jahr ausmachen, wie eine Zusammenstellung der Universität Göttingen belegt, siehe Abbildung 1. Dieser positive Ertragseffekt von Spitzwegerich kommt aber vor allem in trockeneren Jahren zum Tragen, während in feuchten Jahren Gräser konkurrenzstärker sind.

In welchem Ausmaß die Effekte auf Milchleistung und N-Ausscheidung durch den Spitzwegerichanteil oder das Laktationsstadium beeinflusst werden, wurde in einer aktuellen Untersu­chung analysiert, in der die Ergebnisse von insgesamt 12 Studien aus Australien und Neu­seeland gemeinsam ausgewertet wurden. Verglichen wurden Weidebestände – hauptsächlich Weißklee/Weidelgras – ohne bzw. mit Spitzwegerich.

Weidebestände mit Spitzwegerich führten im Mittel zu einer um 1,02 kg Milch/Kuh/Tag höheren Leistung, einer um 23,4 g/Kuh/Tag gesteigerten Milchproteinmenge und einer um 0,07 kg/Kuh/Tag höheren Milchtrockenmasse, während die Proteinkonzen­tration und Fettmenge kon­stant blieben, aber die Fettkonzentration um 0,24 % sank. Der positive Effekt von Spitzwegerich auf die Milchmenge zeigte sich vor allem in der späten Laktation (+1,4 kg Milch/Kuh/Tag), wäh­rend sich in der frühen Laktation keine Unter­schie­de zur Kontrolle, d.h. Beständen ohne Spitz­wegerich, ergaben.

Die ausgeschiedene Harn-N-Menge wurde um 22 % reduziert, was einherging mit einer Ab­nah­me der Harn-N-Konzentration von 30 % und einer Zunahme des Harn-Volumens um 17 %. Hierbei zeigte sich eine klare Beziehung zum Spitzwegerich-Anteil in der Ration. Erklärt wird der Effekt z.T. über den Gehalt an Aucubin, einem sekundären Pflanzeninhaltsstoff. Die gerin­gere N-Ausscheidung über Harn kann auch das Risiko der N-Aus­waschung und der N2O-Emis­sion reduzieren, was einige andere Untersuchungen belegen. Zurückzuführen sein könnte dies auf Wurzelexudate von Spitzwegerich, welche Substanzen enthalten, die die Nitrifikation, d.h. die Umwandlung von Ammonium zu Nitrat, im Boden hemmen.

Abbildung 1: Ertragseffekte durch den Einsatz von Spitzwegerich und Wegwarte (Zichorie) in Abhängigkeit von N-Düngung und Kräuteranteil, zusammengestellt aus unterschiedlichen Untersuchungen (DK: Dänemark, NZ: Neuseeland). Quelle: Komainda et al. (2020)

Wann Spitzwegerich aussäen?

Derzeit wird Spitzwegerich vor allem in Neuseeland in Mischungen und in Reinsaaten kultiviert. Aufgrund der im Vergleich zu Futtergräsern verzögerten Entwicklung im Frühjahr und der Gefahr höherer Bröckelverluste bei der Futterwerbung eignet sich Spitzwegerich vor allem für Beweidung. Entsprechende Weidemischungen werden mittlerweile auch von der Saatgutwirtschaft angeboten. Züchterisch ist Spitzwegerich bislang noch wenig bearbeitet worden. Zuchtsorten weisen aber im Vergleich zu Ökotypen verbesserte Ertrags- und Futterqualitätseigenschaften auf. Zukünftig wird es in der Züchtung verstärkt darauf ankommen, u.a. die Futterwerteigenschaften, aber auch die Anbauwürdigkeit unter hiesigen Umweltbedingungen weiter zu verbessern.

Auch in Grünlandmischungen mit konkurrenzstarken und schnell wachsenden Gräsern wie dem Deutschen Weidelgras kann Spitzwegerich aufgrund seiner schnellen Entwicklung integriert werden, ohne unterdrückt oder verdrängt zu werden. In Mischbeständen kann die reproduktive Entwicklung von Spitzwegerich aber langfristig eingeschränkt sein, da er eine Langtagpflanze ist und Blütenstände erst im Sommer schiebt. Bei hohen Nutzungsfrequenzen und frühen Nutzungsterminen ist eine Aussamung nicht mehr möglich. Deshalb verlangt Spitzwegerich eine regelmäßige Bestandeserneuerung oder muss regelmäßig nachgesät werden.

Bei der Aussaat kann man sich an die generellen Empfehlungen für Dauergrünland halten: Eine Nachsaat kann zwar während der gesamten Vegetationszeit durchgeführt werden, je nach Standort sollte man den Zeitpunkt aber sehr genau wählen. Für sommertrockene Lagen oder bei starken Schäden nach dem Winter empfiehlt sich zum Beispiel die Nachsaat im Frühjahr, um die Restfeuchte aus dem Winter zu nutzen. Der Konkurrenzdruck der Altnarbe muss anschließend möglichst geringgehalten werden, z.B. durch Beweidung oder durch einen frühen Schnitt. In einigen Mittelgebirgsregionen ist die Nachsaat nach der ersten oder zweiten Nutzung teilweise die bessere Wahl, denn durch die regelmäßigen Kälteeinbrüche im April bleiben die neu eingesäten Pflanzen sonst im Wachstum zurück und werden durch die Altnarbe zu schnell überwachsen. Auf Standorten mit Sommertrockenheit kann Anfang September noch nachgesät werden. Die Erfolgsaussichten verschlechtern sich allerdings häufig mit jedem Tag in den Herbst hinein. Neuansaaten sind meistens mit einem gewissen Risiko verbunden. Auch hier sollte man sich bei der Wahl des Saattermins an den Standortverhältnissen sowie an der Anlagemethode orientieren. Bei optimalen Temperatur- und Niederschlagsverhältnisse bietet in der Regel eine Ansaat Ende Juli / Anfang August die meisten Vorteile. Nachsaaten von Spitzwegerich in bestehende Grünlandnarben sind bislang aber selten, d.h. es gibt es kaum praktische Erfahrungen.

Weidemanagement entscheidend für Etablierungserfolg

Entscheidend für die Etablierung von Spitzwegerich ist das Weidemanagement nach Aussaat, d.h. der Zeitpunkt und die Intensität der Beweidung. Pflanzenverluste bleiben in einem akzeptablen Rahmen sofern die erste Beweidung erst dann erfolgt, wenn der Spitzwegerich sechs voll entwickelte Blätter aufweist. Eine zu frühe Nutzung führt dazu, dass nicht ausreichende Reserven in die Wurzel eingelagert werden können, um den Wiederaustrieb zu gewährleisten. Ähnlich Luzerne sollte Spitzwegerich über Rotationsweide/Portionsweide genutzt werden, um Beschädigungen des Vegetationskegels zu vermeiden und eine ausreichende Futterqualität sicher zu stellen. Im Gegensatz zu Leguminosen benötigt Spitzwegerich jedoch eine ausreichende N-Düngung. Güllegaben werden gut vertragen, bei der Ausbringtechnik muss aber die Futterverschmutzung im Auge behalten werden. Eine sehr intensive Nutzung verträgt Spitzwegerich nicht und führt dazu, dass regelmäßig nachgesät werden muss. Empfehlungen aus Neuseeland besagen, dass der Abtrieb bei einer Reststoppelhöhe von min. 8 cm erfolgen sollte und eine erneute Nutzung erst bei einer Aufwuchshöhe von 15-25 cm.

Futterqualität: Entwicklungsstadium und Ertragsanteile im Blick behalten

In frühen Entwicklungsstadien kann Spitzwegerich eine hohe Energiekonzentration erreichen, die Futterqualität sinkt aber rasch ab, vor allem sobald Blütenstände gebildet werden. Auch unter Trockenstresseinfluss sinkt die Futterqualität stärker ab. Der Mineralstoffgehalt von Spitzwegerich liegt, wie bei Kräutern allgemein, über dem von Gräsern oder Leguminosen.

Der Anteil von Spitzwegerich in Grünlandsaatgutmischungen sollte nicht zu hoch sein und ca. 5 % nicht überschreiten. Zu hohe Ertragsanteile im Bestand (über 10 %) sind unerwünscht, da die Energiekonzentration und die Verdaulichkeit der Aufwüchse abnehmen. Zudem neigen die Kräuter zu Bröckelverlusten beim Vorwelken und silieren schlechter. Vor allem Weidebetriebe mit intensiven Portionsweiden schaffen es, das Ertragspotenzial von Spitzwegerich ohne Qualitätsverluste auszunutzen. Eine Nachsaat von Spitzwegerich führt hauptsächlich in kräuterarmen Dauergrünlandbeständen zu einer futter- und pflanzenbaulichen Bereicherung der Bestände. Neben der Nutzung von Spitzwegerich als diätisches Futterkraut in Dauergrünlandmischungen, kann er außerdem ein interessanter Mischungspartner in mehrjährig genutzten Futterbaumischungen sein.

Fazit

Festzuhalten bleibt, dass die Ein- oder Nachsaat von Mischungen mit Spitzwegerich Potential bietet für die Entwicklung einer klimaangepassten und klimaschonenden Grünlandbewirt­schaftung. Bei ausreichender N-Versorgung und nicht zu hoher Nutzungsintensität kann Spitzwegerich dazu beitragen, Trockenheitsbedingte Futterlücken zu reduzieren. Die verbesserte Ertragsstabilität in Trockenphasen kann die höheren Saatgutkosten kompensieren. Das Potential dieser Anpassungsstrategie auf eigenen Praxisflächen sollte vorab auf einer Teilfläche getestet werden.

 


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