Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Rinder

Fleischrinder: Rohfasergehalt beeinflusst Pansenphysiologie von Mutterkühen

Prof. Dr. Heiko Scholz (Hochschule Anhalt) referierte im Arbeitskreis Mutterkuhhaltung Fulda Ende Januar über Fütterungsversuche mit Mutterkühen.

Laut Scholz ist die Mutterkuhhaltung ein Tierhaltungsverfahren, das in der Regel eine extensive Flächennutzung mit einem intensiven Tierhaltungsmanagement kombiniert. Auch wenn auf den meisten Betrieben prämienoptimiert gearbeitet würde, sei eine gewinnorientierte Mutterkuhhaltung schwierig. Scholz stellte BZA-Ergebnisse von Mutterkuhbetrieben vor, die zeigen, dass 64 bis 70 % der Produktionskosten auf das Futter entfallen und somit die größte Stellschraube am betrieblichen Erfolg darstellen.

Körperkondition bei der Energiebilanz berücksichtigen

Um eine bedarfsgerechte Fütterung der Mutterkühe zu gewährleisten, sind Kenntnisse über deren Nährstoff- und Energieanspruch Voraussetzung. Die Bedarfsnormen für Mutterkühe und deren Nachzucht sind in den DLG- Fütterungsempfehlungen (2009) veröffentlicht. Neben den Bedarfsnormen sollte unbedingt die Körperkondition der Tiere zur Abschätzung der Energiebilanz herangezogen werden. Scholz empfiehlt für die Praxis eine kontinuierliche BCS-Bewertung der Tiere zu festen Terminen, wie z.B. zur Abkalbung, 200 Tage nach der Kalbung, zum Absetzen und zum Ende der Weideperiode. Wichtig sei dabei, die Konditionsentwicklung im Verlauf des Reproduktionszykluses zu betrachten, damit die Tiere weder verfetten noch abmagern. Der optimale BCS zum Zeitpunkt der Kalbung sollte nach dem europäischen System bei 3 – 3,5 liegen.

Versuch: Beeinflusst der Rohfasergehalt die Pansenphysiologie?

Häufig erhalten Mutterkühe zwischen dem Absetzen der Kälber und nächster Kalbung rohfaserreiche Futterrationen. Aufgrund des trockenen Sommers 2018 werden aktuell viele Sparrationen mit Stroh gefüttert, um die knappen Grundfuttervorräte in den Betrieben auszugleichen. Als Folge dessen sind die Energie- und Rohproteingehalte in den Futterrationen oft knapp. Welche Auswirkungen die sehr hohen Rohfasergehalte auf Grund des hohen Strohanteils in den Futterrationen auf die Pansenphysiologie der Mutterkühe haben, wurde in verschiedenen Fütterungsversuchen in der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau (LLG) in Iden (Sachsen-Anhalt) unter Leitung von Prof. Dr. Scholz durchgeführt. Die Idener Mutterkuhherde besteht aus 80-120 Mutterkühen (Verdrängungskreuzung mit Charolais, 800kg bis 1.200kg Lebendgewicht).

Nach der Kalbung der Mutterkühe wurden drei verschiedene Futterrationen mit Grassilage und einem variierenden Strohanteil gefüttert: Totale-Misch-Ration (TMR) mit 0 %, 30 % bzw. 60 % Stroh. Um die Pansenfermentation zu beurteilen, wurde Pansensaft entnommen und unter anderem die Parameter pH-Wert, Anzahl und Beweglichkeit der Pansenbakterien untersucht. Grundsätzlich beeinflusst die Anzahl und Beweglichkeit der Pansenbakterien die Verdaulichkeit des Futters im Pansen.

Hoher Strohanteil – reduzierter Aufbau von Körpermasse

Die Untersuchungsergebnisse zeigten im Mittel stabile pH-Werte um 6,7, aufgrund derer keine Beeinträchtigung der Pansenfermentation vorzuliegen schien. Bei der Betrachtung der Anzahl und Aktivität der Pansenbakterien stellte sich aber ein anderes Bild dar: Im Vergleich zu gesunden Milchkühen wiesen die rohfaserreich gefütterten Mutterkühe eine stark reduzierte Anzahl an Pansenbakterien mit einer sehr geringen Beweglichkeit auf.

Harn- und Blutuntersuchungen der Tiere verdeutlichten die Stoffwechselsituation. Mit der rohfaserreichen Fütterung vor der Kalbung fehlte den Pansenbakterien Energie und Protein zum Verstoffwechseln, was letztlich zum geringeren Aufbau von Körpermasse führte. Der geringe Besatz an Pansenbakterien konnte nach der Kalbung die energie- und eiweißreichere Ration über einen längeren Zeitraum nicht vollständig verstoffwechseln. Es kam zur Pansenübersäuerung und erhöhter N- Ausscheidung.

„Pansen-Index“ liefert schnelle Einschätzung

Aus diesen Erkenntnissen wurde ein „Pansen- Index“ (WEST, 2017) entwickelt, der mit einem Scoring-System der Beschreibung der Fermentationsprozesse im Pansen dienen soll und sich aus verschiedenen Faktoren wie z.B. Bakterienanzahl/-aktivität zusammensetzt. Bei den Strohrationen mit 30 % bzw. 60 % Strohanteil lag der Pansen-Index Score > 10, welcher auf einen gestörten Pansenfermentationsprozess hinwies. Der Pansen-Index Score bei der reinen Grassilage-TMR war hingegen deutlich besser. Die langsame Passagerate der rohfaserreichen Rationen führte zu niedrigeren Futteraufnahmen und letztendlich zur ungenügenden Energie-/Rohproteinversorgung der Mutterkühe. Pansenbakterien starben ab und selbst nach Umstellung auf grassilagereiche Rationen, blieb die Futteraufnahme der Tiere gestört.

Praxistipps

Fleischrinder
Aufgrund von Futterknappheit werden in der Mutterkuhhaltung aktuell teilweise Sparrationen gefüttert. Kurz geschnittene Silage ist für die Futteraufnahme förderlich.
Scholz rät, vier Wochen vor und nach der Kalbung einen Rohfasergehalt von maximal 30 % der Futterration nicht zu überschreiten sowie einen Rohproteingehalt von mindestens 8 % zu gewährleisten. Er empfiehlt zudem auch für die Mutterkuhfütterung eine frühe Schnittnutzung und Grobfutteranalysen, um die Tiere bedarfsgerecht zu versorgen. Werden Grassilagen/Heu von extensiven Grünlandflächen mit später Schnittnutzung gefüttert, hält er es für notwendig die Rationen mit leicht löslichen Kohlenhydraten z.B. Getreide/Körnerleguminosen aufzuwerten. Zudem sollten die energiearmen, rohfaserreichen Grassilagen kurz geschnitten werden, um die Futteraufnahme zu verbessern. Scholz verwies auf einen Fütterungsversuch bei Mutterkühen, bei dem die Futteraufnahme von kurzgeschnittenen gegenüber ungeschnittenen Silagen bei gleicher Nährstoffzusammensetzung verglichen wurden. Die Mutterkühe fraßen zwei Kilo mehr Trockenmasse der kurzgeschnittenen Silage. In diesem Versuch wurden die Mutterkühe gemolken – die Tiere mit der höheren Trockenmasseaufnahme hatten zudem knapp vier Liter mehr Milch pro Tag.

Wie bei der Milchkuhfütterung, können auch in Mutterkuhbetrieben etablierte Verfahren wie z.B. Netto-Säure-Basen-Ausscheidung-(NSBA)/ß-Hydroxybutyrat-(BHB) Untersuchungen sowie Rückenfettdickemessung zum Fütterungscontrolling genutzt werden. Ein sinnvoller Zeitpunkt dafür ist beispielsweise bei der jährlichen Blutentnahme im Fangstand.

 


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