Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Rinder

Milchvieh: Mit Fleischrinderbesamung zu wertvoll(er)en Kälbern

Ohne Kalbung keine Milchproduktion. Doch in der Regel benötigt ein Milchviehbetrieb nicht alle Kälber zur eigenen Bestandserhaltung. Gleichwohl führen fehlende Aufzuchtplätze oder Standorte, die für eine Jungviehaufzucht ungeeignet sind, auch dazu, dass vielerorts die weibliche Nachzucht verkauft wird.

Suboptimale Masteigenschaften in Kombination mit Exportbeschränkungen (z.B. aufgrund der Blauzungenkrankheit) resultieren seit Jahren in einem Überangebot und in anhaltend unbefriedigenden Preisen für Mastkälber aus Milchviehrassen.

Dies hat zur Folge, dass ein Verfahren, das in Hessen keine große Bedeutung mehr hatte, wieder in das Blickfeld rückt: Die Besamung der Milchkühe mit Fleischrinderbullen, welche Kreuzungskälber hervorbringen, die akzeptable Masteigenschaften mitbringen.
In manchen Regionen Deutschlands, aber auch in den europäischen Nachbarländern, wird dieses Verfahren seit vielen Jahren in Milchviehbetrieben praktiziert. Auf einigen Höfen wird mittlerweile komplett auf weibliche Nachzucht verzichtet und ein Großteil der Milchkühe wird mit Fleischrinderbullen angepaart.

Vorteilhaft ist zudem die gute Befruchtungsleistung der ausgewählten Bullen, die für die künstliche Besamung (KB) genutzt werden: Nicht selten werden Fleischrassebullen zur Nachbesamung bei Milchkühen mit Fruchtbarkeitsproblemen eingesetzt.

Mit der genomischen Selektion steht seit einigen Jahren ein weiteres Werkzeug zur Verfügung, das die Selektion in den Milchviehbeständen erleichtert. Für den Zuchtfortschritt uninteressante bzw. nicht benötigte Tiere können mit Fleischrinderrassen angepaart werden. Die erzeugten Kreuzungskälber ermöglichen einen höheren Verkaufserlös im Vergleich zu Reinzuchttieren.

Fellfarbe & Normalgeburtenrate ausschlaggebend

Doch welche Bullen bzw. welche Genetik eignen sich am besten für die Erzeugung von Kreuzungskälbern?

Hier sind zwei Aspekte von überragender Bedeutung:

  • 1) Der Absatzweg für die Kälber aus Kreuzungsanpaarungen. Der abnehmende Handel fordert klare Merkmale (hier Fellfärbung), um die Kälber den KB-Rassen zuordnen zu können. Die Fellfarbe der Nutzkälber ist ausschlaggebend für den erzielbaren Preis.
  • 2) Ein Höchstmaß an Sicherheit, dass der Bulle normale Geburten bringt. Es sollten unbedingt Bullen mit geprüften Abstammungen und günstiger Vererbung für Geburtsverlauf und Zuwachs genutzt werden. Ein Bulle, der zu Schwergeburten führt, kann erhebliche Schäden am Tier aber auch finanzieller Art verursachen.
Das typische Erscheinungsbild eines Kreuzungskalbes BWB x HF: Weiß mit gestichelten Haarpartien an Kopf und Rumpf, bereits gut erkennbarer Fleischansatz am Rücken

Im Folgenden werden Fleischrassen, die sich für eine Kreuzungsanpaarung eignen, vorgestellt.

Blau-Weiße Belgier (BWB)

Seit mehreren Jahren dominiert in Deutschland auf diesem Markt die Rasse Blau-Weiße Belgier. In der Reinzucht sind die Tiere in der deutschen Mutterkuhhaltung nicht vertreten, da die Abkalbeeigenschaften (Betreuungsaufwand) definitiv nicht den Anforderungen des eher extensiven Verfahrens der Mutterkuhhaltung entsprechen. Dagegen werden die verfügbaren Besamungsbullen komplett auf das Merkmal Kalbeeigenschaften (Bulle als Vater des Kalbes) geprüft und nur Kandidaten, deren Kälber mit dem gleichen Anteil an normalen Geburten wie Holstein Friesian Kälbern auf die Welt kommen, werden den Betrieben angeboten.

Wie aus der Holsteinzucht bekannt, gibt es auch hier Schwankungen bei den Resultaten. Es gibt einige Besamungsbullen der Rasse Blau-Weiße Belgier, die über längere Zeit mit sichtbarem Erfolg im Einsatz sind. Die in Hessen genutzten Bullen (aktuell Baldur und Fantomas) sind einfarbig weiß und ihre Kälber aus der Paarung mit HF-Kühen zeigen immer die erwünschte blau-weiß gestichelte Fellfarbe und sind daher eindeutig zu erkennen. Die bei allen Bullen dieser Rasse bekannte Doppellender-Veranlagung ist bei den Kreuzungskälbern bei der Geburt noch nicht ausgeprägt, zeigt sich aber bereits bei der Entwicklung nach ein bis zwei Wochen.

INRA95 aus Frankreich

Dieses Kreuzungskalb INRA95 x Rbt zeigt sich sehr charakteristisch: hellrot gefleckt (deutlicher Unterschied zu Rbt) und ein ebenfalls deutlich ausgeprägter Muskelansatz
Dieses Kreuzungskalb INRA95 x Rbt zeigt sich sehr charakteristisch: hellrot gefleckt (deutlicher Unterschied zu Rbt) und ein ebenfalls deutlich ausgeprägter Muskelansatz

Seit vielen Jahren werden Bullen selektiert, die ausschließlich für die Erzeugung von Kreuzungskälbern bei Milchkühen vorgesehen sind.
Die Kriterien

  • normaler Geburtsverlauf,
  • überlegene Mast- und Schlachtleistung der Nachkommen,
  • eindeutige farbliche Zuordnung der Kälber und
  • gute Befruchtungsleistung der Bullen

haben in diesem Programm Priorität.

Es handelt sich nicht um reinrassige Genetik, sondern um die Kombination verschiedener Rassen. Häufig dominieren dabei Blonde d´Aquitaine, Charolais oder BWB; Genanteile von Limousin oder Maine-Anjou kommen auch vor.
Das Erscheinungsbild der Kreuzungskälber ist abweichend von dem der Kreuzungen BWB x HF: meist grau-weiß oder auch hellrot x weiß gescheckt und nicht stichelhaarig, verbunden mit eher feinerem Knochenbau.
Alle Besamungsbullen stammen aus dem französischen Prüfprogramm und die Nachkommen zeigen überlegene Ergebnisse bei den Mast- und Schlachtdaten. In vielen hessischen Betrieben wurden in den vergangenen ein bis zwei Jahren INRA95-Kreuzungen geboren und die Erfahrungen sind absolut positiv.

Limousin

Der KB-Anteil der Rasse Limousin ist in den letzten Jahren gestiegen. Ihr klarer Vorteil ist zweifellos der hohe Anteil an Normalgeburten in der Kreuzung. Ein absolutes Handicap ist jedoch die Farbgebung der Kälber aus schwarzbunten Kühen: sie sind einfarbig schwarz, vereinzelt weiße Flecken an Nabel, Füßen oder Kopf. Etwas vorteilhafter ist die Kreuzung Limousin x Rotbunt oder Fleckvieh, da hier die Kälber generell einfarbig rot fallen bzw. die Kreuzungen aus Fleckviehkühen immer weiße Abzeichen am Kopf haben. Insgesamt sind diese Kälber, vor allem die einfarbig schwarzen Tiere, im jungen Alter nicht immer eindeutig zuzuordnen. Im Verkaufsalter von zwei bis drei Monaten ändert sich das Erscheinungsbild in Richtung Fleischtyp mit Unterschieden je nach Bulle. Von Vorteil ist zweifellos der hohe Anteil an reinerbig hornlosen Bullen bei dieser Rasse, somit sind die Kälber generell auch hornlos.

Angus

Ganz ähnlich ist der Sachverhalt beim Einsatz von Angus-Bullen als Kreuzungspartner, die farblich das gleiche Erscheinungsbild wie Kreuzungen mit Limousin haben. Die problemlosen Geburten und die natürliche Hornlosigkeit sind weitere positive Argumente, die auch hier gelten. International hat der Anteil an Angus-Besamungen in der Kreuzung eher zugenommen, weil sich in einigen Ländern Absatzwege für Kreuzungstiere mit Angus-Vätern in entsprechenden Fleischvermarktungsprogrammen entwickelt haben. Aber bei dieser Vaterrasse bleibt das Handicap der fehlenden eindeutigen farblichen Zuordnung.

Charolais-Bullen

Eine weitere Alternative für die Kreuzungen sind Charolais-Bullen, da auch sie durchweg farblich klar erkennbare Kälber hinterlassen (hell- bis mittelgrau, fast immer einfarbig). Bei dieser Rasse ist es sehr wichtig, Bullen mit einer sehr hohen Rate an normalen Geburten zu nutzen. Da diese Eigenschaft unterschiedlich ausgeprägt ist, nimmt der Anteil an Kreuzungsbesamungen mit der Rasse Charolais eher ab.

Fleckvieh

Heutzutage eher geringere Bedeutung hat der Einsatz von Fleckviehbullen als Kreuzungspartner. Vererber aus der Zweinutzung sind bezüglich Vererbung des Fleischtyps nicht immer geeignet, und der weiße Kopf als farbliches Kennzeichen wird von den Bullen unterschiedlich deutlich weitergegeben. Das gilt auch öfters für die hornlosen Fleckvieh-Fleisch-Bullen, die nicht selten eine deutlichere Pigmentierung am Kopf vererben.


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