Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Biorohstoffnutzung

Bauen für die Zukunft mit Naturmaterialien

Das Bauwesen hat einen erheblichen Anteil an der CO2-Emission. Daher sind die Kreislaufwirtschaft beim Bauen von Gebäuden, der Einsatz nachwachsender Rohstoffe, sowie der Erhalt von Bestandsgebäuden sehr wichtige Maßnahmen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes und des Klimawandels.

EAM-Bürogebäude in Göttingen: erbaut 1972, leergezogen 2006 (nach 34 Jahren!), entkernt 2016. Nach jahrelangen Versprechungen und Fördermittelzusagen begann der Umbau zu Wohnungen und Kita im November 2020 und soll 2022 abgeschlossen sein. Leider sind Holzbauteile oder Naturfaserdämmstoffe nicht zum Einsatz gekommen, obwohl dies entsprechend der Gebäudeklasse (unter Hochhausgrenze) möglich gewesen wäre.
EAM-Bürogebäude in Göttingen: erbaut 1972, leergezogen 2006 (nach 34 Jahren!), entkernt 2016. Nach jahrelangen Versprechungen und Fördermittelzusagen begann der Umbau zu Wohnungen und Kita im November 2020 und soll 2022 abgeschlossen sein. Leider sind Holzbauteile oder Naturfaserdämmstoffe nicht zum Einsatz gekommen, obwohl dies entsprechend der Gebäudeklasse (unter Hochhausgrenze) möglich gewesen wäre.

Aber was heißt Kreislaufwirtschaft im Bauwesen? International spricht man von „cradle to cradle“ (C2C) bzw. „von der Wiege zur Wiege“. Es geht also um Materialien und Bauteile, die nach ihrer Lebenszeit wiederverwendet werden können.

Was bleibt von einem „modernen“ Gebäude?

Abfallberg eines ehemaligen Fachwerkgebäudes: Hier wäre bei einem sachgerechten Rückbau viel Material wiederverwendbar gewesen
Abfallberg eines ehemaligen Fachwerkgebäudes: Hier wäre bei einem sachgerechten Rückbau viel Material wiederverwendbar gewesen

Seit den 1930er Jahren ist das Vertrauen in die industrielle und chemische Produktion von Baustoffen immer größer geworden. War das nun wirklich ein Fortschritt? Die wirtschaftliche Nutzungsdauer von Gebäuden wird mit 50 Jahren kalkuliert, allein das ist schon ein geringer Zeitraum. Häufig gilt aber schon ein Gebäude nach 40 Jahren als nicht mehr nutzbar und nicht wirtschaftlich sanierbar.

Wird dann ein Gebäude zurückgebaut, was bleibt? Die synthetischen Baustoffe ergeben einen riesigen Abfallberg. Man spricht heute schon von einem urbanen Materiallager. Unter den Abfällen sind immer auch gefährliche Stoffe, wie asbesthaltige Platten, kurzfaserige (lungengängige) oder mit gesundheitsgefährdenden Mitteln behandelte Dämmstoffe, Holzschutzmittel, teerhaltige Kleber usw., die gesondert und aufwändig zu entsorgen sind. Aus dem Bauwesen kommen 54% des jährlichen Gesamtabfallaufkommens in Deutschland. Davon ist etwa nur die Hälfte wiederverwertbar. Die „Wiederverwertung“ bedeutet erneuten Energie- und Transportaufwand, um ein neues Produkt zu erzeugen. Oft ist aber genau dieses Produkt nur untergeordnet einsetzbar. Man spricht hier vom sogenannten Downcycling.

Für jedes bestehende Gebäude wurde viel Energie aufgewendet, sogenannte „Graue Energie“. Das heißt, die Herstellung und Lagerung der Baumaterialien, die Transporte und der Bau selbst haben viel CO2 erzeugt, der Rückbau erzeugt wieder CO2 und ein Neubau ebenso.

In jüngster Zeit gibt es, statt Abriss, viele Beispiele zur aufwändigen Nachnutzung von Betonruinen, ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, aber noch längst kein Kreislaufprinzip.

Umdenken für den Klimaschutz

Von den großzügigen Balkonen der Gebäuderückseite geht der Blick ins Grüne.
Von den großzügigen Balkonen der Gebäuderückseite geht der Blick ins Grüne.
An einer sehr belebten Straße im Zentrum Berlins wurde dieses Holzgebäude für 42 Familien errichtet. Die verkleideten, holzfasergedämmten Massivholzwände schützen auf der Nordwestseite vor Straßenlärm und Schlagregen.
An einer sehr belebten Straße im Zentrum Berlins wurde dieses Holzgebäude für 42 Familien errichtet. Die verkleideten, holzfasergedämmten Massivholzwände schützen auf der Nordwestseite vor Straßenlärm und Schlagregen.

Für die Zukunft sind vier wichtige Kriterien wünschenswert:

  1. Einsatz von lange haltbaren und wiederverwendbaren Baustoffen, dazu zählen z.B. Holz, Naturfasern, Naturstein und Lehm. Bei Neubau und Sanierung ist der Einsatz nicht wiederverwendbarer Baustoffe auf das absolut notwendige Maß zu reduzieren.
  2. Rückbau von Gebäuden unter dem Aspekt der Abfallvermeidung, d.h. eine genaue Vorab-Analyse, welche Stoffe wiederverwendbar und welche recycelbar / wiederverwertbar sind. Dazu gehört auch die kreative Nutzung des „urbanen Materiallagers“.
  3. Erweiterung der Ausbildung von angehenden Architekten, Bauingenieuren und Handwerkern bezüglich Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Materialeinsatz beim Bauen und Sanieren. Gleichzeitig diesbezügliche Weiterbildung für die beruflich aktiven Planer und Handwerker. Nachweislich entstehen oftmals kaum höhere Kosten, wenn von Anfang an mit kreislauffähigem Material geplant wird.
  4. Umsetzung einer Baumaterialbepreisung nach CO2-Verbrauch beginnend bei der Rohstoffförderung über den Transport und die Herstellung bis zur Abfallverbringung. Regionales Holz, Naturfasern, Lehm und regionaler Naturstein haben eine sehr gute CO2-Bilanz.

Die aktuellen Vorgaben für energieeffiziente Gebäude bilden die Notwendigkeiten für den Klimaschutz leider nur teilweise ab. Die Energieeffizienz von Gebäuden wird zzt. noch nach der Verbrauchsenergie über die Nutzungsdauer Gebäudes bemessen. Dabei wird völlig ausgeblendet, dass für den Bau selbst schon jede Menge Energie (mit CO2-Emission) verbraucht wurde. Wenn der Gebäudebestand insgesamt weniger Energie verbraucht, umso mehr schlägt der Energieaufwand für den Bau eines Neubaus zu Buche. Der Ersatz von Altbauten durch neue Passivhäuser ist diesbezüglich nicht die beste Lösung, eine energetische Ertüchtigung mit Naturbaustoffen und die Modernisierung der gebäudetechnischen Ausstattung schonen das Klima viel mehr. Die CO2-Emission für die Errichtung eines konventionellen Neubaus beträgt das Doppelte bis Dreifache eines gleich großen Gebäudes aus nachwachsenden Rohstoffen – bei gleichem Energieeffizienzstandard.

Es gibt nachhaltige Lösungen!

Das Winter-Seminar beim LLH-HeRo über Naturfaserdämmungen (hier vor Corona) ist unter den Handwerkern, Baustoffhändlern und Planern sehr gefragt
Das Winter-Seminar beim LLH-HeRo über Naturfaserdämmungen (hier vor Corona) ist unter den Handwerkern, Baustoffhändlern und Planern sehr gefragt

Es geht wirklich um ein Umdenken im Bauwesen! Wenn während oder unmittelbar nach der geplanten wirtschaftlichen Nutzungsdauer (50 Jahre) das Gebäude als nicht sanierbar zurückgebaut werden muss, zeigt das, dass die Denkweise am Ursprungsbau fehlgeschlagen ist und nicht weiterverfolgt werden sollte. Um eine möglichst lange Nutzungsdauer zu erreichen, sollten neue Konzeptansätze zum Tragen kommen. Zum Beispiel kann bei der flexiblen Raumaufteilung durch leichte Zwischenwände im Skelettbau sowie bei der wohldurchdachten und hochqualitativen technischen Ausstattung angesetzt werden.

Ein Skelettbau ist auch im Holzbau bereits üblich. Vorgesetzte Holzbaufassaden und Holzbauinnenwände ergeben ein klimaschonendes Ganzes, auch im Stahlbeton-Skelett. Ebenso sind Raummodule aus Holz flexibel zusammensetzbar, lange haltbar und z.B. für große Neubauten, Umbauten, Aufstockungen einsatzfähig. Vorgefertigte, naturfasergedämmte Holzfertigteile für Fassaden und Dächer in der Bestandssanierung sind schon häufig im Einsatz.

Alle Innenwände, auch Betonwände, können mit Lehm geputzt werden, der leicht reparabel ist sowie immer wieder eingesumpft und verwendet werden kann.

Der LLH beteiligt sich mit seinem FG 36 „Fachinformation Biorohstoffnutzung – HessenRohstoffe (HeRo) sehr engagiert an der Weiterbildung von Planern, Handwerkern und Bauverantwortlichen. Die Seminare, Tagungen, Workshops und Praxisangebote werden gut gebucht und alle Altersklassen sind vertreten, auch Studierende und Azubis. Besonders beliebt sind die Holzbautagungen, die Themen um Ökobilanz, Lebenszyklusanalyse und Wirtschaftlichkeit und nicht zuletzt die Naturfaserdämm- und die Lehmbauseminare. Im Frühjahr 2022 soll eine bereits lange geplante Tagung zum Strohbau stattfinden.


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