Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Technik, Energie & Bauen

Exkursionsnachlese: doerr-agrar – Einblicke in eine smarte Landwirtschaft

Im Rahmen des Projektes DigiNetz trafen sich am 6. Juli die Mitglieder des LLH-Arbeitskreises Digitalisierung, weitere Landwirte und interessierte Beratungskräfte des LLH auf dem Ackerbaubetrieb doerr-agrar im thüringischen Wasungen-Oepfershausen.

Gruppenfoto der Teilnehmenden

Betriebsleiter Andreas Dörr, Preisträger des Bayerischen Digitalpreises 2023, bewirtschaftet gemeinsam mit seinem Vater Hubert Dörr und vier festangestellten Mitarbeitern rund 900 ha Ackerland und 400 ha Grünland rund um die 1998 gekaufte Hofstelle, eine ehemalige Kraftfahrzeugfertigung für Landtechnik.

Betriebsrundgang

Bei dem Betriebsrundgang zeigte Andreas Dörr als erstes die smarte Tankstelle, die über Chips zum Tanken freigeschaltet wird und automatisch dokumentiert wer, wann, wieviel getankt hat. So kann selbst der Lohnunternehmer unkompliziert mit einem Chip tanken. Den Füllstand des Dieseltanks kann Dörr am Smartphone in Echtzeit einsehen.

Betriebsleiter Andreas Dörr präsentiert seine GIS-Anwendung

Als nächstes begutachteten die Exkursionsteilnehmer das Getreidelager. Den Lagerbestand der einzelnen Silos kann Dörr mit Hilfe seiner selbst programmierten Lager-App einsehen. Bei der Getreideernte werden die auf der Brückenwaage erhobenen Gewichte von den Mitarbeitern unter Nennung der jeweiligen Kultur in die Anwendung eingegeben. Zusätzlich werden alle Verkäufe dokumentiert, sodass Dörr und die Mitarbeiter jederzeit in der App sehen können, wie viel Getreide in welchem Silo lagert. Darüber hinaus kennt Dörr die aktuelle Temperatur im Inneren der Silos. Dafür hat er smarte Thermometer installiert, die regelmäßig in verschiedenen Tiefen die Temperatur messen und per WLAN die Daten übertragen. Erhöht sich die Temperatur über einen vorher festgelegten Grenzwert, bekommt Dörr per SMS einen Alarm auf sein Smartphone und kann die Belüftung einschalten.

Beeindruckt zeigten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen auch von den vom Schlepper aus zu öffnenden Rolltoren zur Getreide- und Maschinenhalle, sodass die Mitarbeiter bei der Ein- und Ausfahrt nicht vom Schlepper absteigen müssen. Die oftmals älteren Rolltore hat Dörr mit kostengünstigen Bauteilen (ca. 50 €) fernsteuerbar gemacht.

Am Ende des Rundganges zeigte Dörr noch einen selbst gebauten GPS-Vermessungsstab, mit dessen Hilfe u. a. die Positionen von Drainagen und Versorgungsleitungen am Hof genau dokumentiert werden.

Smarter Pflanzenschutz

Um beim Anrühren der Spritzbrühe exakt arbeiten und gleichzeitig eine komfortable Lösung einsetzen zu können, nutzt Dörr wie auch bei den Hoftoren eine smarte Gebäudesteuerung, um das Wasserfass mit der gewünschten Wassermenge zu füllen. Die Steuerung funktioniert mittel Drucksensor und Magnetventil am Wasseranschluss und lässt sich am Smartphone bedienen. Auch diese Bauteile sind für unter 100 € zu erwerben.

Dörr hat zudem eine Pflanzenschutzmittel-Flatrate mit einem Unternehmen abgeschlossen. So zahlt er unabhängig von seinen tatsächlichen Aufwandmengen einen festen Betrag pro Hektar für Pflanzenschutzmittel und bekommt darüber hinaus auch KI-gestützte (KI = Künstliche Intelligenz) Empfehlungen über den idealen Einsatzzeitpunkt und die Einsatzmenge. Dörr ist mit dieser Lösung sehr zufrieden und spart nach eigener Aussage ca. 15 € pro Hektar und Jahr ein.

Mitarbeiterkomfort

Blick in ein Mitarbeiterbüro mit zwei komfortablen Wechselarbeitsplätzen

Beim Betriebsrundgang durften die Teilnehmenden auch einen Blick in das neue Mitarbeiterbüro werfen. Die beiden Wechselarbeitsplätze sind mit jeweils zwei großzügigen Bildschirmen und Dockingstations für Tablets ausgerüstet, sodass die Mitarbeiter ihren Arbeitseinsatz in der Außenwirtschaft planen können, wie etwa das Einzeichnen von Schonflächen vor der Grünlandmahd. Jeder Mitarbeiter hat ein eigenes Tablet, über das die verschiedenen digitalen Anwendungen bedient werden können.

Um die Arbeitszeiten seiner Mitarbeiter im Blick zu haben, hat Dörr eine Anwendung mit Microsoft Power Apps programmiert, mit deren Hilfe jeder Mitarbeiter seine Arbeitszeit täglich erfasst. Dörr selbst kann auf die Daten jedes Mitarbeiters zugreifen und weiß, wer, wann, wie lange gearbeitet hat.

Digitale Anfänge

Aber auch Andreas Dörr hat mal „klein“ angefangen: Den digitalen Einstieg fand er vor vielen Jahren im Einscannen der vielen Pachtverträge und ihrer Ablage nach einem festen Aktenplan. Dazu nutzt er OneDrive for Business von Microsoft, eine kostengünstige Cloud-Lösung mit datenschutzkonformen Serverstandorten in Deutschland. Mittlerweile werden alle Dokumente in der Cloud abgelegt, mit Ausnahme von Rechnungen, die in der Buchhaltungssoftware DATEV gespeichert werden – bedingt durch das Steuerbüro. Während viele seiner Berufskolleginnen und -kollegen einen teuren OCR-fähigen Scanner kaufen, um Dokumente durchsuchbar zu machen, verwendet Dörr einen einfachen Scanner in Kombination mit einer PDF-Bearbeitungssoftware, um eingescannte Dokumente oder PDFs durchsuchbar zu machen.

Da jeder Mitarbeiter ein eigenes Tablet hat und einen eigenen OneDrive-Account, können die Mitarbeiter selbst Dokumente abspeichern als auch für sie freigegebene Dokumente jederzeit abrufen.

Vision einer ganzheitlichen Lösung

Trotz dieser Fülle an digitalen Techniken auf dem Betrieb, ist Dörr noch lange nicht am Ziel angekommen. Seiner Meinung nach ist es „das A und O, die Insellösungen miteinander zu vernetzen.“ Um das zu erreichen, ist er dabei, einen digitalen Zwilling seines Betriebes zu erstellen. Mit einer Drohne hat Dörr den Hof und umliegende Flächen abfliegen lassen und daraus ein 3D-Modell erstellen lassen. Man könnte meinen, es handelt sich dabei um Spielerei, aber Dörr ist der Überzeugung, dass sich der Arbeitsaufwand lohnt. Die Digitalisierung solle dazu dienen, „innerhalb kurzer Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Dafür werden Echtzeit-Daten benötigt, wie etwa bei der Ernte: „Wenn der Mitarbeiter, der den Kipper fährt, den aktuellen Standort und Füllstand des Mähdreschers einsehen kann, kann er besser einschätzen, wann er wo sein muss.“

Auch das Energiemanagement möchte er eines Tages im digitalen Zwilling integriert wissen. Dörr schwebt vor, die betrieblichen Energieflüsse einsehen zu können und in Form einer dynamischen Priorisierung zu verknüpfen. „Wenn ich die Getreidereinigung einschalte, soll die Wallbox zum Laden des Autos so heruntergedrosselt werden, dass der Eintrag aus der Photovoltaikanlage effizient genutzt wird.“

Gemeinsamer Agrardatenraum

Dörr hat zudem die Vision eines gemeinsamen Agrardatenraumes, also einem Kartendienst, der Daten aus mehreren Welten zusammenbringt: Zum einen sollen sich in dieser GIS-Plattform die betrieblichen Daten befinden. Auf einen Blick müssen Feldgrenzen, Fahrspuren, aber auch Erträge, Dünger- und PSM-Einsätze sowie Besonderheiten und Hinweise zur Einzelfläche ersichtlich sein.

Zum anderen müssen sich dort ebenso die gesetzlichen Rahmenbedingungen als Layer einblenden lassen, wie etwa Abstandsauflagen, rote Gebiete und Naturschutzgebiete. Auch die Förderkulisse und damit verbundene Auflagen in der Bewirtschaftung wie z. B. Mahdzeitpunkte im Grünland. Sehr wichtig sei auch die Möglichkeit der Darstellung der Historie von Förderprogrammen und Satellitenbildern. So ließe sich die Beweispflicht der Landwirte wesentlich vereinfachen und jeder Landwirt könne unmittelbar vor Bewirtschaftung einer Fläche einsehen, welche Auflagen aktuell zu beachten sind.

Kritische Betrachtung der Digitalisierung

Dörr ist einerseits überzeugt vom Einsatz digitaler Tools, andererseits sieht er viele Anwendungen aber auch kritisch. Komplizierte Anwendungen, die viel Zeit zur Bedienung benötigen und keine Effizienzsteigerung bringen, hält er für nicht praxistauglich. Als Beispiel nennt er die teilflächenspezifische Düngung, die bislang noch keine deutliche Betriebsmitteleinsparung leisten könne.

Auch hätten viele digitale Ackerschlagkarteien nicht die Effizienzsteigerung des Betriebes im Fokus, sondern eher die Erfüllung der Dokumentationspflichten. Dies seien zwei Themenbereiche, die bislang nicht zufriedenstellend miteinander verknüpft sind, sodass Dörr sie getrennt voneinander behandelt.

Fazit

Andreas Dörr zeigte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf beeindruckende Weise, wie smart ein landwirtschaftlicher Betrieb schon jetzt sein kann. Gleichzeitig ermutigte er die Teilnehmer dazu, digitale Lösungen kritisch zu betrachten und Kosten und Nutzen abzuwägen. Mit seiner ganz eigenen Anschauung und individuellen Herangehensweise inspirierte und motivierte er die Exkursionsteilnehmer, sich mit der Digitalisierung auf dem eigenen Betrieb auseinanderzusetzen.

Kontakt

Wenn auch Sie an spannenden Exkursionen und Seminaren im Rahmen des Projektes DigiNetz teilnehmen möchten und an der Vernetzung mit anderen digital-affinen Landwirtinnen und Landwirten interessiert sind, melden Sie sich gerne bei Lena Jakobi oder Martin Himmelmann (siehe Kontakt-Box).


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