Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Biodiversität

III) Pflanzenbauliche Aspekte

III) Ackerbrachen erfolgreich anlegen – Pflanzenbauliche Aspekte

Selbstbegrünung, Ansaat oder Überführung?

Es hat sich als naturschutzfachlich besonders vorteilhaft erwiesen, die Entwicklung der Stilllegungsflächen sich selbst zu überlassen. Viele Insekten sind auf spezifische, heimische Pflanzenfamilien oder gar einzelne Arten angewiesen. Mit dem Schwinden wildbegrünter Flächen finden diese immer weniger Futterpflanzen und sind so besonders in ihrem Bestand gefährdet. Ihr Fehlen wirkt sich deutlich auf die Bestäubungsleistungen und natürliche Schädlingsregulierung aus.

Eine Selbstbegrünung ist vorrangig für magere und ertragsschwache Standorte geeignet. Dort herrscht häufig ein geringerer Druck an starkwüchsigen oder ackerbaulich problematischen Beikräutern/-gräsern. Wenn Unkrautprobleme im Vordergrund stehen, bietet sich auch die Möglichkeit einer Überführung von Ackerfutter oder einer Untersaat in die Stilllegung. Nähere Hinweise hierzu finden sich in unseren „Empfehlungen für Stilllegungsflächen in Biobetrieben“.

Standortwahl und Saatgutmischung

Ertragsstarke, nährstoffreiche Flächen sowie Flächen mit einem hohen Beikrautdruck können auch gezielt begrünt werden. Hierfür infrage kommende Saatgutmischungen unterscheiden sich in Bezug auf Standzeit, Standorteignung, Vorfruchtwirkung, Kosten und Biodiversitätswert sowie Einsatzmöglichkeit je nach förderrechtlichen Rahmenbedingungen (GLÖZ oder Öko-Regelungen).

Während Ackerfrucht- oder Leguminosengemenge sich bei entsprechender Artenzusammensetzung günstig auf potentielle Verunkrautungen oder die Regulation von Schaderregern auswirken, punkten Blühflächen als Nahrungsquelle für Insekten und Bruthabitat für Offenlandarten. Bei gezielter Flächenauswahl, standortangepasster Mischung, sorgfältiger Saatbettbereitung und Fruchtfolgestellung können auch beim Einsatz von Blühmischungen Verunkrautungen und phytopathologische Risiken eingedämmt werden.

Saatgutauswahl nach Biodiversitätskriterien

Vorrangiges Ziel der Ackerbrachen ist die Bereitstellung eines geeigneten Lebensraums für Insekten und andere im Offenland lebende Arten. Eine Ansaat sollte daher den ökologischen Funktionen einer selbstbegrünten Fläche möglichst nahekommen. Dies umfasst im Idealfall regional angepasste Pflanzenarten, ein breites Artenspektrum und Standzeiten, die dem Deckungsbedarf wildlebender Arten in der Agrarlandschaft entsprechen.

  • Regiosaatgut (gebietsheimisches Saatgut) ist in der Regel genetisch besser an die lokalen Umweltfaktoren angepasst als gebietsfremdes Saatgut. Durch eine konkurrenzbedingte Verdrängung oder auch durch eine Kreuzung von gebietsheimischen und gebietsfremden Pflanzen (sog. Florenverfälschungen) können wichtige Anpassungen an den Standort verloren gehen und spezifische Beziehungen zwischen Insekten und Pflanzenarten gestört werden. Beispielsweise sind spezialisierte Wildbienenarten davon abhängig, dass die bestimmte Pflanzenart, von der sie Nektar und Pollen zur Anlage ihrer Brutzellen benötigen, innerhalb ihrer kurzen Lebensspanne offene Blüten trägt. Informationen zur Abgrenzung der Gebiete
  • Neben der Herkunft der Arten beeinflusst das Artenspektrum einer Mischung das ökologische Potential des Bestands. Von Saatgutmischungen, die einen hohen Anteil an Kulturpflanzen enthalten, profitieren vorrangig die Generalisten unter den Insekten. So kann sich beispielsweise die Honigbiene von einer Vielzahl von Pflanzenarten ernähren. Gegenüber spezialisierten Arten hat sie so einen Entwicklungsvorteil und stellt im ungünstigsten Fall eine Konkurrenz um knappe Ressourcen dar, wenn phasenweise kein zusätzliches Blühangebot in erreichbarer Umgebung angelegt wird.
    Mischungen mit einem hohen Anteil an Kulturpflanzen gehen zudem häufig mit einer hohen Bestandsdichte und einer kurzen Standzeit einher. Wertvoller Strukturreichtum geht so verloren.
  • Mit einem Umbruch der Stilllegungsflächen verlieren die angesiedelten Tiere Deckung, Nahrung und Überwinterungs- sowie Fortpflanzungsmöglichkeit, vor allem wenn keine Ausweichhabitate (z.B. artenreiche Wegränder oder mehrjährige Blühflächen) im näheren Umkreis vorhanden sind. Bei mehrjähriger Standzeit bleiben entstandene Lebensräume länger erhalten bzw. können sich überhaupt erst in der erforderlichen Qualität entwickeln.

 

Soll der Biodiversitätswert einer angesäten Stilllegungsfläche maximiert werden, empfiehlt es sich daher, auf Saatgutmischungen mit mehrjährigen, regionalen Wildpflanzen zurückzugreifen. Vergleichsweise hohe Saatgutpreise verteilen hierbei sich auf mehrere Jahre Standzeit. Gleichzeitig werden Arbeitskosten eingespart und nicht nur direktvermarktende Betriebe profitieren vom positiven Image dieser zielführenden Gestaltung der Ackerbrache.

 

 

 

Saatgutmischungen für Ackerbrachen

Abhängig von Standorteigenschaften und angestrebter Funktion des Aufwuchses werden unterschiedliche Ansaaten für Ackerbrachen im Handel angeboten. Aufgeführte Mischungen wurden exemplarisch ausgewählt, es finden sich zahlreiche weitere Optionen. Alle Angaben (Stand August 2023) erfolgen ohne Gewähr und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Durch mögliche Mischungsänderungen seitens der Anbieter und zwischenzeitlich zu erwartende Änderungen der Fördervoraussetzungen wird eine eigene Überprüfung empfohlen.

Saatgutmischungen, Stand: August 2023

FunktionBeispiel MischungRegio-nalitätStand-zeitArten-spektrumBeschreibung
Mehrjährige BlühflächenBlühende Landschaft von Rieger Hoffmann für Herbstaussaat, Herkunftsregion West wählbar, für dauerhafte++++++
  • Einjährige Kulturpflanzen, Zweijährige Wildpflanzen
  • bieten unterschiedliche Lebensräume: beginnen blühend, vergrasen zunehmend
  • höhere Kosten, jedoch längere Standzeit
  • beste Ansaat zur Förderung der Biodiversität und zum Erhalt pflanzengenetischer Vielfalt
Lebensraum 1 von Freudenberger oder Saaten Zeller, für 5-jährige Standzeit0++++
Wildäsungs-
flächen
Renaturierungs- und Wildäsungsfläche von Camena0+0
  • oft für schattige Bereiche
  • an Bedürfnisse von Hoch- und Niederwild angepasst
  • Saat von Frühjahr bis Mitte/Ende August möglich
  • teils über- / teils mehrjährig
  • teils Regiosaatgut = variabler ökologischer Nutzen
Horrido von Saatenunion0++
Progreen Rehwiese von Freudenberger0+++
Öko- Regelung
1b
Eco Schemes 1b/c HE, von L. Stroetmann Saat0++
  • Kulturpflanzenmischung
  • Erfüllung Vorgaben für ÖR 1b/c (ausschließlich Arten der Pflanzenliste nach Anhang A, B)
  • einfache Insektenweide für Generalisten
  • Ökologischer Mehrwert als Lebensraum eher bei zweijähriger Standzeit
SaatPlus 4 – Eco Schemes / Ökoregelungen 1 b/c – Nektar & Pollen HE, Saaten Zeller, (ein- und mehrjährige Var.)0++
Naturplus ÖR 1b/c 200 HE – Blühende Brache, mehrjährig Hessen, Bayr. Futtersaatbau0++
Nährstoff-
bindung
Landsberger Gemenge0+0
  • Leguminosen fixieren Stickstoff im Boden
  • Übergangshabitat
Geovital SK 300 von BSV0+0
Einjährige
Blühflächen
Biene ECO 2.1 von SAATEN-UNION (in Hessen auch als ÖR 1b möglich)0++
  • zuverlässiges und schnelles Auflaufen durch Phacelia, Senf oder Buchweizen (Kulturpflanzen)
  • Getreide oder Mais als Folgekultur (Krankheits- und Unkrautmanagement)
  • Insektenweide für Generalisten
  • kurze Standzeit als ökologischer Nachteil
Beikraut-
Regulation
Beweidung
Brache von SAATEN-UNION0+0
  • schellwüchsige und dichte Narbe
  • mehrjährig
  • fehlender Kräuteranteil und hohe Bestandsdichte als ökologischer Nachteil
Mehrgras 320 o. 900 von Freudenberger, Wiesenmischung für extensive Nutzung0+0
Nematoden-
Regulation
Mischungsauswahl im LLH-Zwischenfruchtfinder: https://pflanzenproduktion.llh-hessen.de/greeningzwfr/grzw_web.php000/+
  • Einjährige Blüh-/Zwischenfrucht-mischungen mit resistenten Sorten von Senf und Ölrettich
  • Kurzlebige Kulturpflanzen mit begrenztem ökologischen Nutzen

Professionelle Ansaat als Grundlage

Die Etablierung der Stilllegung im Rahmen von GLÖZ 8 wird zeitnah nach der Ernte der Vorkultur gefordert. Da jedoch im Folgejahr der Einsatz von Herbiziden oder eine mechanische Unkrautregulierung nicht möglich ist, gilt es ein optimales Saatbett herzurichten. Es sollte feinkrümelig und gut abgesetzt sein. Auflaufende Ackerunkräuter können vor der Saat durch wiederholte oberflächliche Bodenbearbeitung reguliert werden, sofern die Witterungsbedingungen eine zügige Umsetzung zulassen. Bessere Möglichkeiten hierfür bieten das Zeitfenster im Rahmen von Öko-Regelung 1b.

Blühmischungen mit Wildpflanzenarten enthalten Lichtkeimer. Das Saatgut sollte daher nur oberflächlich abgelegt werden. Wichtig für eine gleichmäßige Keimung ist der Bodenschluss der Samen, z.B. durch Anwalzen. Auf Flächen mit geringem Beikraut-druck und Nährstoffniveau ermöglicht eine reduzierte Saatdichte die Entwicklung einer lückigen Vegetation und die für viele Arten notwendige Bodenerwärmung.

Mindesttätigkeit oder Beweidung als zielführende Pflege

In vielen Fällen erfordern mehrjährige Brachen Maßnahmen, um die Bestände für Wildtiere offen zu halten. Dies kann durch eine gestaffelte Mahd/Mulchen oder durch eine Beweidung mit wechselnder Fläche, Dauer und unterschiedlichem Tierbesatz erreicht werden. Hierdurch entstehen Zonen mit variablem Bewuchs, woraus verschiedene Versteck-, Nahrungs-, Brut- und Klimabereiche für wildlebende Arten resultieren. Nach GLÖZ 8-Vorgaben ist die Pflege der Stilllegung (in Form der Mindesttätigkeit) vor dem 1.4. und nach 15.8. bis zum 15.11. des Antragsjahres möglich. Ab dem 1.9. können Schafe und Ziegen auf den Ackerbrachen weiden.

Besonders wildtierfreundliche Pflegevarianten

  • Eine abwechselnde Pflege ist besonders praktikabel, wenn die Stilllegung in zwei (mind. 0,1 ha) Schläge geteilt und für mehr als ein Jahr am selben Ort belassen wird. So kann, bei einer Mindesttätigkeit in jedem zweiten Jahr, jährlich einer der beiden Schläge ungepflegt oder unbeweidet bleiben. Außerdem ist es möglich, einen Teil einer Stilllegung im Frühjahr (1.1.- 31.3.) und den anderen im Herbst (16.8.-16.11.) zu bearbeiten.
  • Bei einer Frühjahrspflege erst ab Mitte März (aber vor Beginn der Sperrfrist am 1. April) ermöglichen steigende Temperaturen das vorherige Ausschwärmen von Insekten. Eine Pflege im späteren Herbst erhält die Deckung über einen längeren Zeitraum. Ideal ist ein Mosaik aus Ackerbrachen mit unterschiedlichen Pflegezeitpunkten.
  • Insbesondere auf mageren Flächen kann eine Mahd mit Abfuhr des Schnittguts zur Aufwertung der Brache beitragen, da Nährstoffe entzogen werden und die Entwicklung empfindlicher Pflanzen nicht durch eine Mulchschicht und konkurrenzstarke Nachbarn behindert wird. Allerdings darf das Schnittgut nicht genutzt werden!
  • Ein wildtierfreundliches Vorgehen bei der maschinellen Pflege umfasst das Mähen/Mulchen vom Schlaginneren nach außen und mit mäßiger Geschwindigkeit oder einen Hochschnitt, um Wildtieren die Flucht/Deckung zu ermöglichen.

Tipps zur Wiederinkulturnahme von Brachflächen

Über das Vorgehen bei der Wiederinkulturnahme einer stillgelegten Fläche entscheidet letztendlich nicht die Dauer der Stilllegung, sondern der Zustand der Fläche. Steht auf der Fläche ein aus pflanzenbaulicher Sicht unproblematischer Bewuchs (keine Wurzelunkräuter oder Problemgräser wie Weidelgras oder Fuchsschwanz), kann der Umbruch der Fläche rein mechanisch erfolgen. Da die Bearbeitung der Fläche erst ab dem 01.09 (bzw. ab dem 15.08. bei Aussaat von Winterraps und Wintergerste) erfolgen kann, sollte der Aufwuchs zuerst mit einem Mulcher zerkleinert werden. Die dadurch entstandene Schicht aus organischem Material kann anschließend durch eine mischende Bodenbearbeitung (Grubber oder Scheibenegge) in den Oberboden eingearbeitet werden.

Ist nach einer langjährigen Stilllegung viel organisches Material auf dem Oberboden angefallen, bietet es sich an, die Einmischung in den Oberboden in mehreren Schritten durchzuführen. Dabei kann die Arbeitstiefe, beginnend mit ca. 5 cm bei jedem Arbeitsgang um weitere 5 cm abgesenkt werden. Erst wenn das organische Material eingearbeitet ist, sollte der Pflug zum Einsatz kommen. Denn wird die Schicht aus organischem Material direkt nach dem Mulchen untergepflügt, können im Unterboden Mulchschichten entstehen, die für die Wurzeln der Folgekultur eine unüberwindbare Barriere darstellen.  Ein weiterer Vorteil einer mehrmaligen Bearbeitung ist, dass mehrere Wellen der Samenbank im Boden keimen und mechanisch beseitigt werden können.  Nach dem letzten tief mischenden Arbeitsgang oder auch der Pflugfurche, kann dann die Folgekultur gesät werden.

Stehen auf der Fläche vermehrt Wurzelunkräuter, die durch eine rein mechanische Bodenbearbeitung nicht nachhaltig beseitigt werden können, kann eine chemische Beseitigung der unerwünschten Pflanzen nötig werden. Hier sind die gesetzlichen Auflagen und Zulassungsbestimmung der einzelnen Pflanzenschutzmittel einzuhalten. Nachdem die Fläche behandelt und die Wartezeit eingehalten wurde, kann wie zuvor beschrieben mit der Fläche umgegangen werden.


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